SZ 09.03.2026
15:08 Uhr

(+) AfD in Baden-Württemberg: Gescheitert am eigenen Anspruch


Die AfD erzielt in Baden-Württemberg ihr bestes Ergebnis bei einer Landtagswahl im Westen. Sie hatte sich aber deutlich mehr vorgenommen. Spitzenkandidat Markus Frohnmaier muss unangenehme Fragen beantworten.

(+) AfD in Baden-Württemberg: Gescheitert am eigenen Anspruch
Markus Frohnmaier, Spitzenkandidat der AfD Baden-Württemberg, stellt sich nach Bekanntwerden erster Wahlergebnisse im Stuttgarter Landtag den Fragen der Presse. Silas Stein/AFP

18,8 Prozent sind es für die AfD in Baden-Württemberg am Ende geworden. Ihr Ergebnis aus dem Jahr 2021 hat sie damit mehr als verdoppelt. Als drittstärkste Kraft wird sie die größte Oppositionsfraktion im Stuttgarter Landtag stellen. Parteichef Tino Chrupalla erklärte am Sonntag daher prompt: „Wir sind der Gewinner des Abends.“ An dieser Einschätzung ist auf den ersten Blick einiges dran, auch weil die AfD ihr bestes Ergebnis bei einer Landtagswahl im Westen eingefahren und im Wahlkreis Mannheim I ein Direktmandat gewonnen hat. Doch der eigene Anspruch war ein anderer.

Von 25 Prozent und mehr träumte Spitzenkandidat Markus Frohnmaier im November. Parteichef Chrupalla gab beim Wahlkampfendspurt am Donnerstag in Rottweil „20 Prozent plus“ als Ziel aus. Das hat seine Partei nun verfehlt. Im Vergleich zum Ergebnis bei der vergangenen Bundestagswahl hat sie sich sogar verschlechtert. Dabei ist Baden-Württemberg zwar ein westdeutsches Bundesland, für die AfD aber kein komplett holpriges Gelände. Bei der Landtagswahl vor zehn Jahren erreichte sie aus dem Stand heraus 15,1 Prozent. Diesen Wert hat sie jetzt zwar übertroffen, inzwischen liegt die Partei in bundesweiten Umfragewerten aber bei 25 Prozent. Und im Autoland Baden-Württemberg hat sich die Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg ausgebreitet, was der AfD in die Karten spielen sollte.

„Alles andere als ein überragendes Ergebnis“ in Baden-Württemberg werde „viele zum Teil sehr unangenehme Fragen aufwerfen“, schrieb der Thüringer Bundestagsabgeordnete und Höcke-Vertraute Torben Braga vor Kurzem auf der Plattform X. Diesen Fragen muss sich nun vor allem Markus Frohnmaier stellen. Der kandidierte gar nicht für den Landtag und wollte nur nach Stuttgart wechseln, wenn er Ministerpräsident wird. Wenige Tage vor der Wahl wurde zudem bekannt, dass nicht nur seine Frau bei einem Bundestagsabgeordneten aus Baden-Württemberg arbeitet, sondern seine Wahlkampfmanagerin – ebenfalls Bundestagsabgeordnete aus dem Südwesten – Frohnmaiers Vater beschäftigt.

Auch seine Schwester war vor einigen Jahren bei einem AfD-Landtagsabgeordneten tätig. Recherchen der Süddeutschen Zeitung ergaben, dass er einen ehemaligen Aktivisten der islamfeindlichen und gewaltbereiten „German Defence League“ als Leiter seines Wahlkreisbüros angestellt hat und Frohnmaier ebenfalls bei der „German Defence League“ aktiv war. Auf der Seite der Organisation wurde er 2011 als Ansprechpartner für „Allgemeines“ genannt. Über seinen Anwalt ließ er mitteilen, „niemals Mitglied“ der Organisation gewesen zu sein und dort „zu keiner Zeit“ ein Amt innegehabt zu haben. Zu seinem Angestellten wollte Frohnmaier laut seinem Anwalt „derzeit keine Auskunft“ geben. Der Mitarbeiter teilte mit, er sei nie Mitglied der „German Defence League“ gewesen.

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In der heißen Phase des Wahlkampfes hielt Frohnmaier es auch für wichtiger, in den USA um die Gunst der Maga-Bewegung zu werben als daheim um Stimmen. Zum Wahlkampfabschluss nach Rottweil schickte er nur eine Videobotschaft. Zuletzt geriet daher auch sein Verhältnis zur Parteispitze in den Fokus. Weder Alice Weidel noch Tino Chrupalla erwähnten den eigenen Spitzenkandidaten bei ihren Auftritten in Rottweil. Gefragt nach Frohnmaiers USA-Reise wirkte Weidel am Sonntagabend wenig begeistert. „Er wird schon seine Gründe dafür gehabt haben“, sagte sie im ZDF.

Eine gemeinsame Wahlnachlese von Bundes- und Landesspitze am Montag wurde kurzfristig abgesagt. Im ZDF verwies Weidel auf „organisatorische Gründe“ und „Raumprobleme“. Frohnmaier und sein Co-Landeschef Emil Sänze traten am Morgen jedenfalls allein vor die Presse. Dort betonte Frohnmaier, seine Partei habe ein „großartiges Ergebnis eingefahren“ und verwies darauf, der Wahlkampf sei zuletzt stark auf „Özdemir und Hagel verengt worden“. Das könnte einer der Gründe gewesen sein, warum die AfD hinter ihren Ansprüchen zurückblieb. Außerdem fehlt ihr im Südwesten eine Machtoption, weil mit ihr niemand koalieren will.

Schaut man sich die Wahlanalysen an, fällt auf, dass die AfD besonders stark unter Arbeitern abgeschnitten hat. Unter ihren Wählern sind außerdem prozentual mehr Männer als Frauen, anteilig schnitt die Partei am besten bei Menschen mittleren Alters ab. Interessant ist auch, warum die Befragten für die Partei stimmten, die vom Verfassungsschutz in Baden-Württemberg als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft wird. Laut einer Analyse von Infratest Dimap sagten erstmals bei einer Landtagswahl in Baden-Württemberg mehr AfD-Wähler, sie hätten die Partei aus Überzeugung gewählt als aus Enttäuschung.

Für große Teile der AfD-Wähler (65 Prozent) war das Programm entscheidend, zehn Prozent gaben „langfristige Parteibindung“ an. Nur 18 Prozent sagten, der Kandidat sei wichtig für ihre Wahlentscheidung gewesen. In einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen, die wenige Tage vor der Wahl erschien, sagten nur acht Prozent der Befragten – und damit weniger als die Hälfte der potenziellen AfD-Wähler – sie hätten am liebsten Markus Frohnmaier als Ministerpräsidenten. All das deutet auf den umgekehrten Özdemir-Effekt hin: Die Wähler der AfD wählten eher die Partei, weniger den Kandidaten Frohnmaier.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, die AfD habe im Wahlkreis Mannheim I ihr erstes Direktmandat in Westdeutschland gewonnen. Das ist nicht korrekt. Sie hat 2016 bereits Direktmandate in Mannheim und in Pforzheim gewonnen. Wir haben den Fehler korrigiert.

Markus Frohnmaier, AfD-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, will Ministerpräsident werden. Dafür hat er seine Biografie geschönt. Es geht um Russland, rechtsextreme Kontakte und ein angebliches Familienleben in der schwäbischen Provinz.

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