SZ 23.04.2026
14:25 Uhr

(+) Krise des FC Chelsea: So schlecht wie im Jahr der „Titanic“-Katastrophe


Chelsea-Trainer Liam Rosenior, erst zu Beginn des Jahres geholt, muss nach fünf Ligapleiten ohne Punkt und Tor gehen. Die „Blues“ und deren milliardenschwere Eigentümer werden wohl die Champions League verpassen.

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Vor einer Woche wandte sich Behdad Eghbali persönlich an die Anhänger des FC Chelsea. Allerdings tat der Mitbesitzer der Blues, hinter dem die Milliardenmaschinerie Clearlake Capital steht, dies nicht etwa in London, sondern Abertausende Kilometer entfernt – beim CAA World Congress of Sports in Los Angeles. Dort gewährte er einen seltenen Einblick in seine Gedanken: „Wir kümmern uns und bleiben dran!“ Das dürfte für viele Fans eher wie eine Drohung geklungen haben, sie wollen Eghbali und seine Partner, die im Mai 2022 Roman Abramowitsch abgelöst hatten, möglichst rasch wieder loswerden.

Zunächst allerdings ist erneut der Cheftrainer gegangen – bereits zum sechsten Mal unter BlueCo, wie Eghbalis Vereinsholding heißt. Am Mittwochabend verkündete Chelsea die Trennung von Liam Rosenior, 41. Das Management hatte den Engländer zu Jahresbeginn vom Partnerverein Racing Straßburg geholt und mit einem optimistischen Vertrag bis 2032 ausgestattet. Zur Begründung wurde angegeben, die Ergebnisse und Leistungen seien „unter die erforderlichen Standards“ gefallen. Damit umschrieb der Klub eine historische Niederlagenserie, wie es sie beim FC Chelsea letztmals 1912, im Jahr des Titanic-Untergangs, gegeben hatte: Fünf Ligapleiten ohne einen einzigen eigenen Treffer, zuletzt lief man beim 0:3 in Bri­ghton auf Grund, davor war man mit 2:8 im Gesamtscore an PSG im Champions-League-Achtelfinale gescheitert.

Von Zero zu Hero und zurück: 2016 wurde Leicester City sensationell englischer Meister – jetzt steigt der Klub in die dritte Liga ab. Über einen beispiellosen Absturz.

Chelsea ist in der Premier League auf den achten Platz zurückgefallen – außerhalb der Europapokalränge. Der Rückstand auf die Champions-League-Plätze beträgt vier Spieltage vor Schluss bei einem mehr absolvierten Spiel kaum mehr aufholbare sieben Punkte. Einziger gesichtswahrender Ausweg wäre der FA Cup, der mit einer Europa-League-Teilnahme belohnt wird: Im Halbfinale trifft Chelsea am Sonntag auf Leeds. Das Team wird bis zum Saisonende von Calum McFarlane betreut, der schon nach dem Rauswurf von Roseniors Vorgänger Enzo Maresca kurzzeitig eingesprungen war. Vor der Neubesetzung des Postens stehe ein „Prozess der Selbstreflexion“, kündigte der Klub schriftlich an.

„Ich bin verletzt, fühle mich wie betäubt“, resignierte Rosenior nach dem Auftritt in Brighton, nachdem er zuvor stets tapfer seine Spieler verteidigt hatte. Die Darbietung wirkte wie ein Boykott gegen den Trainer. Das wurde im Stadion selbst Eghbali bewusst, der bis zuletzt betont hatte, am Coach festzuhalten. Mehrmals wurden Aufstellungen öffentlich gemacht. Den Höhepunkt erreichten die Indiskretionen, als der Friseur von Marc Cucurella vor dem Brighton-Spiel via soziale Medien kundtat, Cole Palmer und João Pedro würden ausfallen.

Im Gegensatz zum saloppen Maresca, der mit der Mannschaft 2025 Conference League und Klub-WM gewonnen hatte und mit den Spielern gut konnte, passte Rosenior so wenig zum vorhandenen Kader wie ein Philosoph ins Reality-TV. In England wurde er als „LinkedIn Liam“ verspottet – wegen seiner geschniegelt wirkenden Ausdrucksweise. Als seine Elf kürzlich vor Anpfiff einen Kreis um den Spielball herum bildete, der bizarrerweise auch den Schiedsrichter einschloss, erklärte Rosenior kryptisch, man habe „dem Ball Respekt zollen“ wollen.

Die Unzufriedenheit mit dem Trainer und der Vereinsführung machten die Führungsspieler Enzo Fernández und Cucurella im März öffentlich. Cucurella kritisierte bei The Athletic unverblümt den Trainerwechsel und die Kaderzusammenstellung; Fernández kokettierte sogar bereits mit einem Abschied nach dieser Saison Richtung Madrid – wofür er zwischenzeitlich suspendiert wurde. Die aus vielen Talenten bestehende Mannschaft hatte gehofft, dass der Verein auf dem erfolgreichen Kader der Vorsaison aufbaut, ihn gezielt mit erfahrenen Profis verstärkt, um in Premier League und Champions League um Titel mitzuspielen.

Stattdessen torpedierte die Klubführung dieses Vorhaben, indem im Sommer abermals nahezu ein Dutzend Spieler geholt und verkauft wurde. Während unter Abramowitsch einst alles Titeln untergeordnet wurde, geht es bei BlueCo vor allem ums Geschäft. Die neuen Eigentümer wollen junge Spieler langfristig binden, um an möglichen Marktwertsteigerungen zu partizipieren. Bisher geht die Strategie jedoch nicht auf: Trotz eines Umsatzes von einer halben Milliarde Euro stand ein Verlust von mehr als einer Viertelmilliarde – ein Rekordminus im englischen Fußball.

Sportlich führen die ständigen Transfers dazu, dass sich die Mannschaft nicht entwickelt. „Uns fehlt Erfahrung“, hielt Cucurella seinen Vorgesetzten vor, man könne sich als Spieler „entmutigt“ fühlen. Derart klare Aussagen sollen Druck erzeugen. Zwar geht das Kalkül der Eigner bisweilen auf – immerhin hat Chelsea unter BlueCo rund 900 Millionen Euro aus Transfers eingenommen, mehr als jeder andere Klub in diesem Zeitraum. Doch anhaltend ausbleibende Erfolge wie das Verpassen der Königsklasse dürften sich auch für die aktuellen Besitzer nicht kompensieren lassen.

Behdad Eghbali reagierte auf die Einwände aus der Mannschaft. Bei seinem Auftritt in Los Angeles gestand er, künftig mehr „gestandene Spieler“ zu holen. Beruhigt hat das die Fans des FC Chelsea nicht.

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