SZ 12.03.2026
16:58 Uhr

(+) Champions League: Ein Remis, das in Leverkusen Zweifel an der Rechtsprechung weckt


Immerhin verwandelt Kai Havertz den Strafstoß. Doch der Elfmeterpfiff gegen den FC Arsenal bringt Bayer Leverkusen um den Lohn eines guten Spiels.

(+) Champions League: Ein Remis, das in Leverkusen Zweifel an der Rechtsprechung weckt

An einer Nachbesprechung mit dem Schiedsrichter hatte Simon Rolfes nach eigener Auskunft kein Interesse, zumal Halil Umut Meler, der zuständige Spielleiter, geradezu eilig den Rückzug angetreten hatte. Bevor er nach dem Abpfiff überhaupt hätte versuchen können, ins Gespräch zu kommen, habe Meler bereits die Kabine angesteuert, berichtete Rolfes, Bayer Leverkusens Sportchef.

Dass der 39 Jahre alte Fifa-Referee quasi davonlief, lag wahrscheinlich nicht nur daran, dass er keine Lust darauf hatte, mit Rolfes und anderen Einheimischen über den Elfmeter zu diskutieren, den er kurz vor Schluss gegen die Hausherren verhängt hatte. Der Strafstoß-Entscheid, für den der Begriff umstritten beschönigend erscheint, ermöglichte dem FC Arsenal in der vorletzten Spielminute das Tor zum 1:1 und brachte Bayer 04 um den Lohn eines guten Auftritts. Für Gala-Abend-Stimmung war das von Taktik beherrschte Spiel zwar nicht spektakulär genug, aber der Sieg gegen den Favoriten hätte für die Leverkusener eine schöne Selbstbestätigung bedeutet. Arsenal rettete mit dem zweifelhaften Ausgleichstreffer das Prestige.

Wohin die spontane Begegnung mit betroffenen Funktionären führen kann, das hatte Umut Meler vor zweieinhalb Jahren nach einem Einsatz in der türkischen Süperlig erlebt. Damals stürmte der Präsident des Gastgeber-Klubs Ankaragücü auf den Rasen und versetzte dem Schiedsrichter einen Faustschlag ins Gesicht. Der Skandal ging um die Welt. Meler erlitt unter anderem einen Jochbeinbruch und verbrachte die nächsten Tage im Krankenhaus, Ankaras Ex-Präsident sitzt nach wie vor im Gefängnis.

Von Simon Rolfes hätte der Spielleiter am Mittwochabend garantiert keine Handgreiflichkeiten befürchten müssen, und auch die Bayer-Profis ließen keine Anzeichen für cholerische Übergriffe erkennen. Schon nach dem Elfmeter-Beschluss hielten sich die Beschwerden auf dem Rasen in Grenzen. Das hatte wohl auch damit zu tun, dass der für Einsprüche von Amts wegen legitimierte Kapitän Robert Andrich seit der zweiten Spielminute mit einer Gelben Karte vorbestraft war. Ereiferung war daher nicht ratsam. Aber auch das Zustandekommen der fraglichen Szene dämpfte die Proteste, es gab eine gewisse Selbst-schuld-Stimmung: Bayer-Profi Malik Tillman hatte dem Arsenal-Angreifer Noni Madueke mit einer Grätsche im Strafraum nachgestellt – nicht die intelligenteste Idee, um die Situation zu klären. Die Aussicht, den Ball zu treffen, stand in keinem sinnvollen Verhältnis zu dem Risiko, den Gegner zu erwischen.

Der Elfmeter weckte trotzdem wieder mal grundsätzliche Zweifel an der im Fußball herrschenden Rechtsprechung. Zwar gab es eine Berührung durch Tillman. Aber Maduekes Fallen war ein Schauspiel und nicht mal ein gutes, er ging mit verräterischer Verzögerung zu Boden – „gefühlt zwei Sekunden“, wie Andrich es schilderte. Simon Rolfes wurde für einen Moment nostalgisch, als er später die Szene rekapitulierte: „Ohne das alles hat man früher immer gesagt, eine Berührung reicht ja nicht für einen Elfmeter.“

Was er mit ohne das alles meinte: Unter dem Einfluss der mit Superzeitlupe operierenden Videodetektive ist inzwischen eine Mechanik in Kraft getreten, die den Schiedsrichter viel zu oft aus der Bagatelle des geringfügigen Körperkontakts eine folgenschwere Strafsache machen lässt. Wie am Mittwochabend. „Heutzutage“, klagte Rolfes, „wird nur noch geguckt: Gab’s eine Berührung?“ Die Spieler wissen das zu nutzen und verhalten sich entsprechend, sobald sie minimal etwas spüren. Rolfes’ Einspruch („glasklar kein Elfmeter“) änderte am Tatbestand des 1:1 aber ebenso wenig wie das Bedauern des Torschützen über das Tor.

Kai Havertz behauptete, es habe ihm leidgetan, dass ausgerechnet er mit seinem verwandelten Elfmeter den kleinen Triumph für seinen früheren Klub zunichtegemacht habe. Zugleich freute er sich über ein Erfolgserlebnis, das ihm nach einem schwierigen Jahr mit drei Verletzungen und langen Pausen weiteren Aufwind verschafft. In der Bayarena war er eingewechselt worden – und wurde reihum mit Applaus begrüßt. Schon vor dem Anpfiff hatte Bayer 04 seinen früheren Internatsschüler – fünfeinhalb Jahre nach dessen Weggang – mit allen Ehren empfangen. Die Klubchefs Werner Wenning und Fernando Carro bescherten Havertz und dem im vorigen Sommer abgewanderten Verteidiger Piero Hincapié jenes Geschenk, das nahezu alle Profivereine ihren Spielern zum Abschied überreichen: Eines dieser Collage-Bilder, das die Betreffenden sich niemals ins Wohnzimmer hängen werden.

Diesmal kamen die Freundlichkeiten ernstlich von Herzen. „Es war schön, Kai hier im Stadion zu haben“, sinnierte Rolfes. Havertz’ Comeback im Leverkusener Trikot ist zwar in nächster Zeit sehr unwahrscheinlich, soll aber in ferner Zukunft nicht ausgeschlossen bleiben, wie der Sportchef sagte: „Immer, wenn wir sprechen, fange ich schon mal an zu graben.“

Havertz’Rolle des universell verwendbaren Offensivspielers hatte man bei Bayer Malik Tillman, 23, zugedacht, als man ihn im vorigen Sommer für mehr als 30 Millionen Euro bei der PSV Eindhoven auslöste. Doch Kasper Hjulmand hat allmählich die Geduld mit dem vermeintlichen Spielmacher verloren. Der Trainer verwahrte den technisch bestens ausgestatteten, aber zu oft schüchtern abtauchenden US-Nationalspieler zuletzt meistens auf der Reservebank. Gerade gegen Arsenal hätte Hjulmand Tillmans Fähigkeiten brauchen können, um die diszipliniert arbeitende Defensive mit der Offensive zu verbinden. So mussten sich vorwiegend Ibrahim Maza, 20, und Christian Kofane, 19, darum kümmern, Attacken zu inszenieren. An Mut mangelte es ihnen nicht, oft aber an Unterstützung. Andrichs 1:0 fiel nach einem Eckstoß.

Er sei zwar gerade „irgendwie enttäuscht“, sagte Robert Andrich. Aber er freue sich schon jetzt aufs Rückspiel. „Wir fahren nach London, um eine Runde weiterzukommen“, verkündete er. Und das schien in diesem Moment keine Parole zu sein.

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