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12.09.2026
14:43 Uhr
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Der Bund Bairische Sprache verleiht seine Sprachwurzel an Personen, die öffentlich zu ihrem Dialekt stehen – wie die Europaparlamentarierin Christine Singer von den Freien Wählern. Ihr Parteichef dürfte den Preis hingegen wohl nie bekommen.

Christine Singer ist Landesbäuerin und sitzt für die Freien Wähler im Europäischen Parlament. Sepp Obermeier überreicht ihr die Sprachwurzel, weil sie auch als Politikerin Bairisch spricht.
Foto: Armin Weigel/dpa
Die erstaunlichste Erkenntnis am Samstagvormittag mag für den einen oder anderen jene sein, dass Hubert Aiwanger gar kein Dialektsprecher ist. Zwar werde der Vorsitzende der Freien Wähler wegen seines „exotisch artikulierten a-Lautes“, wie er im gern zitierten „Opfesoft“ vorkommt, als solcher stigmatisiert und verspottet. Tatsächlich jedoch halte er „dialektvermeidende Politikerreden“, die wegen jenes a-Lautes allenfalls einen bairischen Klang bekommen. Sagt Sepp Obermeier, Ehrenvorsitzender des Bundes Bairische Sprache, Erfinder der Bairischen Sprachwurzel und als solcher fraglos eine Instanz in Dialektfragen.
Am Samstag haben er und sein Sprachverein wieder zur Verleihung der Sprachwurzel geladen, mit der seit dem Jahr 2005 Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, die den Dialekt in der Öffentlichkeit pflegen. Das ist immer auch ein Anlass für Grundsätzliches. Wie den Verweis auf Aiwanger, der folgerichtig kein Sprachwurzel-Preisträger ist. Ebenso wenig wie der durchaus dialektaffine Heimatminister Albert Füracker von der CSU, der zwar eigene Dialektpreise verleiht, seine Laudationes Obermeier zufolge aber „in einem distanzierten Schriftdeutsch hält und damit ein fragwürdiges Zeichen setzt – ein Zeichen der Unglaubwürdigkeit“.
Damit genug der Negativbeispiele, es werden ja Dialekt-Vorbilder ausgezeichnet mit dem schweren Trumm aus Bayerwald-Glas. Solche, die bei öffentlichen Anlässen und in den Medien das regionale Idiom verwenden.
In diesem Jahr ist es Christine Singer, Landesbäuerin und Europaabgeordnete der Freien Wähler aus dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Sie spricht Mittelbairisch, wie der Dialekt von Sprachforschern bezeichnet wird.
Die Laudatio im Museum für Bayerische Geschichte in Regensburg hält Johannes Holzner, Professor für angewandte landwirtschaftliche Betriebswirtschaftslehre und Unternehmensplanung an der Hochschule im mittelfränkischen Triesdorf. Wobei er gleich zugibt, dass die besten Anekdoten eigentlich von seiner Frau stammen. Jene zum Beispiel, dass Christine Singer als junge Frau keinesfalls Bäuerin werden wollte. „Aber des Lebn hod bekanntlich oft sei ganz an eigan Humor“, sagt er. Im Dialekt natürlich, wie es sich gehört bei der Sprachwurzel-Verleihung.
Es ist inzwischen eine illustre Runde an Preisträgerinnen und – deutlich mehr – Preisträgern zusammengekommen. Im vergangenen Jahr wurde der Kabarettist Josef Hader geehrt, der zwar Österreicher ist, als solcher aber eine Variante des Bairischen spricht. Gerhard Polt wurde schon ausgezeichnet, ebenso wie Hans-Jürgen Buchner alias Haindling, Christian Stückl, Stefan Dettl, Ilse Aigner, Luise Kinseher und Papst Benedikt XVI.
Heuer sollte es eine Frau sein, auch weil die Vereinten Nationen das Jahr 2026 zum Jahr der Frauen in der Landwirtschaft ausgerufen haben. Das soll die Aufmerksamkeit auf die Bäuerinnen lenken, deren Arbeit immer noch oft unbeachtet passiert, wenngleich sie unverzichtbar ist. Singer stehe für die kleinbetriebliche bäuerliche Landwirtschaft, welche die Kulturlandschaft präge, sagt Niklas Hilber, der Vorsitzende des Bundes Bairische Sprache. Und Kulturlandschaft sei genauso wichtig wie der Dialekt.
Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte und selbst Sprachwurzel-Preisträger, sagt, niemand habe die Sprache so sehr geprägt wie der Berufsstand der Bauern.
Christine Singer ist Landesbäuerin, also das weibliche Pendant zum Präsidenten des Bauernverbandes und sitzt seit zwei Jahren im Europaparlament. Es war ein Coup von FW-Chef Aiwanger, dass er sie für die Europawahl als Spitzenkandidatin gewinnen konnte. Eine Frau vom Land, bodenständig und engagiert, die sie dem Vernehmen nach auch gern in der CSU gehabt hätten.
Erst zwei Jahre zuvor war sie zur Landesbäuerin gewählt worden. Die 61-Jährige bewirtschaftet mit ihrer Familie einen Milchviehbetrieb zwischen Weilheim und Murnau, den inzwischen die Tochter übernommen hat. Im Bauernverband durchlief Singer seit 1997 die Karriere von der Ortsbäuerin bis zur Landesbäuerin, für Laudator Holzner steht fest: „Wer so an Weg geht, dem werdn de Ämter ned einfach verliehn, weil grad a Platz frei wird.“ Stattdessen hätten die Leute Vertrauen zu Singer und spürten, dass man sich auf sie verlassen könne. Und Vertrauen sei die wertvollste Währung, die man sich im Leben überhaupt erarbeiten könne.
Der Dialekt gehört für Holzner dazu, denn „wos könnt glaubwürdiger sei als a gewachsener Dialekt?“ Deswegen bekomme Singer die Auszeichnung nicht nur für das, was sie sage, sondern auch dafür, wie sie es sage. „Du bist Europäerin im Kopf und Bayerin im Herzen“, sagt Holzner.
Obermeier steuert noch die Ergebnisse einer Studie bei, wonach sich Dialektsprecher im politischen Betrieb schlechter repräsentiert fühlten. Und verpasst ihr gleich noch den Titel der „Mutter Zivilcourage des Bairischen in der Politik“. Sie habe den „Tabubruch“ des Dialektsprechens in der Öffentlichkeit begangen, das habe Vorbildcharakter.
Singer selbst hört all das Lob ganz gern, „das braucht’s nicht, aber gut tut’s schon“. Den Preis nimmt sie stellvertretend für „ihre Bäuerinnen“ entgegen, denn eine Bäuerin auf dem Hof sei der Garant dafür, „dass der Hof ein gutes Fortkommen hat“.
Wenn sie im Europäischen Parlament auf ihren Dialekt verzichten müsse, falle ihr das schwer. „Wenn mir was wichtig ist, muss ich das im Dialekt sagen“, erklärt sie – auf Bairisch natürlich.
In Bayern fremdeln sie mit dem Wort Liebe bis heute. Doch die Dialekte bieten viel bessere Möglichkeiten, um dem zartesten aller Gefühle Ausdruck zu verleihen.
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