SZ 03.08.2026
16:12 Uhr

(+) Dino Toppmöller bei RC Lens: Von Frankfurt nach Frankreich


Dino Toppmöller, im Januar bei der Eintracht entlassen, nimmt als neuer Trainer von Racing Lens auch in der kommenden Saison an der Champions League teil.  Wie es dazu kam.

(+) Dino Toppmöller bei RC Lens: Von Frankfurt nach Frankreich

Es ist schon ein gewohntes Szenario: Immer wenn in Frankreich eine neue Saison ansteht, muss man sich bei den meisten Profivereinen auf jede Menge neue Gesichter einstellen. Das gilt für die Spieler, denn aufgrund der geringen Fernseheinnahmen sind die Ligue-1-Klubs dazu verdammt, Geld durch Transfers zu generieren. Und es gilt auch für die Trainer. Langfristige Engagements wie jenes von Luis Enrique, der in seine vierte Spielzeit mit PSG geht, sind in Frankreich eher die Ausnahme.

Auch in diesem Sommer gehen nur vier der letztjährigen Erstligisten mit demselben Coach wie bisher in die neue Saison, von den Spitzenvereinen behielten neben Paris lediglich Olympique Lyon (Paulo Fonseca) und Stade Rennes (Franck Haise) ihre Übungsleiter. Neu sind etwa Davide Ancelotti, Sohn von Trainer-Guru Carlo, beim Champions-League-Starter OSC Lille oder der Brasilianer Felipe Luis als Nachfolger von Sébastien Poccognoli bei Monaco. Liam Rosenior kam nach seinem gescheiterten Chelsea-Gastspiel nun beim FC Paris unter, Bruno Génésio wechselte von Lille zum wieder mal durch wilde Wasser navigierenden Traditionsklub Olympique Marseille.

Und dann ist da noch das Überraschungsteam der vergangenen Saison, Racing Lens, das sich nicht nur Rang zwei in der Meisterschaft, sondern auch erstmals in der Vereinsgeschichte die Coupe de France sicherte. Die Nordfranzosen müssen künftig auf Erfolgstrainer Pierre Sage verzichten, der dem Ruf aus der Premier League folgte und den Posten von Oliver Glasner bei Conference-League-Sieger Crystal Palace übernahm. Als Nachfolger konnte Dino Toppmöller, 45, gewonnen werden, der seit seiner Entlassung bei Eintracht Frankfurt am 18. Januar ohne Job war.

Der gebürtige Saarländer und Sohn des früheren Bundesligaspielers und -trainers Klaus Toppmöller war in den Wochen vor seiner Verpflichtung bei einigen renommierten Vereinen gehandelt worden, darunter AC Mailand, OGC Nizza und Feyenoord Rotterdam. Dennoch entschied er sich für Lens, und das, obwohl er weniger verdienen soll als bei der Eintracht. Doch das ist für den ehemaligen Assistenten von Julian Nagelsmann bei RB Leipzig und Bayern München nach eigener Aussage von sekundärer Bedeutung:  „Für mich ist das Wichtigste, einen Verein zu finden, wo ich gute Arbeitsbedingungen vorfinde und versuchen kann, die Stärke der Mannschaft auszuschöpfen“, sagte Toppmöller bei seiner Vorstellung in Lens vor einigen Wochen.

Er beglückwünschte seinen Vorgänger Sage, richtete den Fokus aber sogleich auf das kommende Spieljahr: „Die neue Saison wird anders werden, schon alleine wegen der Teilnahme an der Champions League. Wir haben Spiele unter der Woche, das ändert bereits vieles. Aber wir sind sehr ambitioniert.“ Dafür, dass Toppmöller als Lens-Coach passen könnte, gibt es mehrere Indizien: Neun Jahre lang lernte er in der Schule Französisch, was, wie er in einem Interview mit L’Equipe verriet, nicht zuletzt Vater Klaus zu verdanken sei: Seine Schwester habe im Gymnasium Englisch als erste Fremdsprache gewählt. „Als ich dann an der Reihe war, sagte er: ‚Sie lernt Englisch, also lernst du Französisch‘“, so Toppmöller.

Durch Engagements beim luxemburgischen Klub Düdelingen und beim belgischen Zweitligisten Royal Excelsior Viton hat er später seine Sprachkenntnisse intensiviert. Er galt bei Bayern als Hauptansprechpartner der großen französischen Fraktion um Benjamin Pavard, Lucas Hernández, Corentin Tolisso und Kingsley Coman, in Leipzig für Dayot Upamecano, Christopher Nkunku und Ibrahima Konaté. Bei Lens absolviert er seine Pressekonferenzen dementsprechend in der Landessprache.

Weiteres Einstellungskriterium: Nach Rang sechs und drei in der Bundesliga mit Eintracht Frankfurt erkundete er in der vergangenen Saison die Champions League, auch wenn er dort nicht immer erbauliche Ergebnisse erreichte. Und er hat auch bei der Eintracht nicht selten im von Lens präferierten System mit drei Innenverteidigern spielen lassen. Dass er in Frankfurt Spieler wie Randal Kolo Muani, Hugo Ekitiké, Willian Pacho und Omar Marmoush, die allesamt in Frankreich bestens bekannt sind, zu Höchstleistungen brachte, wird ihm dort ebenfalls hoch angerechnet. Außerdem gilt er als Coach mit Empathie für lokale Identität, der einen Klub hinter sich vereinigen kann – gerade in einem familiären Umfeld wie bei RC Lens ein wichtiges Attribut.

„Dino passt perfekt zu unserem Projekt, sowohl durch seine Spielphilosophie als auch durch seine Fähigkeit, junge Spieler zu entwickeln“, wurde Benjamin Parrot, Geschäftsführer von Racing, in der Pressemitteilung des Vereins zur Verpflichtung von Toppmöller zitiert. Auch dessen früherer Chef Nagelsmann reagierte mit großem Wohlwollen, als er während der WM von Toppmöllers neuem Arbeitsplatz hörte: „Das ist eine super Chance für ihn. Er hat in Frankfurt schon einen guten Job gemacht, war ein herausragend guter Co-Trainer und kann sich jetzt in der Ligue 1 beweisen und auch im internationalen Geschäft.“

Ob der Kader tatsächlich stark genug ist, um Toppmöllers Karriere neuen Schwung zu verleihen, muss sich erst noch zeigen. Neu sind unter anderen der belgische Routinier Thorgan Hazard von Anderlecht oder der frühere Bayern-Mittelfeldspieler Michael Cuisance, der für 3,5 Millionen Euro von Hertha BSC kam. Im Gegenzug verließen einige Stammspieler den Klub, darunter Mittelfeldabräumer Mamadou Sangaré, der für 48 Millionen Euro plus Bonuszahlungen nach Brentford ging – ein Rekordtransfer für Racing.

Das neu formierte Team scheint schon gut in Form zu sein, am Wochenende gewann Lens ein internationales Vorbereitungsturnier in Italien (Como-Cup) durch einen 3:1-Finalsieg gegen Villarreal. Der erste Härtetest findet am 16. August statt, im Supercup geht es gegen Meister und Champions-League-Sieger PSG.

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