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18.03.2026
13:15 Uhr
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In Unterfranken fleht ein Kandidat kurz vor der Stichwahl die Wählerinnen und Wähler an, ihn gefälligst nicht anzukreuzen auf dem Stimmzettel. Ob’s was bringt?

Dirk Schiefer ist nicht leicht zu erreichen, er ist Lokführer bei der Bahn, sogar Lokbetriebsinspektor, da kann man nicht dauernd ins Telefon quatschen. Und das war ja auch einer der Gründe, warum Schiefer vor der Bürgermeisterwahl im fränkischen Mittelsinn nicht mehr angetreten ist. Wurde eben alles zu viel, Rathauschef ist man in Mittelsinn schließlich im Ehrenamt.
Es gab dann genau einen Nachfolgekandidaten, aufgestellt von einem ganz großen Bündnis, von der CSU, von der SPD und von den Unabhängigen Bürgern: Philipp Kuhn. Weil aber nur ein einziger Kandidat zur Wahl stand, konnten die Mittelsinnerinnen und Mittelsinner einen Alternativkandidaten handschriftlich hinzufügen auf ihrem Stimmzettel, das ist immer so.
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Und was passiert? Am Wahlsonntag bekam der dörfliche Einheitskandidat Kuhn lediglich 49,1 Prozent der Stimmen. Keine Mehrheit also. Eine Mehrheit bekam auch der definitive Nicht-Kandidat Schiefer nicht. Aber immerhin zwei – auf die Zettel gekritzelte – Stimmen mehr als Kuhn.
Schiefer sah sich dann zwei Tage lang mit der Frage konfrontiert, ob er denn nun antrete zur Stichwahl. Zwingen konnte ihn ja niemand. Eine weitere Wahl hätte er Mittelsinn aber auch nicht erspart mit einem starrköpfigen: Nö, bleibt dabei, ich will einfach nicht. Denn eine Mehrheit hatte Kandidat Kuhn ja nicht errungen. Folglich brauchte es eine weitere Wahl, so oder so.
Schiefer hat sich also einen Kopf gemacht. Immerhin hatten ihm da Menschen ihr Vertrauen ausgesprochen. Und nicht zu knapp. Am Ende hat er sich, in Wählers Namen, erweichen und seinen Namen auf den Stichwahlzettel drucken lassen.
Vor einer Woche war das. Und da klang es so, als würde sich Schiefer noch einmal ganz grundsätzlich hinreißen lassen: das große Wählervertrauen! Bis er dann noch einmal in sich gegangen ist, aufdämmernde Zerwürfnisse im Dorf wahrgenommen und jetzt kurz vor der Stichwahl eine Erklärung abgegeben hat, die man – in Anlehnung an Else Buschheuers Roman „Ruf! Mich! An!“ – nur als ultimativen Nichtwahlaufruf in eigener Sache deuten kann: Wählt! Mich! Nicht!
Am Sonntag stehen alleine zwischen CSU und Freien Wählern 23 Duelle um Landratsposten an. Und Markus Söder? Zeigt vollen Körpereinsatz. Eindrücke aus dem Wahlkampf – mit Dönern, Weißwürsten und Selfies im Überfluss.
Ob es einen solchen Aufruf eines Stichwahlbewerbers schon einmal gegeben hat in der Geschichte deutscher Wahlen? Jedenfalls dürfe diese Bitte eines Bürgermeisterkandidaten ein Fall fürs Archiv sein: Er rufe dazu auf, schreibt Schiefer flehentlich ans Wahlvolk, „am kommenden Sonntag den Mitbewerber um das Bürgermeisteramt, Philipp Kuhn, zu unterstützen“.
Und falls es dann trotzdem wieder Betonköpfe, Unverbesserliche und Zwangshumoristen geben sollte, die ihn, Schiefer, wider Willen zum Bürgermeister wählen? „Zu Tausend Prozent“ werde er das Amt nicht antreten, sagt Schiefer. Zwingen könne ihn niemand.
Er habe übrigens, ergänzt er noch, auch „keinen Bock“ mehr auf die bestimmt gut gemeinten Respekts-Bekundungen auf seinem Handy. Er. Will. Nicht. Und dabei bleibe es.
Zumindest bis Sonntag sollte damit alles klar sein in Mittelsinn. Und falls es dann doch wieder schiefgeht? Sollte das passieren, sagt Kandidat Kuhn, sollte er wirklich keine Mehrheit bekommen, „dann steht Mittelsinn ohne da“.
Ohne was? „Ohne Bürgermeister.“ Ein drittes Mal trete er ganz sicher nicht mehr an.
In Aschaffenburg könnte am Sonntag Historisches passieren, in Nürnberg auch – und nach Bamberg blicken ohnehin fast alle: Selten waren Stichwahlen im Norden Bayerns so aufwühlend.
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