Heise 07.09.2026
16:10 Uhr

IFA: Ausprobiert: Ugreen HomeAgent kreuzt NAS mit Smart-Home-Hub und lokaler KI


Ugreen bringt einen Hybrid aus Netzwerkspeicher, Matter-Controller und Smart Speaker – für bis zu 20.000 Dollar. Ist das Gerät irre mächtig oder nur irre?

IFA: Ausprobiert: Ugreen HomeAgent kreuzt NAS mit Smart-Home-Hub und lokaler KI

Nach Smartphone-Ladezubehör und Netzwerkspeicher bietet Ugreen künftig auch Smart-Home-Technik an. Genau genommen wird der Hersteller vieles davon in einem Gerät kombinieren. Der ungewöhnliche Funktionsmix hat aber auch unerhörte Listenpreise.

Die Konsolen namens Ugreen HomeAgent HA100, HomeAgent HA100 Pro und Ugreen MasterAgent MA100 sind zum einen Netzwerklaufwerke für private Dateiserver und Videorekorder für Sicherheitskameras. Zum anderen steckt darin eine Smart-Home-Schaltzentrale, die via Matter-Standard Geräte diverser Marken im Heimnetz steuert. Letzteres funktioniert außer mit der Ugreen-App auch mit einer lokalen Sprach-KI auf Basis des Qwen-LLMs, die Deutsch versteht. Im Master Agent steckt dafür die eigentlich für Robotik gedachte Prozessorplattform Nvidia Jetson Thor.

Eine so mächtige, eierlegende Wollmilchsau gab es noch nicht – und erst recht keine so teure: Zwischen 1800 und fast 20.000 US-Dollar ruft Ugreen je nach Ausstattung auf. Doch hat das hybride Produktkonzept angesichts solcher Preise überhaupt eine Chance, für die Praxis geeignet oder gar attraktiv zu sein? Wir konnten uns auf der IFA einen ersten Eindruck verschaffen.

Bei den Konsolen handelt es sich um würfelförmige Geräte, in die gut und gerne zwei übereinander gestapelte Mac Studio passen würden. Beide Varianten des einfacheren Home Agent sind in weißes, glänzendes Plastik gekleidet, der mächtigere Master Agent in blau lackiertem, mattiertem Metall.

Wie bei einem NAS üblich, gibt es ab Werk nur Prozessorhardware und RAM inklusive. Der HA100 hat einen Rockchip RK3588 und 16 GByte, der HA100 Pro einen CIX CP8180 und 32 GByte und dem Nvidia-Chip des Master Agent stehen sogar 128 GByte zur Seite.

Festplatten kauft man selbst. Unter einer Deckplatte hält der Home Agent dafür zwei, der Master Agent drei Einschübe bereit. Der Zugang ist hübsch gemacht: Die Haube ist von außen kaum zu erkennen, die Spaltmaße so schmal, dass sie zumindest im gleißenden Messelicht der IFA 2026 praktisch unsichtbar bleiben. Die Platten lassen sich einfach abheben und wieder einsetzen und wirken so solide, dass sie auch bei häufigerem Zugriff nicht verschleißen.

Die Würfel mit ihren gerundeten Kanten sind minimalistisch und schick genug designt, um im Wohnzimmer zu residieren. Einzig auf der Rückseite befindet sich sichtbar Technik – ein großer Lüftergrill und mehrere Anschlüsse, darunter eine LAN-Phalanx.

Die Front ist schlicht. Unten gibt es Buchsen für je einmal USB-C und SD-Karten. In der Mitte thront ein NFC-Feld für eine Smartphone-Kopplung. Oben gibt es einen schwarzen Stirnbalken in Form eines LED-Displays. Es zeigt nur Zeichen, wenn man es aktiviert. Dann präsentiert es Betriebszustände oder verschriftlicht Sprachfeedback.

In den Gehäusen stecken Mikros und Lautsprecher, um mit der Sprachausgabe des lokalen LLMs Qwen zu plaudern. Drahtlos kann man einen Smart Speaker von Ugreen koppeln (kostet rund 100 US-Dollar), um aus anderen Räumen mit der Technik plaudern zu können. Der Speaker hat die Kragenweite eines Amazon Echo Dots oder Google Nest Minis, ist aber in Pillenform statt als Puck oder Kugel gestaltet.

Ugreens eigener Sprachdienst hört auf die Aufweckphrase „Hey, Uliya“. Bei der Vorführung versteht er Deutsch und Englisch. Testweise schließen und öffnen wir per Sprachbefehl eine Jalousie. Licht steuern geht auch. Zu Demozwecken wurden zudem Einbauspots von Nanoleaf und LED-Streifen von Govee platziert. Über den Matter-Standard könne man laut Ugreen auch diverse WLAN-Lichter, -Steckdosen und -Sensoren mit dem System koppeln und steuern. Auf weitere Nachfragen antwortete der Hersteller recht vage.

Die Einrichtung und auf Wunsch auch die Bedienung von Smart-Home-Geräten erfolgt über Ugreens NAS-App, die um entsprechende Programmfenster angewachsen ist. Das App-Interface wirkt dank viel Weißraum schlicht und übersichtlich. Ugreens Infrastruktur anstelle der viel bekannteren Matter-Plattformen von Amazon, Apple und Google zu verwenden, können wir uns angesichts der niederschwellig wirkenden Bedienoberfläche durchaus vorstellen.

Auffällig viel Platz in der App nehmen Vorschaufenster und Bedienelemente von Ugreens Sicherheitskameras ein, die im Herbst für 150 bis 350 US-Dollar kommen sollen. Dies wird die erste eigene Smart-Home-Gerätekategorie sein, die der Hersteller ins Programm nimmt. Die Modelle bieten zeitgemäßen Standard: 4K-Auflösung, PTZ-Schwenken, zum Teil mehrere Objektive und Solaraufladung.

Ugreen plant auch, Bundles aus Kameras und den Agent-Konsolen anzubieten. Ein Festplattensteckplatz in letzteren ist ausschließlich für Videoaufnahmen reserviert. Die weiteren kann man für selbstgehostete Dateiserver verwenden.

Zusammengehalten wird alles von UGOS Pro, einem Betriebssystem auf Linux-Basis, das der Hersteller um eigene Zutaten verfeinert hat. Um die Dateien schlauer zu durchkämmen, ist trendgemäß die lokale KI auf Qwen-Basis gedacht.

Das chinesische Sprachmodell ist ein Newcomer und derzeit – auch bei westlichen – Softwareentwicklern im Einsatz, weil es als gute Coding-Hilfe dient. Allein für die Smart-Home-Steuerung wirkt die KI-Ausstattung etwas überdimensioniert.

Je nach Konsolenausführung gibt es sogar einen Steckplatz für eine Grafikkarte, die die KI mit zusätzlicher Rechenkraft boostet. Damit sollen Sprachbefehle lokal ausführbar sein und zugunsten der Privatsphäre keinen Umweg über die Cloud brauchen, anders als bei den populären Sprachdiensten üblich.

Das Produkt- und Bedienkonzept hinterlässt einen durchaus schlüssigen Eindruck. Smart-Home-Geräte diverser Hersteller unter einer Bedienoberfläche zu vereinheitlichen und sich bei Zurufen an die KI nicht gläsern zu machen, entspricht den Sehnsüchten vieler Smart-Home-Enthusiasten. Auch der niederschwellige Zugang per hübscher App gefällt. Schließlich wollen auch viele Nerds Technik einfach nutzen, statt sich in der Konfiguration mithilfe von Skripten zu verlieren.

Dass Ugreen Gelegenheitsnutzer von den Technik-Giganten und Enthusiasten vom Home Assistant weglocken kann, ist aber trotz des guten Ersteindrucks schwer vorstellbar. Dazu wirken die anvisierten Verkaufspreise geradezu prohibitiv. Den kleinsten Home Agent will Ugreen mit 1800 US-Dollar bepreisen, den Master Agent in Höchstausstattung mit bis zu knapp 20.000 US-Dollar. Etwaige Festplatten zahlt man jeweils extra. Das ist viel Geld für ein Produkt, bei dem es noch keine Erfahrungswerte hinsichtlich der Bereitschaft des Herstellers gibt, seine Software auch langfristig zu pflegen.

Die Vorbestellerphase im Ugreen-Webshop läuft bereits. Bei der geplanten Kickstarter-Kampagne ab dem 27. Oktober lockt Ugreen Vorbesteller mit Rabatten von bis zu 50 Prozent, womit die Technik aber immer noch nicht zum Mitnahmekauf wird. Weitere Informationen zur Kickstarter-Kampagne.

Um diese Preise zu rechtfertigen, müsste Ugreen das Bedienerlebnis im Smart Home auf noch sehr viel revolutionärere Weise umkrempeln, als der Hersteller am Messestand in Aussicht stellt. Wie unwiderstehlich sich die Technik wirklich erweist, muss ein Praxistest zeigen.

(nij)