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10.06.2026
09:00 Uhr
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Die Justiz stand lange für Glaubwürdigkeit und Faktentreue. KI machte das zunichte. Schriftsätze und Urteile mit KI-Hilfe beschädigen diesen Ruf.

Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit, wäre heute wohl arbeitsunfähig. Mit Augenbinde, Waage und Richtschwert soll sie das Recht eigentlich blind sprechen. Vor der Justiz sollen schließlich alle gleich sein. Doch dieses blinde Vertrauen in die Glaubwürdigkeit von Prozessdokumenten und den darin geschilderten Fakten ist passé.
Seit generative künstliche Intelligenz massenhaft verfügbar ist, lassen sich immer mehr Anwältinnen und Anwälte von KI-Tools helfen, ihre Schriftstücke zu verfassen. Doch KI-Modelle halluzinieren bekanntlich. Und so zitiert die KI mal eben erfundene Gerichtsurteile, verfälscht Aussagen oder gibt Urteile falsch wieder. Weltweit kämpfen Gerichte bereits mit Dokumenten, die solche KI-Halluzinationen enthalten.
Damien Charlotin ist Rechtswissenschaftler an der Wirtschaftshochschule HEC Paris. Er betreibt eine Onlinedatenbank, die weltweit Verfahren erfasst, in denen Gerichte Personen sanktionierten, weil sie Schriftstücke mit KI-Fehlern vor Gericht einbrachten. Laut der Datenbank gab es bis Juni 2026 bereits über 1500 Fälle, allein 1000 davon in den USA. Und die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. Schließlich erfasst das Verzeichnis von Charlotin nur Fälle, in denen die KI-Texte vor Gericht aufflogen.
In einem Bericht des US-Radiosenders NPR spricht der Rechtswissenschaftler Charlotin von einer deutlichen Zunahme von Gerichtsverfahren mit KI-„Hilfe“ seit vergangenem Jahr. Erst kürzlich wurden an einem Tag zehn solcher Fälle an zehn verschiedenen Gerichten bekannt. Dabei sind es nicht nur privatrechtlich organisierte Anwaltskanzleien, die durch KI-Schriftsätze auffallen. Auch die Justizorgane selbst greifen vermehrt zur KI.
2025 führten die Urteile zweier US-Bundesbezirksrichter zu großem Aufsehen. Sie waren offenbar derart offensichtlich durch KI verhunzt, dass sie den Verfahrensparteien unmittelbar auffielen. Beide Richter wurden gerügt, Einsicht zeigten sie aber kaum. Einer gab einem juristischen Mitarbeiter die Schuld, der andere machte einen Praktikanten verantwortlich.
Auch die obersten Gerichte der US-Bundesstaaten mussten sich bereits mit halluzinierten Urteilen oder falschen Zitaten in Prozessdokumenten auseinandersetzen. Im Mai 2026 wurde die stellvertretende Bezirksstaatsanwältin Deborah Leslie für sechs Monate von der Ausübung ihrer Tätigkeit vor dem Obersten Gerichtshof des US-Bundesstaates Georgia suspendiert. Das auslösende Gerichtsverfahren war keine Lappalie: Die wegen Mordes und Freiheitsberaubung zu 13 Jahren Haft verurteilte Hannah Payne hatte einen Antrag auf ein neues Verfahren gestellt. Um eine Zurückweisung des Antrags zu erwirken, legte die Bezirksstaatsanwältin dem Richter einen Beschlussentwurf vor. Der enthielt über 20 Verweise auf falsch wiedergegebene oder gänzlich fiktive Urteile, wie sich im anschließenden Berufungsverfahren am Obersten Gerichtshof herausstellte. Die KI-Zitate wurden von der zuständigen Staatsanwältin ungeprüft übernommen. Aber auch der Richter hatte das getan und große Teile des Beschlussentwurfs in seiner Ablehnung des Antrags kopiert.
Dass der wachsende Einsatz von KI in kritischen Bereichen zu zweifelhaften Effekten führt, lässt sich nicht nur in der Justiz beobachten. So bröckelt etwa in der Wissenschaft bereits die Basis des eingeführten Systems von Veröffentlichungen und Peer-Reviews.