Heise 19.05.2026
16:02 Uhr

Darknet Diaries Deutsch: Kids ohne Skrupel - Teil 1


Drew hat schon als Kind entdeckt, wie leicht er anderen online Geld abzocken kann. Aber Diebe kennen keine Ehre, so wurde er selbst zum Opfer seiner Komplizen.

Darknet Diaries Deutsch: Kids ohne Skrupel - Teil 1

Dies ist der erste Teil von „Kids ohne Skrupel". Im Englischen Original von Jack Rhysider trägt diese Episode den Namen „Dirty Coms“.

Die deutsche Produktion verantworten Isabel Grünewald und Marko Pauli von heise online. Der Podcast erscheint wöchentlich auf allen gängigen Podcast-Plattformen und kann hier abonniert werden.

JACK: Die ältere Generation gibt uns so viel Lebenserfahrung und Weisheit, ich wüsste nicht, wo wir ohne sie wären. Sie warnen uns vor den Gefahren der Welt und geben uns Einblicke, für die wir allein Jahrzehnte bräuchten.

Aber das Internet… hat noch keine ältere Generation.

Wir sind immer noch die erste Generation von Nutzerinnen und Nutzern. Es ist erst 30 Jahre her, dass AOL Millionen von Menschen zum ersten Mal online gebracht hat. Und oh, wie sich das Internet seitdem verändert hat…

Aber wenn es keine ältere Generation gibt, die der jüngeren Generation zeigen kann, wie man sich online sicher bewegt, werden viele Kinder das auf die harte Tour lernen müssen. Ich weiß noch, als ich ein Teenager war, habe ich so viel im Internet rumgespielt, dass ich mir, ungelogen, jede Woche einen neuen Virus auf unserem Familiencomputer eingefangen habe. Es war überhaupt niemand da, der mir zeigen konnte, warum das passiert ist oder wie man sowas repariert. Meine Oma und mein Vater wussten kaum, wie man den Computer einschaltet, geschweige denn, wie man mit solchen Problemen umgeht.

In den Schulen wurde damals noch kein Computerunterricht angeboten, und als es endlich soweit war, wurden nur grundlegende Dinge wie Tippen oder die Nutzung bestimmter Anwendungen vermittelt. Nirgendwo im Lehrplan stand etwas über die Gefahren beim Herunterladen von Software, beim Online-Shopping oder beim Besuch von Chatrooms.

So etwas wurde einem nur von der Familie beigebracht – oder in meinem Fall von niemandem. Oft verlässt sich die ältere Generation auf uns jüngere, damit wir ihnen Computerdinge beibringen. So häufig habe ich gesehen, dass Eltern ihre Kinder bitten, den neuen Computer einzurichten oder ihnen zu zeigen, wie man soziale Medien benutzt. Wenn Kinder ihren Eltern die Gefahren sozialer Medien erklären müssen, ist das so, als würden Kinder ihren Eltern Verkehrsregeln vermitteln. Aber in so einer Welt leben wir, weil das Internet noch relativ neu ist. Wie wird das Internet im Jahr 2060 aussehen? Es wird besser informierte Nutzer geben, Nutzerinnen, die mit Eltern aufgewachsen sind, die die Schattenseiten des Internets kennengelernt haben und sie davor warnen und ihnen die Gefahren aufzeigen können. Aber diese Zeit ist noch nicht gekommen. Wir befinden uns immer noch in einer Zeit, in der die jüngere Generation uns den Weg weist. Ich hoffe sehr, dass sie wissen, wohin sie gehen.

JACK: Neulich hat mich jemand angesprochen, der bereit war, mir einen Einblick in einige Online-Communities zu geben, von denen ich bisher keine Ahnung hatte. Ich sage es euch gleich vorweg: Bei dieser Folge handelt es sich weniger um eine Geschichte als vielmehr um einen Einblick in das Geschehen in einigen dieser Untergrundgruppen – Gruppen, in denen sich Hacker, Betrüger und Diebe tummeln.

JACK: Hallo. Was geht, Mann?

DREW: Alles roger.

JACK: Gibt es einen Namen, den ich verwenden sollte, wenn ich in dieser Episode über dich spreche?

DREW: Du kannst mich Drew nennen.

JACK: Sicher? Ich weiß nicht, ob das dein richtiger Name ist oder nicht, aber es klingt wie ein…

DREW: Ja, nein, ist er nicht.

JACK: Okay. Einfach Drew, alles klar.

DREW: Ja, Drew.

JACK: Oh, zunächst: Ist es in Ordnung, unser Gespräch aufzuzeichnen, um ihn im Podcast Darknet Diaries zu verwenden?

DREW: Ja, du hast die Erlaubnis.

JACK: Okay, dann läuft die Aufnahme.

DREW: Alles klar. Willst du die ganze Geschichte?

JACK: Ja.

DREW: Okay, es fängt an, ich bin dreizehn Jahre alt es fängt bei Roblox an, also beim Roblox-Spielen, und ich fand raus, dass man billigere Robux bekommen konnte.

JACK: Okay, sorry, ich bin schon raus. Roblox liegt knapp außerhalb meines Blickfelds, und ich verstehe es nicht wirklich. Ich muss hier also kurz pausieren, etwas recherchieren und bin gleich wieder da. Okay, also zunächst mal ist Roblox ein Videospiel, aber es ist mehr als das; es ist eine Videospielplattform, die dir die Werkzeuge an die Hand gibt, um dein eigenes Videospiel zu entwickeln. Wenn du da etwas Cooles baust, wollen es vielleicht auch andere spielen. Allerdings gibt es da diese Sache namens Robux. Das ist die Spielwährung von Roblox, und bei einigen von Nutzenden erstellten Roblox-Spielen muss man Robux bezahlen, um sie spielen zu können. Habe ich das bisher richtig verstanden?

DREW: Ja, richtig, außer dass man eine Sache im Hinterkopf behalten muss: Kids wollen In-Game-Währung und sie sind bereit, alles dafür zu tun, weil sie das physische Geld nicht haben, da ihre Eltern dafür sicher kein Geld ausgeben wollen.

JACK: Kann man es mit echtem Geld kaufen?

DREW: Ja, man kann es nur mit echtem Geld kaufen.

JACK: Oh, man kann es sich nicht im Spiel verdienen?

DREW: Nein, es ist kein…

JACK: Okay.

DREW: Man kann‘s nicht im Spiel verdienen. Die Kids wollen‘s haben, können es sich aber nicht leisten, weil sie eben Kids sind und ihre Eltern halt nicht ständig für ihre Spiele bezahlen wollen. Also besuchen sie Websites, auf denen sie Umfragen ausfüllen und sich Werbung ansehen können, um dafür Robux zu bekommen.

JACK: Okay, ich sehe hier schon das Potenzial für Missbrauch. Es fließt echtes Geld in Roblox hinein und echtes heraus. Denn wenn man es schafft, ein Spiel zu entwickeln, für das Leute zu zahlen bereit sind, bekommt man als Spieleentwickler Geld. Wenn ich also Leute dazu bringen kann, mein Spiel zu spielen, ob legitim oder nicht, werde ich bezahlt. Aber auf der anderen Seite steht die Frage, wie die Leute an Robux kommen. Wie Drew sagte, haben Kinder kein Geld, also gehen sie auf diese Websites, füllen Umfragen aus und schauen sich Werbung an, um Robux zu bekommen. Diese Ad-Server verdienen Geld an ihren Klicks und zahlen einen Prozentsatz an die Kinder, die auf die Links klicken.

DREW: Ja, genau das ist das Modell. Vieles davon ist allerdings Scam, um ehrlich zu sein.

JACK: Ja, und nicht alle dieser Seiten zahlen auch wirklich aus. Man hat also Glück, wenn man für die Arbeit überhaupt Robux bekommt. Wenn ein Dreizehnjähriger unbedingt ein paar Robux haben will und eine Möglichkeit sieht, welche kostenlos zu bekommen, klickt er ohne Umschweife auf einen Link, installiert irgendeine Software, oder meldet sich für etwas an und gibt seine E-Mail-Adresse und Telefonnummer an. Drews Freunde hatten einen Ad-Server eingerichtet und schalteten Google Ads, um es für Kinder einfacher zu machen, diesen Server zu finden und vorbeizukommen und alle Links anzuklicken, um Robux zu verdienen.

DREW: Die Gewinnspannen waren der Wahnsinn. Es kostete ihn etwa 6 Dollar, ein Kind zu bezahlen, das ihm dann wiederum 50 Dollar einbrachte. Er hatte da etwa 2000 Kinder im Monat und verdiente dadurch dann 1000 bis 2000 Dollar pro Tag - echt! Das war cool mitzuerleben. Er ist in meinem Alter; so um die vierzehn, fünfzehn, und er macht das jeden einzelnen Tag.

JACK: Plötzlich ging es nicht mehr darum, Roblox zu spielen, sondern darum, die Kinder zu einer Ware zu machen und an ihnen Geld zu verdienen – Kinder, die bereit waren, sich Werbung anzusehen, um Robux zu bekommen. Wie ich schon sagte, ist das nur die Oberfläche. Man kann sich alle möglichen Tricks vorstellen, um das Backend auszunutzen, zum Beispiel ein beliebtes Roblox-Spiel kopieren und dann das Original irgendwie lahmlegen, damit alle zu deinem Spiel wechseln, weil deins gerade läuft. Jetzt bekommst du Robux bezahlt - und es gibt alle möglichen Black-Hat-Strategien, über die in speziellen Hackerforen gesprochen wird – und genau dort hingen Drew und sein Freund herum.

DREW: Er hat damit um die 30.000 Dollar angehäuft. Also er und sein Freund hatten beide 30.000 Dollar und dachten sich, ey, schön viel Geld. Wie können wir das jetzt vervielfachen?

JACK: Sie schauen sich in den Foren um, um zu sehen, was andere Leute machen, und da erfuhren sie von Vanilla-Geschenkkarten. Das sind Geschenkkarten, die man vielleicht für gute Arbeit im Job oder als Geschenk irgendeiner Art bekommt. Es ist eine Visa-Geschenkkarte, die man überall verwenden kann, wo Visa-Karten akzeptiert werden, und wenn man eine bekommt, ist man vielleicht neugierig, wie viel Geld darauf ist.

DREW: Es muss überprüft werden, wieviel Guthaben auf der Geschenkkarte ist, deshalb geben die Leute "Geschenkkarten-Guthaben" oder "Vanilla-Geschenkkarten-Guthaben" in die Suche ein.

JACK: Seine Freunde richteten also eine Seite ein, die genau wie die Visa-Vanilla-Geschenkkarten-Seite aussah, und sie hatte ein kleines Formular zum Ausfüllen und Eingeben der Kartendetails, um das Guthaben abzufragen.

DREW: Sie sammeln die Kartendaten. Dann haben sie ein automatisiertes System, mit dem sie den Kartensaldo auf der echten Website überprüfen können. Anschließend verkaufen sie die Karte, wobei sie sich den Betrag über verschiedene Methoden wie G2A oder minds.com auszahlen lassen.

JACK: Ihre Seite stiehlt jedem die Geschenkkarte, der sie dort eingibt. Eigentlich würde natürlich niemand auf die Seite gehen, da sie unbekannt ist - und wenn man bei Google nach der Guthabenabfrage für Vanilla-Geschenkkarten sucht, erhält man die offizielle Visa-Seite als ersten Link. Es gibt jedoch eine Möglichkeit, seine Seite fast sofort über dem ersten Suchergebnis anzeigen zu lassen, und das kostet nur ein oder zwei Dollar pro Klick. Das geht mit Google Ads. Drews Freunde gaben Unmengen an Geld für Google Ads aus, damit ihr gefälschter Vanilla-Geschenkkarten-Guthabenchecker als erster Link erscheint, wenn man danach googelt.

DREW: Die Leute kennen oft den Unterschied zwischen zwei URLs nicht, oder zumindest sind sie nicht darauf trainiert, ihn zu erkennen. Sie klicken einfach auf das erste Ergebnis oder auf die Anzeige, und das ist in dem Fall eben eine Phishing-Seite.

JACK: Sie geben ihre Kartendaten ein, sehen ihr Guthaben, und bevor sie es ausgeben können, wird ihre Karte von Drews Freunden leergeräumt. Aber natürlich sind Drews Freunde nicht die Einzigen, die auf diese Weise Karten stehlen. Es gibt eine ganze Menge von Leuten, die Dutzende von Websites für all die verschiedenen Geschenkkarten erstellt haben, um jeden, der sein Geschenkkarten-Guthaben überprüft, dazu zu bringen, auf den Link zu klicken.

DREW: Ja, das ist die Sache, in die ich selbst am längsten involviert war. Ich war selbst Teil davon. Sobald ich damit aufgehört habe, habe ich es gehasst.

JACK: Ja, Drew wollte hier nicht länger tatenlos zusehen, wie seine Freunde mit ein bisschen Arbeit Tausende von Dollar verdienten. Er lernte dann, wie man eine Website klont, was wirklich einfach ist, und richtete seine eigene Phishing-Seite ein. Dann fing er selbst an, Google Ads zu schalten, um Leute dazu zu bringen, ihm ihre Karten zu geben - was furchtbar ist. Das ist Diebstahl. Es ist falsch, und es ist absolut beschissen, wenn einem auf diese Weise die Karte gestohlen wird. Aber warum geben Leute überhaupt ihre Geschenkkarten-Details auf einer beliebigen Seite ein? Also wirklich!

JACK: Also, Drew betreibt diesen Betrug eine Weile, und es bringt ihm etwas zusätzliches Geld ein, aber er hatte ein Glücksspielproblem. Wann immer er überschüssiges Bargeld hatte, ging er online und versuchte, es zu verdoppeln, zu verdreifachen oder zu vervierfachen. Viele Leute in dieser Community haben Glücksspielprobleme, also war das Geld, das er als Teenager verdiente, sofort wieder weg. Darum fängt er an zu schauen, woran er sich noch beteiligen kann, um mehr Geld zu verdienen, und da stieß er auf ein Forum namens OGUsers. Das ist ein Forum, in dem man Social-Media-Konten kaufen und verkaufen kann; Instagram-Konten, Snapchat-Konten, Kik, Skype-Benutzernamen, was auch immer. Nicht nur das, sondern auch andere Konten, wie Roblox-Konten und andere Videospiel-Konten. Er war einer der Ersten, die OGUsers beitraten.

DREW: Ich bin der 700. Nutzer, der sich einen OGUser-Account angelegt hat. Mittlerweile gibt es Hunderttausende - es ist wahrscheinlich das Wertvollste, was ich in meinem Leben besessen habe. Ich bin also schon ganz früh in diesem Forum dabei, was mich irgendwie seriös wirken lässt. Die Sache ist die: Was in Foren zählt, sind die Dauer der Mitgliedschaft – also wie lange man schon dabei ist – und Gutscheine. Je länger man dabei ist, desto mehr Gutscheine kann man sammeln. Ich hab mir Benutzernamen ausgedacht, zum Beispiel @dataframes auf dem Instant-Messenger Kik, und dann da verkauft. Die Leute mögen gute Kik-Benutzernamen, um damit mit anderen Betrügern zu kommunizieren. Sie wollen cool wirken.

JACK: Die Leute, die schon vor ihm auf OGUsers waren, machten ziemlich gute Verkäufe. Wenn man zum Beispiel einen kurzen, einprägsamen Benutzernamen auf Twitter hat, bringt das mehr Geld. Ich habe in der Vergangenheit in anderen Episoden über OGUsers gesprochen und darüber, wie furchtbar dieses Forum sein kann. Drew sah, wie die Leute Geld mit dem Verkauf von Konten verdienten, also beschloss er einfach, auf Kik zu gehen und ein paar clever klingende Benutzernamen zu finden, die noch nicht registriert waren, und sie einfach zu registrieren und dann zu versuchen, sie für etwa 15 Dollar pro Stück zu verkaufen. Seine Angebote verkauften sich zwar nicht, aber die anderen Nutzer im Forum sahen, was er zu tun versuchte, und er bemühte sich wirklich sehr, Geld zu verdienen, und sie wollten ihm irgendwie auf die Sprünge helfen. Also fingen sie an, ihm ein paar abzukaufen. Einen neuen Nutzer auf Kik zu erstellen und zu versuchen, ihn auf OGUsers zu verkaufen, ist nicht illegal; es ist ähnlich wie der Kauf einer .com-Domain und der Versuch, diese zu verkaufen.

DREW: Das ist ethisch überhaupt kein Problem, schon eher dass es natürlich extrem schlimm enden wird.