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17.03.2026
13:35 Uhr
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Wie wird man eigentlich Weltmeister? Bei der Lit.Cologne diskutiert Jogi Löw mit den Titelträgern Renate Lingor und Rainer Bonhof. Ein Abend, der nur bedingt literarisch, aber unbedingt nostalgisch gerät.

Im Fußball bekommen die Erwartungen an die anstehende Partie bisweilen einen Dämpfer, wenn kurz vor Beginn bekannt wird, dass ein wichtiger Spieler ausfällt. Ähnlich geht es dem Besucher der Lit-Cologne-Veranstaltung „Wie wird man eigentlich Weltmeister?“ im Kölner Theater am Tanzbrunnen, als Festivalchef Rainer Osnowski kurz vor Anpfiff bekannt gibt, der angekündigte Teilnehmer Pierre Littbarski sei leider verhindert. Am selben Abend wird in Hamburg der Dokumentarfilm „Ein Sommer in Italien“ zum WM-Titel 1990 vorgestellt, da musste Litti hin.
Eine aufgekratzte Rasselbande älterer Herren trifft sich in München im Kino, zu sehen sind da etwa ein weinender Thomas Häßler, der ewig-alberne Pierre Littbarski und eine ganz besondere Devotionalie.
Das ist schade, denn erstens ist Littbarski, nicht nur nach Fußballermaßstäben, ein sehr witziger Mensch. Und zweitens erinnert man sich an jene WM, bei der Litti und Thomas Häßler ein bisschen brasilianisches Flair ins deutsche Mittelfeld dribbelten, nun mal mit besonders ausgeprägter Nostalgie. Aber das ist generationsbedingt. Auch alle anderen Teilnehmer an dem von Sportjournalist Christoph Biermann moderierten, nur bedingt als literarisch zu bezeichnenden Talk stehen für Weltmeistertitel, jeder mit einer eigenen Nostalgie: Rainer Bonhof siegte 1974, Renate Lingor gleich zweimal hintereinander, 2003 und 2007, und Joachim Löw, der einzige Coach an diesem Abend, 2014.
Natürlich erfahren die Zuschauer an diesem Abend nicht wirklich, wie genau man Fußballweltmeister wird. Oder, um es mit Jogi Löw zu sagen: „WM kann mer ja jetzt nicht garantiere, aber mer kann die Voraussetzunge dafür schaffe.“ Doch man lernt einiges über die Art von Mentalität, die zum Sieg beiträgt. Renate Lingor etwa, die in den USA und China Weltmeisterin wurde, erzählt von der feindseligen Atmosphäre beim Halbfinale gegen die USA 2003, bei dem die amerikanischen Fans die deutsche Mannschaft ausbuhten.
„Das hat mich motiviert“, sagt Lingor, und es sei schön gewesen, dass das Stadion im Laufe des Spiels immer stiller geworden sei – was vor allem daran lag, dass es 3:0 für Deutschland ausging. Rainer Bonhof berichtet von einem Austausch mit Wolfgang Overath im Finale 1974 nach der 1:0-Führung der Niederländer, die versuchten, Deutschland spielerisch vorzuführen: „Ich habe zu Overath gesagt: Das geht jetzt aber nicht. Und er meinte: Nee, das geht nicht.“ Und dann hätte man eben gewonnen.
Man hatte fast das unruhig-genervte Gefühl vergessen, dass einen in Jogi Löws letzten Dienstjahren als Nationaltrainer zuverlässig bei DFB-Pressekonferenzen beschlich. Jetzt ist es wieder da, jedes Mal, wenn Löw zu einer seiner mäandernden Einlassungen ansetzt („Es gibt, sammermal, verschiedene Dinge“) Dagegen ist es eine echte Freude, Bonhof die alten, wohl erprobten Schoten aus den 74er-Trainingsunterkünften zum Besten geben zu hören. Von den dünnen Wänden in den Unterkünften zum Beispiel. „Wenn der Sepp Maier, der ja immer Tabak geschnupft hat, sich morgens die Nase säuberte, waren alle wach.“ Ein Spieler, der Gitarre spielen wollte, bekam von seinem Zimmergenossen Dresche angedroht. Aber es gab eben auch die berühmte „Küchen-Aussprache“ in Malente nach der 0:1-Niederlage gegen die DDR: „Da gab es Getränke.“ Danach gab es eine Neuausrichtung für den Rest des Turniers.
Motivation während der Busfahrt zum Stadion kann vor einem Finale übrigens sehr unterschiedlich ausfallen. Bei der WM 2014 hatte jeder Spieler seine eigene Musik auf den Kopfhörern. Die Frauen hatten 2003 auch schon Kopfhörer, aber ihre Trainerin Tina Theune-Meyer drehte auf dem Weg zum Stadion die Anlage im Mannschaftsbus so weit auf, dass keine andere Musik eine Chance hatte. Theune-Meyers Vorliebe für den Radetzky-Marsch teilten allerdings nicht alle Spielerinnen. Im Bus zum WM-Finale in München 1974 herrschte dagegen weitgehend Ruhe.
Hier darf Pierre Littbarski dann, per voraufgezeichneter Videobotschaft, dann doch noch etwas beitragen. Er sei sich 1990 des Sieges so sicher gewesen, erzählt er, dass er schon vor dem Finale in Rom im Bus „We are the Champions“ spielen wollte, was die Kollegen aber unterbunden hätten. Das gilt dann wohl auch für jedes Turnier: Nie feiern, bevor man gewonnen hat.
Lothar Matthäus über den WM-Film „Ein Sommer in Italien“, sein Verhältnis zu Jürgen Klinsmann und Franz Beckenbauer – und den eigenen Nacktauftritt mit dem Pokal vor dem Schritt.
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