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11.07.2026
17:33 Uhr
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Die Schweizer brauchen im Viertelfinale gegen Weltmeister Argentinien ziemlich sicher einen überragenden Torhüter. Dass Gregor Kobel das ist, davon waren nicht immer alle überzeugt – bisher.

Jetzt hat auch Gregor Kobel seinen großen Schweizer Fernsehmoment, begleitet von fast denselben Worten wie sein Vorgänger. „Kobel hält! Kobel hält! Ko-bel hält!“, rief der bekannte SRF-Kommentator Sascha Ruefer am Dienstag in Vancouver ins Mikrofon, als Kobel im Achtelfinale der Weltmeisterschaft im Elfmeterschießen den Ball des Kolumbianer Cucho Hernández parierte. Erneut stammten die berühmten Worte zu einem historischen Triumph somit von Ruefer. Sie haben schon einmal eine Karriere geprägt.
„Sommer hält! Sommer hält! Som-mer hält!“ ist bis heute ein legendärer Ausruf im Schweizer Fußball. Er machte aus dem sehr guten Torhüter Yann Sommer den legendären Torhüter Yann Sommer, der im Sommer (der Jahreszeit) 2021 bei der Europameisterschaft in einem fantastischen Achtelfinale den entscheidenden Elfmeter von Kylian Mbappé hielt. Die Nati, wie die Auswahl der Schweiz genannt wird, erreichte damals erstmals ein EM-Viertelfinale, schlug die große Fußballnation Frankreich, durchbrach eine Schallmauer. Und der Torhüter wurde zum Helden erkoren.
Der Status des mit 1,83 Metern für einen Torwart relativ kleinen Sommer, der seit 2014 als Stammtorhüter im Schweizer Tor stand, wurde nach diesem Elfmeterschießen so groß, dass sich hinter ihm ein eindrücklicher Schatten bildete. In dem standen über die Jahre schon andere sehr gute Torhüter aus der herausragenden Torhüternation Schweiz wie Marwin Hitz und Roman Bürki. Sie bleiben allerdings stets Nummer zwei, wenn auch unter Wehklagen. Hitz etwa kritisierte den Torwarttrainer der Nationalmannschaft, Patrick Foletti, genannt „Fox“, einst scharf in der Neuen Zürcher Zeitung: Foletti, ein sehr angesehener Mann in der Branche, sei „zu eng“ mit Sommer verbunden, gebe anderen keine Chance und fördere nur seinen Liebling.
Es war insofern eine belastete interne Situation, in der Gregor Kobel im Herbst 2024 das Erbe des legendären Sommer antrat. Foletti und Kobel wurden Spannungen nachgesagt, obwohl sich beide lange kannten. Der eine hatte den anderen in der Jugendzeit betreut, beim Grasshopper Club Zürich, wo man in Kobel jedoch nicht das allergrößte Potenzial erkannte: Im Blick schilderte Foletti einst, dass er den jugendlichen Kobel an die TSG Hoffenheim vermittelte, von wo aus er über die Stationen Augsburg und Stuttgart zu Borussia Dortmund gelangte. Und trotzdem haftete an Kobel immer ein gewisses Underdog-Image, weil er dem sogenannten modernen Torwartspiel nicht ganz entspricht.
In der Nati fiel das besonders auf. Dort wurde Kobel an seinem Vorgänger gemessen, der genau dieser Schule entsprang: Sommer ist körperlich unscheinbarer als der zwölf Zentimeter größere Kobel, aber er verbindet technisch perfektes Torwartspiel mit bemerkenswerten fußballerischen Fähigkeiten. Ganz anders als Kobel, der sehr instinktiv agiert, manchmal unkonventionell und mit dem Ball am Fuß nicht immer sicher ist. In Kombination mit einer schwachen Phase der gesamten Schweizer Mannschaft im Herbst 2024 samt einem Abstieg in der Nations League führte das direkt in eine Krise: Kobel kassierte in seinen ersten sechs Spielen als Schweizer Stammkeeper zwölf Gegentore, wurde viel kritisiert, die Schweizer Medien berichteten sogar von Misstrauen innerhalb der eigenen Mannschaft.
„Es war eine lehrreiche Erfahrung, die ich erleben durfte“, sagte Kobel im Rückblick auf sein erstes Jahr als Nummer eins. Mit einer gewissen Gelassenheit, denn: Danach wurde es besser.
Eine merklich gereifte Persönlichkeit stand am Dienstag in der Pressezone des Stadions von Vancouver. Als „Spieler des Spiels“ wurde Kobel für seine Leistung gegen Kolumbien geehrt, was nicht nur wegen seiner Parade im Elfmeterschießen gerechtfertigt war, sondern auch, weil er in der Verlängerung zweimal herausragend pariert hatte. Er sei zwar immer noch „schlecht darin, über Emotionen zu sprechen“, sagte Kobel. Aber: „Sportlich ist das ganz sicher der schönste Tag meines Lebens. Ich brauche wahrscheinlich noch einen Moment, um das alles zu realisieren.“
Sein Trainer Murat Yakin würdigte Kobel und erinnerte an die USA-Reise, die die Schweizer im vergangenen Sommer unternommen hatten. „Das war der Einstieg ins WM-Jahr, auch für ihn und seine Position“, sagte Yakin, der in Kobel seitdem einen Rückhalt sieht, der auf Risiko verzichtet, aber „auch bei den technischen Elementen immer besser ins Spiel“ findet. Mit der USA-Reise jedenfalls begann für die Schweiz eine Erfolgsphase, die über eine Qualifikation ohne Niederlage nun erstmals in ein WM-Viertelfinale führte.
„Es ist alles drin, wir können als kleines Land einfach aufspielen, weil wir nichts zu verlieren haben – auch wenn es verrückt ist, dass wir da stehen, wo wir stehen“, sagte Kobel nach dem Spiel gegen Kolumbien. Der 28-Jährige hat nun die Chance, weiter an seinem Denkmal zu bauen: Im Viertelfinale gegen Argentinien wird Kobel vermutlich genauso im Fokus stehen wie in den vergangenen Wochen der kapverdische Torhüter Vozinha und der Ägypter Mostafa Shobeir, die den aktuellen Weltmeister mit herausragenden Leistungen zumindest an den Rand einer Niederlage brachten.
Er werde sich auf Lionel Messi und die argentinische Offensive nicht besonders vorbereiten, sagte Kobel. Er erinnert nicht nur fußballerisch an die etwas vergessene Spezies des klassischen Torhüters. Sondern klingt manchmal auch wie ein Keeper der alten Schule: „Du kannst dir gerne anschauen, dass die hundertmal nach rechts schießen, aber wenn er einmal nach links schießt, hast du den Salat“, sagte Kobel. Er verlässt sich lieber auf seinen Instinkt – der hat ihn in seiner Karriere schließlich weiter gebracht, als es ihm so manch einer zugetraut hatte.
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