SZ 05.10.2026
16:08 Uhr

(+) Jubel nach der Nobelpreisvergabe für Georg Nagel: „Dieser Tag zeigt: In Würzburg ist alles möglich“


Gerade ist die Würzburger Uni im Exzellenz-Wettbewerb gescheitert. Drei Tage später herrscht Euphorie. Einer der drei neuen Medizin-Nobelpreisträger ist Professor in Würzburg.

(+) Jubel nach der Nobelpreisvergabe für Georg Nagel: „Dieser Tag zeigt: In Würzburg ist alles möglich“

Keine fünf Minuten sind vergangen, seit das Komitee am Montag verkündet hat, dass einer der drei vergebenen neuen Medizin-Nobelpreise eine unmittelbare Tangente zur Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) hat: Georg Nagel, 73, ist dort 2004 zum Professor für Molekulare Pflanzenphysiologie berufen worden, ausgezeichnet wird er für seine Arbeit am Max-Planck-Institut für Biophysik in Frankfurt am Main.

Ein Professor im Ruhestand als Nobelpreisträger an der Würzburger Uni, das ist natürlich eine große Sache. Und so schreibt der bayerische Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) – er ist gerade in einem Termin, als es passiert – vorerst nur eine kurze Message über diesen äußerst speziellen Fall: „Die besten Geschichten schreibt das Leben!“

Schwere Krankheit, Bastelset, Labor: Georg Nagels Weg führt von Kindheitstagen in Würzburg bis zum Nobelpreis für Medizin. Was prägte den zurückhaltenden Forscher?

Was er damit meint? Drei Tage exakt sind vergangen, seit sie sich an der Würzburger Universität einen Tiefschlag der ganz schweren Art eingefangen haben. Große Hoffnungen hatte sich die JMU gemacht, Geschichte zu schreiben: die erste bayerische Exzellenz-Universität außerhalb Münchens. Zur Verkündung, ob es geklappt hat, war Wissenschaftsminister Blume eigens an den Main gekommen: „Wir gewinnen zusammen und verlieren zusammen“, sagt er, daher sei das für ihn selbstverständlich gewesen. Es wurde ein schwerer Moment. Fünf andere Bewerber wurden zu neuen Exzellenz-Universitäten erklärt, darunter auch die Uni Jena. Eine Stadt, eine Universität, mit der man sich in Würzburg – der ältesten Universitätsgründung im heutigen Bayern – dem Selbstverständnis nach auf Augenhöhe sieht.

Die Uni Würzburg hatte sich Hoffnungen gemacht, die erste bayerische Elite-Universität außerhalb Münchens zu werden – vergeblich. Die Enttäuschung ist groß.

Nichts also mit Exzellenz am Freitag. Und am Montag darauf plötzlich ganz oben mit dabei. Blume ist einer, der seine Gefühle üblicherweise im Griff hat. Wer mit ihm spricht, etwa 20 Minuten nach der Bekanntgabe, hört einen regelrecht aufgekratzten Minister. „Dieser Tag zeigt: In Würzburg ist alles möglich“, sagt er am Telefon. Und dass er zur Beschreibung seines Gefühlshaushalts an diesen drei höchst unterschiedlichen Tagen lediglich ein Bild aus der Fußballwelt bereithalten könne: Das alles sei so, als würde man sich in einem wichtigen Spiel in der 90. Minute den entscheidenden und fatal wirkenden Treffer einhandeln. Und drehe es dann doch noch in der Nachspielzeit, „93. Minute“.

So ganz stimmt das Bild nicht, weiß Blume natürlich auch. Denn der Nobelpreis bringt ja nicht den nachträglichen Exzellenztitel mit sich. Dass die Universität Würzburg immer schon stark war in den Bereichen Medizin, Physik und Chemie, stand nie zur Debatte. In der Geschichte der Uni, gegründet im frühen 15. Jahrhundert, gehen mehr als ein Dutzend Nobelpreise in irgendeiner Weise auf Würzburg zurück. Auch Wilhelm Conrad Röntgen entdeckte hier die Strahlen, die später nach ihm benannt wurden - internationale Wissenschaftsgeschichte.

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Jetzt aber, sagt Blume, habe man es „von renommiertester Stelle“, dass in Würzburg auch in der Gegenwart noch exzellente Forscher am Werk sind. Und da, sagt Blume, müsse man nun ansetzen – und diesen Schub weiter ausbauen.

Im Zusammenhang mit der Exzellenzbewerbung hatte man sich an der Uni in Unterfranken exakt in dem Sinne umgehört: Ob nicht mal wieder ein Nobelpreis für einen Schub sorgen könnte dort? Für die internationale Reputation gibt es eben nichts Besseres. Man wage dergleichen, war sinngemäß die Antwort, kaum zu hoffen. Aber ausschließen? Natürlich nicht, Würzburg, zeige ja die Geschichte, könne schließlich Nobelpreis.

Außerhalb Münchens hat Bayern keine Exzellenz-Uni – ein im Vergleich mit Baden-Württemberg geradezu ärmlicher Zustand. Jetzt aber soll Würzburg dem Freistaat die Ehre retten. Ein Besuch.

Und trotzdem, wie das immer so ist, sind sie an der Uni Würzburg bei der Verkündung des Preises, „Nobelpreis für Physiologie oder Medizin“ heißt der Titel ganz offiziell, dann doch wie vom Donner gerührt.  Nagel ist zwar Professor an der JMU, aber eben emeritiert, wie man früher gesagt hätte, im Ruhestand also. Man muss also erst mal schauen, was der Ausgezeichnete an einem normalen Montag so mache. Später erreicht ihn die Universitätsleitung am Telefon, dem Vernehmen nach hält er sich da in Italien auf.

Würzburgs Unipräsident Paul Pauli, vor drei Tagen sichtlich angeschlagen nach der gescheiterten Exzellenz-Bewerbung, spricht von einem „ganz besonderen Tag“. Er übermittelt dem Preisträger, dem 15. Nobelpreisträger mit Spuren nach Würzburg, Glückwünsche. Und hat bei dem Gespräch am Telefon den Eindruck, dass der neue Nobelpreisträger die Nachricht „noch nicht ganz verarbeitet“ habe. So freilich hätten sie ihn kennengelernt in Würzburg: rational und bescheiden. Als ihm der Präsident zahlreichere Anrufe ankündigt, auch von Würdenträgern aus der Politik, habe Nagel geantwortet: „Ich gehe immer ans Telefon.“

Das Ministerium ist an dem Tag deutlich schneller als Uni und Stadt. Würzburg schreibe Wissenschaftsgeschichte. Die Forschung von Georg Nagel und seinen Kollegen im Bereich der Optogenetik sei „revolutionär“. Mit Licht hätten sie „eine neue Sprache für die Medizin geschrieben“ und so ein Werkzeug geschaffen, mit dem sich Nervenzellen präzise steuern ließen. Auch aus „Würzburger Grundlagenforschung an lichtempfindlichen Proteinen“ sei so ein bahnbrechendes Werkzeug für die gesamte Welt der Neurowissenschaften geworden. Der Nobelpreis sei schon deshalb „ein herausragender Erfolg für den Wissenschaftsstandort Bayern“.

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) spricht von einem „Freudentag für ganz Bayern“. Würzburgs Oberbürgermeister Martin Heilig (Grüne) steigert das sogar mit einem: „Heute sind wir Weltmeister!“ Und Blume fügt noch hinzu: „Wir fahren wieder nach Stockholm“. Die Sache mit dem Exzellenztitel? Da bleibe man nun erst recht am Ball. In sieben Jahren werden neue Titel vergeben.

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