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16.06.2026
10:05 Uhr
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Ein Schiedsrichter macht vor dem Deutschland-Spiel eine uneindeutige Geste – und zuverlässig rollt die Empörungswelle los. Über das Spiel mit Symbolen im Livefernsehen.

Der australische Unparteiische Shaun Evans (li.) beim Schnitt in den Überwachungsraum. ZDF
Dass diese Szene eine der meistgesehenen des Abends wird, das war nicht abzusehen. Shaun Evans, Schiedsrichter aus Australien und beim WM-Spiel zwischen Deutschland und Curaçao in der VAR-Kabine eingesetzt, formt beim kurzen Vorstellungsschnitt in den Überwachungsraum mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis, die restlichen Finger abgespreizt, der Arm hängt locker an seinem Körper runter. Eine kleine Geste, beinahe unscheinbar und vom deutschen TV-Kommentar nicht weiter beachtet.
Doch das Internet wäre nicht das Internet, wenn es nicht jedes Detail wahr- und auseinandernehmen würde. Und so kommt schon nach wenigen Minuten auf X und in anderen Foren die Frage auf: Hat der Typ da gerade das „White Power“-Symbol gezeigt?
Die Geste, bei der die Hand die Buchstaben W (drei ausgestreckte, abgespreizte Finger) und P (Daumen und Zeigefinger als Kreis mit dem Arm als Verlängerung) bildet, ist ein Symbol aus der rechtsextremen Szene und steht für den Glauben an die Vorherrschaft Weißer. Insbesondere in Ozeanien sollte diese Bedeutung bekannt sein: Der australische Attentäter von Christchurch zeigte die Geste während des Gerichtsprozesses. Dass das Symbol dem internationalen „Okay“-Zeichen, wie es etwa im Tauchsport genutzt wird, ähnelt, macht es für alle, die an eine böse Absicht glauben, zur perfekten „Dog Whistle“: Wer die Bedeutung nicht kennt, übersieht es einfach, oder interpretiert es anders. Wer aber darum weiß, erkennt einen Bruder im Geiste.
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Also direkt rein in die Detailanalyse: Hat Evans die Finger komplett durchgestreckt? Mit welcher Hand hat er die Geste gezeigt? Ist irgendwas über sein Privatleben bekannt, das auf rassistische Weltanschauungen schließen lässt? Wie lang hält er die Geste, wann beginnt und beendet er sie, ließe sich das als „Okay“ an die Regie interpretieren?
Vielleicht hat die Geste auch gar nichts Tieferes zu bedeuten. Vielleicht ist sie Auswuchs eines kindischen Gedankens im Kopf eines Mannes, der nie wieder eine so große Bühne haben wird wie zu dieser Weltmeisterschaft, der den kurzen Moment im Scheinwerferlicht für etwas gleichermaßen Infantiles wie Herzliches nutzen wollte: Lol, reingeschaut. Das „Circle Game“ ist ein international verbreitetes Scherz-Spiel, so etwas wie das Six-Seven vorangegangener Generationen. Wer es schafft, unauffällig mit der Hand einen Kreis zu formen und seine Freunde dazu zu bringen, hindurchzuschauen, darf sie in den Oberarm boxen und sich vor allem freuen, dass er sie (oder ein paar Millionen Fernsehzuschauer) drangekriegt hat.
Die Fifa hat den Vorfall zur Kenntnis genommen, Shaun Evans hatte sich zunächst nicht erklärt. Vielleicht aus Überforderung. Vielleicht, weil er nach dem Einsatz ins Bett gegangen ist, nicht wissend, welche Kontroverse er ausgelöst hat. In der deutschen Nacht von Montag auf Dienstag stellte er dann klar, es habe sich um ein unbewusstes Zucken gehandelt, keine versteckte Nachricht, kein Spiel, kein Ideologie-Bekenntnis. Er verstehe die Interpretation der Geste aber und bedauere sie.
Es wäre also vermutlich angemessen gewesen, einfach noch ein wenig abzuwarten. Doch die Empörungsmaschinerie war schon angelaufen. Die Hamburger Morgenpost spricht noch zurückhaltend von einer Geste, die „unterschiedlich interpretiert“ wurde, Tagesspiegel und Frankfurter Rundschau schreiben schon direkter, Evans habe „wohl die White-Power-Geste“ gezeigt. Das Antidiskriminierungsnetzwerk Fare fordert Konsequenzen. Menschen schreiben ins Internet: Der darf doch wohl nicht weiter dieses Turnier pfeifen. Im Übereifer, alles zu politisieren, könnte man leicht übersehen, dass dieses Turnier unter anderem in einem Land stattfindet, in dem der Präsident seine rassistischen Ansichten nicht hinter mehrdeutigen Handgesten verstecken muss.
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