Heise 11.08.2026
13:37 Uhr

Zahlen, bitte! 7 Millionen Sammelpunkte für einen Flieger


Die Tatsache, dass Menschen Werbeaussagen ernst nehmen, verblüffte Getränkehersteller Pepsi: Ein Kunde pochte auf den in der Werbung versprochenen Düsenjäger.

Zahlen, bitte! 7 Millionen Sammelpunkte für einen Flieger

Werbung mit Zahlen kann tückische Nebeneffekte haben. Im Jahre 1955 reimte die Firma Burma-Shave aus Minneapolis „Free a trip to Mars for 900 empty jars“, nur um zu erleben, dass ein Kunde tatsächlich eine Sendung von 900 leeren Dosen der Rasiercreme ankündigte und seine Reise oder ihren Gegenwert einklagen wollte.

Der Supermarkt-Manager Arliss French hatte seine Kunden mit dem Slogan „Send Frenchy to Mars“ überzeugt, ihm das Leergut zu überlassen. Nach einigem Hin und Her der beteiligten Anwälte einigte man sich schließlich auf eine Hin- und Rückreise für zwei Personen ins schöne Städtchen Moers bei Duisburg.

Anders ging die Sache für den US-Amerikaner John Leonard aus, der 7 Millionen Pepsi-Punkte einreichen wollte, um einen Harrier-Düsenjäger zu bekommen. Zuvor hatte er im Jahre 1995 einen Werbespot von Pepsi gesehen, der damit endet, dass ein Teenager mit einem Harrier-Senkrechtstarter zum Unterrichtsbeginn vor seiner Schule landet.

Mit dem Claim „Now the more Pepsi you drink, the more great stuff you're gonna get“ endet die Werbung, wobei im Untertitel der Düsenjäger als Eintauschprämie gegen „7 Millionen Pepsi-Punkte“ angegeben wurde.

Dazu hätte Leonard 100 Jahre lang 190 Flaschen Pepsi-Cola pro Tag trinken müssen, errechneten später findige Mathematiker. Leonard hatte aber schlicht die von PepsiCo angebotene Möglichkeit genutzt, fehlende Pepsi-Punkte für 10 Cent zu kaufen, um ein Produkt aus der „Pepsi Stuff-Broschüre“ bestellen zu können. Er reichte einen Scheck über 700.008,50 Dollar für den Senkrechtstarter bei PepsiCo ein. Dort reagierte man zunächst nicht, doch Leonard schaltete einen Anwalt ein, der seine Ansprüche geltend machte.

Auch bei PepsiCo kamen die Anwälte ins Spiel: Sie wiesen darauf hin, dass der Jet gar nicht in der Punkte-Broschüre auftauchte und der „gesunde Menschenverstand“ einem sagt, dass man nicht mit einem Senkrechtstarter zur Schule fliegt. Gleichzeitig änderten die Werber zur Sicherheit den Spot und fügten zwei Nullen hinzu.

Im Untertitel war der Jet nun auf einmal 700 Millionen Pepsi-Punkte wert. Der Preis für einen AV-8B Harrier-II-Senkrechtstarter von McDonnell Douglas lag damals übrigens bei 32 Millionen US-Dollar.

Die Sache ging als Klage wegen irreführender Werbung und unlauterem Wettbewerb vor Gericht. Der Fall wurde allerdings nicht, wie von Leonard und seinen Anwälten gewünscht, vor einer Jury verhandelt, die mit Geschworenen aus der „Pepsi-Generation“ oder „GeneratioNext“ besetzt ist, sondern von einer Richterin entschieden.

Kimba Wood gab dem Getränkehersteller recht und urteilte, dass nach dem objektiven „reasonable person standard“ niemand darauf kommen könne, dass die Werbung einem Punktesammler tatsächlich einen Düsenjet verspricht.

Bis heute wird der Vorfall als Beispiel in Vorlesungen zum Vertragsrecht für Juristen behandelt, zumal er inzwischen auch in vier Episoden der Netflix-Doku „Pepsi, wo ist mein Jet?“ im Jahre 2022 aufgerollt wurde.

Weniger glimpflich ging ein Werbevorfall Anfang der 90er auf den Philippinen für PepsiCo aus. Damals kopierte man eine für den lateinamerikanischen Markt konzipierte Werbestrategie, bei der man dreistellige Zahlen und einen Sicherheitscode auf die Kronkorken druckte. Wochentäglich wurden im Fernsehen die Gewinnerzahlen bekannt gegeben, wobei der Hauptgewinn eine Million philippinische Pesos betrug (damals etwa 15.000 Euro).

Als am 25. Mai 1992 der Code 349 mit dem Sicherheitscode L-2560-FQ für den Hauptgewinn bekannt gegeben wurde, wurden am nächsten Tag die Geschäftsstellen von PepsiCo überrannt. Mindestens 486.170 Kronkorken waren mit dieser Kombination gedruckt worden.

Ob dafür ein Computerfehler oder ein Produktionsfehler verantwortlich war, ist bis heute ungeklärt. Die juristische Aufarbeitung geht von einem Fehler der mexikanischen Firma aus, die die Lotterie konzipiert hatte. In einem Notfall-Meeting deklarierten die PepsiCo-Manager die 134 zur Siegeszahl.

Daneben sollten allen enttäuschten GewinnerInnen als Geste des guten Willens 20 Dollar gezahlt werden. In der Folge eskalierte die Lage zu einem „Krieg gegen PepsiCo“: Lieferwagen wurden mit Bomben und Brandsätzen beworfen. Über 30 von ihnen wurden landesweit zerstört, durch Fehlwürfe und Unfälle gab es fünf Tote.

Inzwischen sind die letzten Maschinen des eingangs erwähnten Senkrechtstarters bei den U.S. Marine Corps im Juni 2026 in den Ruhestand geschickt worden ‒ ohne jemals vor einer Schule gelandet zu sein.

(mawi)