Heise 05.06.2026
06:39 Uhr

Studie: Hummeln lösen Probleme spontan – erste Beobachtung bei Wirbellosen


Forschern der Uni Oulu gelang es, spontanes Problemlösen bei Hummeln zu belegen. Das wurde damit erstmals bei einem wirbellosen Tier nachgewiesen.

Studie: Hummeln lösen Probleme spontan – erste Beobachtung bei Wirbellosen

Forschenden der Universität Oulu ist es gelungen, spontanes Problemlösen bei Hummeln zu belegen. Das ist nach Angaben der Autoren das erste Mal, dass diese Fähigkeit bei einem Wirbellosen nachgewiesen wurde. Die Studie von Bhambore et al. erschien im Fachjournal Science. Sie ist Teil einer wachsenden Reihe von Wissenschaftsberichten über kognitive Fähigkeiten bei Insekten. Geleitet wurde sie von Olli Loukola, Verhaltensökologe an der Universität Oulu, der seit über einem Jahrzehnt zur Kognition von Hummeln forscht.

Der Versuch war in zwei Phasen aufgeteilt. Zunächst lernten die Tiere zwei voneinander unabhängige Dinge: Ein Styroporball lässt sich verschieben; ein blauer Ring steht für Futter. Beide Assoziationen wurden getrennt trainiert – die Verbindung zwischen ihnen mussten die Hummeln selbst herstellen.

Im eigentlichen Test befanden sich Ball und Kunstblume gleichzeitig in einer Plexiglasarena. Die Blume hing an der Decke, zu hoch zum Anfliegen. Die naheliegende Lösung – den Ball unter die Blume rollen, darauf klettern, Futter kassieren – hatten die Tiere nie zuvor gesehen. Mehr als 70 Prozent der Hummeln kamen dennoch darauf.

Ob es sich dabei um echtes Problemlösen handelt oder um zufälliges Herumprobieren, versuchten die Forscher mit mehreren Kontrollbedingungen zu klären. In einer Variante mit Sichtbarrieren war die Blume für die Hummeln nicht sichtbar, während sie den Ball bewegten – sie rollten ihn dennoch zielgerichtet. In einer weiteren Variante mit drei hintereinander geschalteten Kammern mussten die Tiere den Ball durch mehrere Öffnungen manövrieren, bevor sie überhaupt zur Blume gelangen konnten. Auch hier löste ein nennenswerter Anteil die Aufgabe.

Als einziger statistisch signifikanter Verhaltensindikator für Erfolg erwies sich, wie häufig eine Hummel zuvor die Blumenseite der Arena inspiziert hatte. Die Autoren werten das als Hinweis auf zielgerichtetes Handeln.

Was die Studie von einem Großteil bisheriger Forschung unterscheidet, ist der methodische Ansatz. Untersuchungen zum Problemlösen bei Tieren – darunter Schimpansen, Krähen und Papageien – arbeiteten bislang typischerweise mit Tieren, die bereits umfangreiche Erfahrung mit ähnlichen Aufgaben hatten. Sie wurden über längere Zeiträume mit Puzzles und Werkzeugaufgaben konfrontiert, bevor die eigentliche Testsituation folgte. Ob das resultierende Verhalten dann als echtes spontanes Problemlösen gelten kann, ist in der Forschung umstritten.

Loukola und sein Team versuchten, diesen Einwand von vornherein auszuräumen. Die Hummeln hatten keinerlei Vorerfahrung mit der konkreten Aufgabenstruktur. Gegenüber Science News erklärte Loukola: „Spontanes Problemlösen ist etwas, das bisher bei keinem Wirbellosen nachgewiesen wurde.“ Und weiter: „Unsere Studie ist die erste, bei der wir zu 100 Prozent sicher sein können, dass diese Individuen keine Vorerfahrung mit Problemlösungsaufgaben haben.“

Ob das tatsächlich als Beleg für kognitive Flexibilität im engeren Sinne gelten kann oder ob assoziative Lernmechanismen als Erklärung ausreichen, dürfte in der Verhaltensforschung noch diskutiert werden.

Die Studie steht nicht für sich allein. Loukolas Gruppe an der Universität Oulu hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von Befunden zur Kognition von Hummeln vorgelegt. 2024 zeigte die Gruppe in den Proceedings of the Royal Society B, dass Hummeln kooperativ Probleme lösen können. Hummelpaare lernten dabei, gemeinsam einen Lego-Block zu verschieben oder eine Tür am Ende eines transparenten Doppeltunnels aufzudrücken – Aufgaben, die nur durch koordiniertes Zusammenwirken lösbar waren.

Bemerkenswert war dabei das Verhalten bei Verzögerungen: Wenn der Partner ausblieb, warteten die Tiere länger mit dem Schieben. Im Tunnelversuch änderten sie ihre Richtung in Abhängigkeit vom Verhalten des Partners. Die Autoren interpretierten das als Hinweis auf sozial beeinflusste, möglicherweise aktiv koordinierte Kooperation – räumten aber ein, dass die Frage, ob Hummeln die Rolle ihres Partners tatsächlich verstehen, weiterer Forschung bedarf.

Hinzu kommen Befunde anderer Gruppen: Hummeln können demnach Emotionen empfinden, Gesichter erkennen, im Takt fühlen und voneinander lernen. Auch Honigbienen zeigen erstaunliche kognitive Leistungen: Eine neue Studie zur Zahlenkognition bei Bienen legt nahe, dass sie wirklich Mengen erfassen können – und nicht nur auf visuelle Muster reagieren. Die Annahme, dass komplexe kognitive Leistungen zwingend große Gehirne voraussetzen, lässt sich damit zumindest nicht mehr pauschal aufrechterhalten.

Einen umfassenderen Einblick in Loukolas Forschungsarbeit bietet ein rund einstündiger Vortrag auf YouTube, in dem er die Ergebnisse seines Teams vorstellt.

(vza)