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01.10.2026
14:28 Uhr
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Das Prinzip ist simpel und 100 Jahre alt. Trotzdem lockt der Autoscooter noch immer: Väter mit Kindern und Liebespaare, Jungs in weiten Hosen und „coole Mädels“. Und dann ertönt die Hupe. Mööp!

Der Letzte will nicht gehen. Es ist kurz nach halb zwölf, der Mond steht am Himmel. Die Bierzelte sind längst geschlossen, die Schießbuden-Besitzer tragen riesige Plüschtiere über die Wiesn, und der Mann mit Trachtenhut will noch einmal Autoscooter fahren. Drei letzte Runden hatte der Chef gegeben, die Musik war da schon verstummt. Und nun schaltet Bernhard Kollmann auch das Licht aus, „jetzt ist Schluss“, sagt er, „gute Nacht, bis morgen“, und lässt die Jalousie an der Kasse herunter. Feierabend beim Autoscooter.
Vielleicht gibt es aufregendere Fahrgeschäfte als den Autoscooter: keine Loopings, permanenter Bodenkontakt, maximal zehn Kilometer pro Stunde. Kein Vergleich zu der rauschhaften Fahrt im Fünfer-Looping, zu dem Ausblick aus 90 Metern Höhe vom Kettenkarussell oder dem Grusel, der einen in der Geisterbahn packt.
Und doch geht ein Sog von diesem Fahrgeschäft aus. Zu einem Volksfest gehört ein Autoscooter, so wie der Mandelstand und die Bierleichen. Und weil die Wiesn eben das weltweit größte Volksfest ist, gibt es hier gleich mehrere.
Ein Montagnachmittag, die zweite Wiesnwoche beginnt und die Sonne strahlt. Am Autoscooter in der Wirtsbudenstraße läuft die Nachmittags-Playlist, Hits aus den 80ern und Schlager, ein Vater fährt mit seinem Sohn, hat den Arm um ihn gelegt, ein Mädchen fährt seine Oma spazieren.
Bernhard Kollmann sitzt in Jeans, kariertem Hemd und Weste in seiner Kabine am Rand des Fahrgeschäfts, leicht erhöht, durch ein breites Fenster überblickt der 64-Jährige das Geschehen.
Vor sich das Mikro und die Fahrchips, links ein Kasten voll Technik: ein grüner Startknopf, Anzeigen für Fahrzeit, Pausenzeit, Spannung und Strom, Tasten für verschiedene Huptöne. Die Fernbedienung für den Disconebel liegt vor ihm. Aber dafür ist es noch zu früh, es ist fünf Uhr am Nachmittag, die Sonne strahlt auf die Fahrbahn, „außerdem ist der Nebel grad leer“, sagt er, den müsse er nachfüllen.
Das Prinzip des Autoscooters ist simpel: eine Fläche aus Stahl, in diesem Fall vierundzwanzig mal zwölf Meter groß, zwei Dutzend Fahrzeuge, flackerndes Licht, laute Musik. Autoscooter fahren mit Strom, je mehr Volt, desto schneller fahren sie. Das Netz unter der Decke des Fahrgeschäfts ist ein Plus-Pol, die Stange am Wagen der Stromabnehmer, und unter dem Wagen dreht sich eine Drahtbürste, die den Kontakt zur Fahrbahn, zum Minus-Pol, herstellt.
Eine Fahrt bei Bernhard Kollmanns Scooter-Zone kostet fünf Euro, fünfzehn Fahrten fünfzig Euro. Wenn er am Mikro sitzt und die Fahrt vorbei ist, dann sagt er nicht aussteigen, er sagt einsteigen, bitte.
Chip rein, Hup-Geräusch, es geht los. Etwa zwei Minuten dauert eine Runde, wenn der rote Zeiger in der Fahrzeit-Anzeige bei null angekommen ist, bleiben die Autos stehen. Und alles beginnt von vorn.
Ein Kind zieht einen Schmollmund, als sein Auto stehen bleibt. Am Rand steht eine Gruppe angetrunkener Männer und tanzt zu „I’m too sexy“, ein Mann um die 30 lenkt mit links, in der rechten Hand hält er das Handy und filmt seine Fahrt. Eine junge Frau im Dirndl filmt auch beim Fahren, hat die Kamera aber gedreht, sie nimmt sich selbst auf.
Und ein Mann um die 50 sitzt ein wenig schief in seinem Wagen, er dreht Runde um Runde, fährt im Kreis, lächelt in sich hinein, hat die Tasche voller Chips.
Bernhard Kollmann hatte mit 22 seinen ersten Autoscooter. Seine Frau und er kauften ihn seinem Schwiegervater ab. Beide sind in Schaustellerfamilien hineingeboren, sie lernten sich auf dem Volksfest kennen, irgendwann funkte es. Im Autoscooter? Bernhard Kollmann lacht und schüttelt den Kopf, aber seitdem sind sie viele Runden gemeinsam gefahren.
Inzwischen ist er Großvater und fährt vor allem mit den Enkelkindern. Die machen das gut, sagt er, nur der Kleine reicht mit dem Fuß noch nicht ans Gaspedal ran, da hilft er.
Es ist kurz nach sieben, die Sonne verschwindet allmählich hinter den Bierzelten und die Wiesn beginnt zu leuchten. Der Autoscooter fängt an zu blinken und Kollmann startet die Abend-Playlist.
Eine Gruppe Jungs in weiten Hosen und Trainingsjacken nähert sich, sie stehen etwas unschlüssig herum, einer mit einer langen silbernen Kette um den Hals stellt seine Fantadose auf der Stufe ab, die sich um die Fahrbahn zieht. Zwei steigen in einen Scooter, die anderen stehen lässig daneben.
Wer zum Autoscooter kommt, der weiß, was ihn erwartet. Und trotzdem, oder gerade deswegen, kommen sie: die Jugendlichen, die Pärchen, die Männergruppen und die Väter mit ihren Kindern.
Weil hier geht, was sonst nicht erlaubt ist: Rempeln und Verfolgungsjagden, im Kreis fahren und rückwärts auch, und eine Promillegrenze gibt es auch nicht. Hier gelten andere Regeln. Und es gibt welche, die sie in Perfektion beherrschen.
Zwei Männer Anfang 30 steigen ein, jeder in einen Scooter. Die linke Hand legen sie über die Lehne, mit rechts lenken sie. Konzentrierter Blick, sie heben den Po leicht an, bevor sie ein anderes Fahrzeug rammen. „Das ist unsere Kindheit“, sagt der eine danach und lacht. Ja, sie haben viel Zeit am Autoscooter verbracht, rückwärtsfahren war besonders cool, sagt er. Heute wollen sie weiter, ins Zelt.
Erfunden wurde der Autoscooter in den USA, seit 100 Jahren gibt es ihn in Deutschland, der erste stand 1926 auf einer Messe in Düsseldorf. Etwas später, im Jahr 1938, hatte auch das Oktoberfest seinen ersten Autoscooter. Zu einer Zeit, als ein eigenes Auto für die meisten in Deutschland ein unerreichbarer Luxus war. Am Lenkrad sitzen, ein Fahrzeug steuern – wahrscheinlich fühlte sich das damals noch mehr wie ein Abenteuer an.
Und vor 70 Jahren wurde ein Autoscooter sogar zum Zentrum sogenannter Halbstarken-Unruhen: 150 Jugendliche hatten sich im Juli 1956 auf der Auer Dult in München beim Autoscooter versammelt und sich abends geweigert, nach Hause zu gehen. Als die Polizei Druck machte, kam es zu einer Auseinandersetzung, Jugendliche warfen Steine, Polizisten schlugen mit Gummiknüppeln zu.
Halbstarke nennt sie heute niemand mehr, aber immer noch ziehen Autoscooter junge Männer an. Diese diebische Freude, einen anderen zu rammen, ihm den Weg abzuschneiden, den anderen Wagen an die Bande zu quetschen, die sieht man ihnen an – und manchen Frauen auch.
Zu denen zählen die beiden jungen Frauen, die mit je einem Kuscheltier im Arm am Rand stehen, eher nicht. Sie warten auf ihre Männer, die ihnen die Plüschtiere geschossen haben. Die drehen noch eine Runde, „wie kleine Kinder freuen sie sich“, sagt die eine und lacht. Ihre Freundin und sie hatten nach zwei Runden genug. „Aber für ein erstes Date ist es cool“, sagt sie, „romantisch.“
Wenn sich beim Autoscooter was verändert hat, dann die Sache mit dem Filmen. Frauen, Männer, fast alle halten beim Fahren ihr Handy in der Hand, filmen einander, machen Selfies. Jeden Tag habe er 20 Handys bei sich liegen, sagt Bernhard Kollmann, seine Leute finden sie in den Fahrzeugen. Die meisten würden schnell abgeholt.
Vier Frauen Mitte 20, alle im Dirndl, steigen in zwei Autos, wollen ihre Chips einwerfen, zwei Mitarbeiter laufen zu ihnen, „noch nicht!“, sonst haben sie nicht die volle Fahrzeit. Eine legt erst den Gurt um, schlüpft dann wieder heraus. Es läuft „I kissed a girl“, sie singen mit, tanzen im Sitzen. „Früher standen die coolen Jungs am Autoscooter“, sagt eine nach zwei Runden. „Oder die, die das von sich glaubten“, sagt ihre Freundin, „und heute die coolen Mädels!“ Drei Männer in blau-weiß-karierten Hemden quatschen sie auf Englisch an, kassieren eine Abfuhr, die vier ziehen weiter.
Ob das alles doch mal seinen Reiz verliert? Glaube er nicht, sagt Kollmann. „Alle lachen und haben Spaß.“ Der Autoscooter sei der Treffpunkt der Jugend auf dem Volksfest: lässig rumstehen, die anderen abchecken und gesehen werden, ein Mädchen zu einer Fahrt einladen – so war das früher, und so sei es auch heute noch, sagt Kollmann.
Wegen der Lichter, der Beats und wegen des Disconebels.
Je später der Abend, desto lauter die Musik, desto mehr Nebel und Blitzlicht – und umso weniger Leute bekommen das auf die Reihe: Chip rein, Gas geben, losfahren.
Es ist viertel nach zehn und eine Gruppe junger Männer mit Hendlhüten steht an der Kasse an, es läuft „Alors on danse“. Der Himmel ist dunkel, die Bierzelte schließen, auf den Wegen und im Autoscooter wird es voll: Die Anziehungskraft des Autoscooters hat ihren Höhepunkt erreicht.
Alle Fahrzeuge sind besetzt, Gruppen stehen am Rand und warten. Ein Mann trägt Sonnenbrille und telefoniert beim Fahren. Einer sitzt im Wagen, raucht und findet den Schlitz für den Fahrchip nicht. Ein Mitarbeiter mit Security-Weste zieht einen Betrunkenen hoch, der auf der Fahrbahn gestolpert ist. „Rechts Gas geben!“, ruft Bernhard Kollmann durchs Mikro, einem jungen Mann fällt der Hendlhut auf die Fahrbahn. Nächste Durchsage: „Insulinspritze wurde gefunden“, die Musik dröhnt.
Ihre zwei Minuten sind noch nicht abgelaufen, da fährt ein Pärchen Mitte 30 an den Rand und steigt aus. „Wir waren ein super Team“, sagt sie. „Wir waren richtig gut“, meint er, dann gehen sie Hand in Hand davon.
Das ganze Jahr fiebern sie auf die Wiesn hin, sagt Kollmann, es sei eine Auszeichnung, hier mit einem Fahrgeschäft dabei sein zu dürfen. Wie es heuer läuft? „Super Wetter, wenig Schlägereien, eine tolle Wiesn.“
Aber wenn es nach 16 Tagen vorbei ist, dann ist das auch jedes Mal gut.
Es ist zwanzig nach elf, noch zehn Minuten, dann schließen die Fahrgeschäfte. Ein paar Wagen fahren noch, ein Mann mit roter Rose im Knopfloch legt seinen Arm um den neben ihm, zwei junge Frauen ignorieren einen Typen, der erst lächelt und dann ihren Wagen rammt. Eine Flaschensammlerin geht vorbei, sie trägt zwei volle Plastiktüten.
Und um 23.33 Uhr ist dann wirklich Schluss. Ein Pärchen steht knutschend neben dem Autoscooter, und auch der letzte Fahrgast verabschiedet sich, „ciao ciao“, in Richtung 089 Bar. Die Mitarbeiter fegen den Müll von den Stufen, fahren die Autos in die Mitte, das sieht ordentlicher aus. Bernhard Kollmann macht noch die Kasse, dann wird er die paar Schritte zu seinem Wohnwagen laufen. Und morgen Früh beginnt alles wieder von vorn. Einsteigen, bitte!
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