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15.07.2026
09:34 Uhr
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Eine Toilettenkabine soll die medizinische Versorgung im Ernstfall verbessern. Wie das funktioniert, erklärt Dr. Andreas Follmann von der Uniklinik RWTH Aachen.

Wenn nach einer Katastrophe Arztpraxen und Krankenhäuser nicht mehr erreichbar sind, könnte eine handelsübliche Toilettenkabine als telemedizinische Behandlungsstation aushelfen. Mit diesem ungewöhnlichen Konzept wollte ein Forschungskonsortium unter Beteiligung der Uniklinik RWTH Aachen die medizinische Versorgung im Katastrophenfall verbessern. Die mobile Einheit soll laut Uniklinik dort zum Einsatz kommen, wo „Arztpraxen, Krankenhäuser oder Verkehrswege vorübergehend nicht erreichbar oder überlastet sind" oder die Infrastruktur ausgefallen ist. Nach ersten Erprobungen, unter anderem auf dem Musikfestival Parookaville, wurde der Prototyp weiterentwickelt. Im Juli wurde das Forschungsprojekt mit einer öffentlichen Abschlussdemonstration auf dem Gelände des Technischen Hilfswerks in Aachen offiziell beendet.
Im Gespräch erklärt Dr. Andreas Follmann von der Uniklinik RWTH Aachen, Mitglied des Projektkonsortiums, welche Erkenntnisse die Praxistests gebracht haben und warum die Kabine inzwischen rot statt grau ist.
Am Anfang dachten wir, das sogenannte Dermatoskop würden wir am wenigsten brauchen. Tatsächlich gab es bei Parookaville aber extrem viele Hautveränderungen. Es war heiß und schwül, entsprechend gab es viele Insektenstiche und Allergien. Viele hatten Probleme mit Grasmilben, bei denen man sich die Hautveränderungen sehr genau ansehen musste, um dann gezielt zum Beispiel eine Salbe zu verschreiben.
Zur Ausstattung gehören neben einem EKG und einer Untersuchungskamera, die mit verschiedenen Aufsätzen etwa als Otoskop fürs Ohr oder als Dermatoskop für die Haut genutzt werden kann, auch weiterhin laientaugliche, über Bluetooth angebundene Medizingeräte.
Außerdem ist der Toilettensitz jetzt Gott sei Dank nicht mehr drin. Wir hatten vorher den Tank genutzt, um Technik reinzubauen. Mittlerweile ist alles etwas kleiner geworden, und es gibt einen richtigen Stuhl darin, den man auch herausstellen kann – so haben auch Menschen mit einem kleinen Rollstuhl die Möglichkeit, sich dort reinzusetzen.
Wir haben zudem Erwachsene mit Kindern hineingesetzt, um zu prüfen, ob die Kameraposition auch für Kinder passt und ob die Begleitperson zumindest teilweise mit hineinkommt. Deshalb haben wir auch einen Stuhl genommen, der höhenverstellbar ist.
Ein weiterer Punkt ist die Logistik. Die Toilettenkabinen lassen sich laut Hersteller innerhalb von 30 Minuten aufbauen. Deshalb ist die Frage, ob künftig vielleicht nur noch die Technik eingelagert werden muss, weil die Kabinen ohnehin schnell lieferbar wären. Baut man die Technik zum Beispiel in eine Box, braucht man natürlich viel weniger Lagerkapazität und Wartungsaufwand. Das wäre dann ein modulares Konzept: Die Kabinen kommen separat, und die Box wird einfach an die Wand gehängt.
Es gibt bereits viele fertige Logistikkonzepte für diese Toilettenkabinen. Toilettenkabinen werden oft auch mit Spülflüssigkeit angeliefert und haben dann ein ähnliches Gewicht. Sie können zum Beispiel über einen Tieflader mit Kran angeliefert und leicht versetzt werden.
Die enthaltenen Geräte sollen möglichst einfach funktionieren. Außerdem sollen Teile, auch wenn die Kabine Schaden nimmt, wiederverwendet werden können. Es kann auch sein, dass die gesamte Kabine, ohne Inhalt, entsorgt werden oder ihrem ursprünglichen Zweck zugeführt werden muss. Denkbar wäre auch, dass sich das System ganz ohne die Kabine nutzen lässt – also nur die Technik allein.
Die Toilettenkabine ist für uns insofern praktisch, da sie kostengünstig ist und weit unter 1000 Euro kostet. Sie kann sogar per Boot transportiert werden, weil sie schwimmfähig ist, oder alternativ auf einem Tieflader. Mit diesem Kranhaken kann man sie theoretisch sogar an einen Helikopter hängen, um sie in ein Dorf zu fliegen, das etwa durch einen Brückeneinsturz von der Außenwelt abgeschnitten ist.
Das DRK ist tatsächlich sehr daran interessiert, mit uns weiterzudenken, welche Ebene für die Bevorratung zuständig sein sollte. Sollte jedes Bundesland zehn Kabinen haben oder jede Kommune, jeder Katastrophenschutz-Leuchtturm eine? Das betrifft auch das Thema Wartung. Die Medizingeräte sind mit Sicherheit in fünf Jahren überholt und müssen erneuert werden.
Es bringt nichts, wenn das Ergebnis, wie so oft bei Forschungsprojekten, am Ende nur in irgendeiner Schublade landet. Man muss im Endeffekt genau diesen Zwischenschritt schaffen: Dass jemand sagt, wir brauchen jetzt 20 Stück davon, und ein Unternehmen bereit ist, sie zu verkaufen.
Das Ganze funktioniert als Webplattform. Ich kann es quasi überall auf der Welt nutzen und der Arzt kann sich dank Satellitenkommunikation aus der Ferne zuschalten. Zusätzlich habe ich die Möglichkeit, extern auch LAN anzuschließen – steht die Kabine beispielsweise an einem Katastrophenschutz-Leuchtturm, kann ich gegebenenfalls das lokale Internet nutzen.
(mack)