SZ 17.03.2026
16:46 Uhr

(+) Artenschutz: Ist die Sensation aus Münchens Tierwelt gar keine?


Die winzig kleine Zwergdeckelschnecke war als Entdeckung gefeiert worden, die ausschließlich an einer Bachquelle in einem Nobelviertel heimisch ist. Dabei könnte die Wahrheit ganz schnöde sein.

(+) Artenschutz: Ist die Sensation aus Münchens Tierwelt gar keine?
Heimisch oder eingewandert? Die nur zwei bis vier Millimeter große Bayerische Zwergdeckelschnecke (Sadleriana bavarica) war im Quellbereich des Brunnbachs in Bogenhausen entdeckt worden. Bastian Brenzinger/LMU

Wer hätte gedacht, dass eine kleine Schnecke solche Emotionen hervorrufen kann? Der Abgeordnete Robert Brannekämper (CSU) redet von einer „Legende, die sich verselbstständigen konnte“, von einer „Polit-Ente“, die ins „Märchenbuch“ gehöre und von einem „angeblichen Naturwunder“. Es sind große Worte, es sind auch wütende Worte. Das Mitglied des Bayerischen Landtags und des Bezirksausschusses in Bogenhausen hat zusammen mit dem Anwalt Benno Ziegler zu einem Gespräch geladen, um über die Bayerische Zwergdeckelschnecke zu referieren, die so bayerisch vermutlich gar nicht ist. Und genau darin liegt aus Sicht der beiden das Problem.

Die Bayerische Zwergdeckelschnecke ist winzig, aber trotzdem Grund genug, um Juristen, die Stadtverwaltung und die Lokalpolitik nachhaltig zu beschäftigen. Zwei bis vier Millimeter misst das Tier, es ist damit deutlich kleiner als der Durchmesser eines üblichen Hemdknopfs. Und womöglich wird das Weichtier bald geschützt. Indem Schilder und Zäune aufgestellt, Bänke und eine Brücke entfernt werden. Mitten in einer öffentlichen Grünfläche in Münchner Bestlage, zwischen Herzogpark in Bogenhausen und Isarhochufer. Das zumindest sind erste Ideen, mit denen das Referat für Klima- und Umweltschutz (RKU) Anfang des Monats an den Bezirksausschuss Bogenhausen herangetreten ist. Anfangs sollte sogar ein Weg verlegt werden, die Option ist erst einmal vom Tisch.

Heimisch sein soll die Bayerische Zwergdeckelschnecke nämlich genau hier, im Quellbereich des Brunnbachs, der in die Isar mündet. Und weil das Weichtier – so die bisherige Annahme – ausschließlich dort lebt, galt sie als schützenswert. 2020 stand das so in der Rathaus Umschau, dem Mitteilungsorgan der Stadtverwaltung. Auch in einer Broschüre des RKU aus demselben Jahr ist von der Schnecke die Rede, die „weltweit nur im Quellbereich des Brunnbachs vorkommt“. Im Vorjahr, also 2019, schrieb die SZ noch teils scherzhaft, teils ernst, das Tier könnte einmal zum Münchner Wappentier werden. Es galt jedenfalls als ein Relikt der Eiszeit, als Gruß der Vergangenheit in die Gegenwart, kurzum: als Sensation.

An der Darstellung gibt es allerdings berechtigte Zweifel: In einer 2023 im auf Weichtiere spezialisierten Journal of Conchology veröffentlichten Studie kommen Forscher der Universität Krakau zu dem Schluss, dass es sich bei der Bayerischen Zwergdeckelschnecke offenbar gar nicht um eine eigene Art handele, sondern um die in Slowenien und Kroatien weitverbreitete Fluss-Zwergdeckelschnecke. Am wahrscheinlichsten sei, dass ein Urlauber das kleine Tier vor Jahrzehnten mit aus dem Jugoslawien-Urlaub in die bayerische Landeshauptstadt verschleppte.

Bereits 2020 bemerkte ein bayerischer Schneckenexperte namens Hans-Jürgen Hirschfelder, den der Anwalt Ziegler und der Politiker Brannekämper befragten, dass die Bayerische Zwergdeckelschnecke mitnichten nur im Quellbereich des Brunnbachs vorkomme. Die vermeintliche Einzigartigkeit der kleinen Schnecke und ihre damit einhergehende Schutzwürdigkeit? Aus Sicht der beiden ist es damit vorbei.

„Aus der angeblichen Zeugin der Eiszeit wird eine gewöhnliche Zuwanderin“, sagt Brannekämper, und das sei kein Problem. Wohl aber die möglichen Veränderungen an der Grünanlage. Er fürchte um den Park, der von den Anwohnern rege genutzt werde und dessen Aufenthaltsqualität durch mögliche Schneckenschutzmaßnahmen beeinträchtigt werden könnte. Er wünsche sich eine „verhältnismäßige Lösung“. Ziegler wiederum weist auf die historische Dimension hin: Schon Literaturnobelpreisträger Thomas Mann ging hier wohl Anfang des 20. Jahrhunderts mit seinem Hund spazieren und schrieb darüber im Roman „Herr und Hund“. Ein Eingriff im Park, das ist der Subtext, ist ein Eingriff ins Gedächtnis dieser Stadt.

Brannekämper und Ziegler machen keinen Hehl daraus, warum sie Journalisten eingeladen haben, um über dieses kleine Anliegen zu sprechen – böse Zungen würden es eine Bezirksausschuss-Posse nennen. Der CSU-Politiker wünscht sich von der Stadtverwaltung und in dem Fall vom von den Grünen geleiteten RKU „weniger Ideologie und mehr Pragmatismus“. Ziegler und seine Kanzlei liegen ohnehin oft genug mit dem RKU über Kreuz, zuletzt ging es um drei Eschen in Schwabing. Der Anwalt sagt, er würde von der Stadtverwaltung erwarten, dass diese den Stadtrat und die Öffentlichkeit korrekt informiere.

Das RKU hat sich auf Anfrage der SZ zum Wirbel um die Bayerische Zwergdeckelschnecke beziehungsweise die Fluss-Zwergdeckelschnecke geäußert: Auch wenn es eine eingewanderte Art sei, „ändert das nichts an der Schutzwürdigkeit“ der Schnecke. Die Schnecke bleibe sehr selten und sei Veränderungen in ihrem Lebensraum gegenüber hochsensibel. Das RKU hatte aus Anlass der polnischen Studie Kontakt aufgenommen mit dem ehemaligen Direktor der Zoologischen Staatssammlung in München, der die Schutzbedürftigkeit des Tieres betont habe.

Das RKU widerspricht in seiner Antwort auch den polnischen Wissenschaftlern. Diese nämlich halten es für unwahrscheinlich, dass die Schnecke ein Relikt aus der Eiszeit sei. Das RKU schreibt etwas vage: „Die heute zerstreuten Vorkommen können als Relikte einer eiszeitlich zusammenhängenden Verbreitung gedeutet werden.“ Letzten Endes sei das aber auch egal, denn der Schutz der Brunnbachquelle sei notwendig, „unabhängig davon, ob die Bayerische Zwergdeckelschnecke in München natürlicherweise oder infolge menschlicher Mitwirkung“ vorkomme.

Martin Baumgärtner, Herr über eine 525 Fußballfelder große Fläche mitten in München, über das Müllproblem, verschiedene Ansprüche an den Ort und die schönsten Plätze.

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