FAZ 14.08.2026
09:58 Uhr

Zehnkämpfer Niklas Kaul: Sein vielleicht größter Triumph


Niklas Kaul war schon Welt- und Europameister, in Birmingham verpasst er die Goldmedaille denkbar knapp. Trotzdem fühlt er sich mit Silber wie ein Sieger. Weil er etwas zurückgewonnen hat, das vor langer Zeit verloren ging.

Zehnkämpfer Niklas Kaul: Sein vielleicht größter Triumph

Niklas Kaul war längst im Ziel, als der Kampf um Gold noch immer nicht entschieden war. Er hatte alles aus sich herausgeholt, die 1500 Meter in 4:20,70 Minuten zurückgelegt und konnte nur noch zuschauen, wie Leo Neugebauer sich auf den letzten Metern quälte, mehr ging, als dass er lief, und völlig erschöpft über die Linie taumelte. Kaul hatte ihm in der Schlussdisziplin noch einmal viel Zeit abgenommen, aber es reichte nicht, um Neugebauer noch zu überholen. Am Ende entschieden 38 Punkte: Neugebauer gewann Gold, Kaul Silber. Erstmals seit 1969 gab es im Zehnkampf bei einer Europameisterschaft wieder einen deutschen Doppelerfolg. Vor zwei Jahren wäre ein zweiter Platz für den früheren Welt- und Europameister womöglich enttäuschend gewesen. In Birmingham strahlte Kaul und sprach nicht von einer verlorenen Gold-, sondern einer gewonnenen Silbermedaille. Das Feld sei am Ende sehr hochklassig gewesen, und viele hätten mit den schwierigen Bedingungen ihre Probleme gehabt. „Ich hatte noch die 8600 Punkte im Kopf. Das hat am Ende nicht mehr geklappt, weil die Bedingungen so waren, wie sie waren.“ Mit 4214 Punkten zeigte Kaul einen seiner besten ersten Tage in einem Zehnkampf. Nach fünf Disziplinen lag er auf dem sechsten Platz, 269 Punkte hinter Neugebauer, und war trotzdem ein Medaillenkandidat. Mit 11,23 Sekunden über 100 Meter, 7,22 Metern im Weitsprung, 2,02 Metern im Hochsprung und 47,99 Sekunden über 400 Meter gelangen Kaul vier Saisonbestleistungen, dazu kam mit 15,26 Metern eine persönliche Bestleistung im Kugelstoßen. Kaul sammelte genug Punkte, um sich für den zweiten Tag in Position zu bringen. Neugebauer stellt zwei EM-Rekorde auf Dabei ließ er sich auch nicht davon verunsichern, dass Neugebauer mit 17,13 Metern im Kugelstoßen und später mit 54,31 Metern im Diskuswurf jeweils EM-Rekorde für Zehnkämpfer aufstellte. Doch der 26-Jährige leistete sich auch Fehler und hatte beim Stabhochsprung großes Pech: Bei 4,80 Metern musste er mehrere zusätzliche Sprünge absolvieren, nachdem die Latte zunächst auf der falschen Höhe gelegen hatte. Das kostete Kraft. Über 4,90 Meter kam Neugebauer noch, bei 5,00 Metern war dann Schluss. Kauls Karriere ist geprägt von vielen Wettkämpfen, in denen andere am ersten Tag schneller liefen, höher sprangen oder weiter stießen – und Kaul am zweiten Tag das tat, was er seit Jahren besonders gut kann: sich nach vorne arbeiten. Dann beginnt der Teil des Zehnkampfs, der ihm liegt. Über die 110 Meter Hürden lief Kaul diesmal 14,73 Sekunden, im Diskuswurf kam er auf 48,88 Meter, im Stabhochsprung auf 4,90 Meter und im Speerwurf auf 73,54 Meter. Plötzlich war Kaul bis auf 154 Punkte an Neugebauer herangerückt. Vor der letzten Disziplin war er in aussichtsreicher Position auf die Goldmedaille, und die 1500 Meter sind normalerweise jene Disziplin, in der er seine Konkurrenten noch einmal unter Druck setzen kann. Schon 2019, als er mit 21 Jahren Weltmeister wurde, hatte Kaul nach fünf Disziplinen nur auf Rang elf gelegen. Am zweiten Tag pirschte er sich Disziplin für Disziplin heran und gewann mit 8691 Punkten – einer Marke, die bis heute Bestand hat als sein Bestwert. In Birmingham war Kaul eine erfahrenere Version seiner selbst. Die Verbesserungen am ersten Tag waren entscheidend dafür, dass er Neugebauer überhaupt noch einmal gefährlich werden konnte. Zugleich versuchte er nicht mehr, ein Zehnkämpfer zu sein, der er nicht ist. Kaul ist nicht Neugebauer, und er muss es auch nicht sein. Das war nicht immer so klar. An Kaul haftete lange das Prädikat des jüngsten Zehnkampf-Weltmeisters aller Zeiten. 2022 folgte der EM-Titel. Mit den Erfolgen wuchsen die Erwartungen und damit auch der Druck. Kaul glaubte, ein möglichst vollständiger Athlet werden zu müssen, der seine Schwächen in Stärken verwandelt. „Dadurch bin ich völlig verkrampft in meine Wettkämpfe gegangen.“ Dabei kann niemand in allen zehn Disziplinen gleich gut sein. Die Kunst besteht darin, eine eigene Herangehensweise zu entwickeln, die am Ende möglichst viele Punkte ergibt. „Da war für mich klar: So geht es auf keinen Fall weiter“ In den vergangenen Jahren hat Kaul immer wieder Rückschläge erlitten. Bei den Olympischen Spielen in Tokio verstauchte er sich beim Hochsprung das Sprunggelenk. Er versuchte noch, die 400 Meter zu laufen, sank aber auf der Bahn zusammen und wurde im Rollstuhl aus dem Stadion gefahren. Bei der WM 2023 musste Kaul wegen einer Fußverletzung aufgeben, es folgte Platz vier bei der EM 2024. Erst nach den Olympischen Spielen in Paris, bei denen es mit Platz acht für ihn überhaupt nicht lief, habe sich sein Bewusstsein verändert. „Ich bin dieser olympischen Medaille sehr verkrampft hinterhergelaufen und dabei auf die Nase gefallen“, erzählte der 28-Jährige. „Da war für mich klar: So geht es auf keinen Fall weiter.“ Über den Winter habe er sich Gedanken gemacht, und das sei dabei herausgekommen. Das vergangene Jahr sei schon gut gewesen, und auch den vierten Platz bei der WM bewerte er inzwischen anders: „Seitdem macht Zehnkampf wieder Spaß.“ Dabei war auch in der Vorbereitung auf Birmingham nicht alles reibungslos verlaufen. Kaul hatte Probleme mit dem Oberschenkel und konnte nur wenig Sprint- und Weitsprungtraining absolvieren. Für die EM hatte er sich deshalb vorgenommen, einen guten Wettkampf zu zeigen, bei dem er Freude hat, und mehr Punkte als die 8528 in Götzis zu sammeln. Zwei Tage später waren es 8573 Punkte und EM-Silber. In Birmingham wirkte es, als habe Kaul aufgehört, gegen sich selbst anzukämpfen. Seit langer Zeit war er wieder mit einem Lächeln im Gesicht zu sehen. Er sei auch nicht mehr so nervös vor Wettkämpfen wie früher, erzählte Kaul, denn: „Das muss ich nicht. Ich habe schon eine WM und eine EM gewonnen, bin EM-Zweiter geworden. Ich finde, das reicht eigentlich für eine sehr erfolgreiche Karriere. Alles, was jetzt kommt, ist Bonus.“ Für Kaul war es die erste Medaille seit seinem EM-Titel 2022. Und offenbar bereitete es ihm eine gewisse Genugtuung, dass auch Neugebauer an seine Grenzen gehen musste: „Was mich ein bisschen zufrieden macht: Er musste ein bisschen laufen und war auch etwas platt. Das fand ich dann doch ganz schön“, sagte er. In Birmingham fand Kaul wieder zu sich selbst. Er hat die Goldmedaille um 38 Punkte verpasst, aber zugleich könnte er etwas Wichtigeres wiedergefunden haben: die Gewissheit darüber, welcher Zehnkämpfer er sein will. „Ich glaube, den haben wir in den letzten zwei Tagen gesehen“, sagte Kaul, ehe er hinzufügte: „Einer, der Spaß daran hat, dass er das hier machen darf. So war ich, bis ich die großen Erfolge hatte und der Meinung war, ab jetzt immer gewinnen zu müssen.“ Niklas Kaul musste erst nicht mehr Deutschlands bester Zehnkämpfer sein, um wieder der beste Niklas Kaul zu werden.