SZ 18.03.2026
10:17 Uhr

(+) Bodö in der Champions League: Jedes Märchen muss ein Ende haben


„Eine der brutalsten Sachen, die ich je gesehen habe“: Der Lauf der Norweger von Bodö/Glimt kommt mit einem 0:5 in Lissabon zu einem krachenden Schluss. Gegner Sporting liefert Zahlen, die Rekorden nahekommen.

(+) Bodö in der Champions League: Jedes Märchen muss ein Ende haben

Die besten Märchen seien die norwegischen, behauptete einst Jacob Grimm, der ausweislich des Werks, das er mit seinem Bruder Wilhelm erstellte, als Experte für Aschenputtel gelten darf. Norwegen, Märchen, Aschenputtel – das klingt in dieser Spielzeit gehörig nach Champions League, genauer: nach Bodö/Glimt, dem seit Langem größten Mirakel des wichtigsten Klubwettbewerbs der Welt. Schon die Gebrüder Grimm wussten, dass jedes Märchen ein Ende haben muss; gern ein glückliches oder eines, aus dem sich eine Moral schöpfen ließ. Am Dienstag gab’s das aber nicht.

Jedenfalls nicht für denjenigen, die es mit Bodö hielten und auf einen Viertelfinaleinzug der Norweger gehofft hatten. Denn nach der 0:3-Niederlage aus dem Hinspiel inszenierte Sporting im heimischen Lissabon eine epochale Aufholjagd, die mit einem brillanten 5:0-Sieg endete; das letzte Tor erzielte Rafael Nel in der ersten Minute der Nachspielzeit der Verlängerung. Bodö ersoff in einem „Meer aus Talent“, schrieb die Zeitung Récord am Mittwoch. „Das war eine der brutalsten Sachen, die ich je gesehen habe“, stöhnte ein Kommentator der norwegischen Zeitung Aftenposten.

Wie tickt der FK Bodö Glimt? Präsident Inge Henning Andersen spricht über das Wertegerüst seines Klubs, das raue Küstenklima bei Heimspielen – und erklärt, warum Norweger generell so großen Erfolg im Sport haben.

Geliefert war Bodö sehr viel früher gewesen. Vielleicht schon in der 42. Minute, als Verteidiger Odin Björtuft nach einer Ecke per Kopf die Querlatte traf, der Ball in der Luft einen Bogen beschrieb und dann, wie zum Hohn, ein weiteres Mal auf der Stange landete. Zu diesem Zeitpunkt war zwar vordergründig noch alles drin gewesen, denn die Anzeigentafel im Estádio José Alvalade zeigte noch – nach dem Treffer von Inácio (34.) – einen dürren, unzureichenden 1:0-Vorsprung für Sporting an. Wer einen Sinn fürs Hintergründige hatte, der wusste aber, dass Bodö an diesem Abend nicht Bodö war. „Auf der einen Seite war da eine Sporting-Mannschaft, der alles egal war, auf der anderen Seite haben wir vom Anpfiff an über die Konsequenzen nachgedacht“, klagte Bodö-Trainer Kjetil Knutsen, 57. Sporting habe das Spiel gespielt, Bodö um die Gelegenheit, die erste norwegische Mannschaft zu werden, die nach Rosenborg Trondheim (1996/97) das Viertelfinale der Champions League erreicht. Vergeblich.

Sportings unerwartet starke Leistung – das Stadion war nicht ausverkauft – war in jeder Hinsicht erschlagend, auch in Zahlen, die Rekorden nahekamen, wenn sie es denn nicht waren. Sporting kam – unter anderem – auf 73 Aktionen im gegnerischen Strafraum, zu 39 Abschlüssen und 16 Eckstößen. Es störte die Portugiesen nicht im Geringsten, dass zu Beginn der zweiten Halbzeit ein Regen einsetzte, der in Portugal Überschwemmungen auslöst. Die neun Paraden von Bodös Torwart Nikita Haikin, die zu den insgesamt 136 Abwehraktionen Bodös zählten, waren nicht genug. Denn die Treffer Sportings fielen in der richtigen, vernichtenden Kadenz.

In der 61. Minute traf Pedro Gonçalves zum 2:0, danach fabrizierte der frühere Hertha-Linksverteidiger Fredrik Björkan, der „nur Eseleien machte“ (Récord), einen Handelfmeter, den wiederum der kolumbianische Torjäger Luis Suárez verwandelte (78.). Auch in der Verlängerung spielte Sporting mit brennender Geduld: Der überragende Uruguayer Maxi Araújo traf in der 92. Minute zum 4:0, ehe Nel den Ball zum eingangs erwähnten 5:0 ins kurze obere Eck rammte. Sportings Trainer Rui Borges, 44, freute sich so ausgiebig, dass er hinterher im Scherz meinte, er habe sich womöglich die Rippen gebrochen. Und er freute sich nicht nur über einen „epischen Sieg“ nach „perfektem Spiel“. Sondern auch darüber, dass er so manche Mäuler gestopft habe.

Nach der Hinspiel-Niederlage auf dem Kunstrasen von Bodö sei er „auch von Leuten mit Rang als schwacher Trainer“ gebrandmarkt worden – und das sei, wenn man bedenke, dass er im Vorjahr das Double gewonnen habe, ein Witz: „Offen gesagt, verdiene ich mehr Respekt. Sporting ebenso“, erklärte der Coach. Wohl wahr: Es war nicht nur Sportings bedeutendstes europäisches Comeback seit dem 5:0-Sieg im Viertelfinale des letztlich siegreich bestrittenen Pokalsieger-Cups von 1963/64 gegen Manchester United (Hinspiel 1:4). Sporting wurde zum erst fünften Team, das seit Einführung der Champions League einen Rückstand dreht, der drei Tore oder mehr beträgt. Zuletzt war das 2018 dem FC Liverpool gegen den FC Barcelona gelungen (0:3, 4:0). Nun treffen die Portugiesen auf einen englischen Gegner: Der FC Arsenal aus London, den sie im vergangenen Sommer um eine Ablösesumme von rund 70 Millionen Euro für den schwedischen Stürmer Viktor Gyökeres erleichterten.

Bodö wiederum kann sich nun auf die heimische Liga konzentrieren, sie ist wegen der langen norwegischen Winterpause erst einen Spieltag alt. Vor der Partie von Lissabon hatte Bodö mit Ausnahme eines Pokalspiels gegen Molde seit dem letzten Spieltag der vergangenen Saison (30. November) ausschließlich Champions-League-Spiele ausgetragen – und nahezu alle gewonnen. In Dortmund holte Bodö ein 2:2 (10. Dezember), gegen Manchester City (3:1) und bei Atlético Madrid (2:1) Siege, die so atemberaubend waren wie die Triumphe in den Playoffs gegen Inter Mailand (3:1, 2:1).

Es sei schwierig, sagte Knutsen, ohne Wettbewerbsrhythmus in Begegnungen mit Schwergewichten des Kontinents zu gehen; auch in Lissabon habe man das gemerkt. Denn im Training lasse sich nicht alles simulieren: „Wir müssen unsere Intensität erst im Spiel aufbauen“, gegen Sporting gelang das nicht. Stolz sei und bleibe er dennoch, und das durfte er auch so sagen. Denn an die auch fußballerisch überzeugenden Auftritte der Überraschungself der diesjährigen Champions League wird man sich noch lange erinnern. Vielleicht sogar so lange wie an die Märchen der Brüder Grimm.

Der nördlich des Polarkreises beheimatete Klub Bodö/Glimt schickt sich an, ins Achtelfinale der Champions League einzuziehen. Der Erfolg fußt auf dem mörderischen Offensivstil des Trainers – und den Tricks eines früheren Kampfjetpiloten.

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