Hendrik Wüst kann nicht für sich in Anspruch nehmen, schon immer ein Türkei-Fan gewesen zu sein. Der 51 Jahre alte Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen ist nicht nur der erste Regierungschef des bevölkerungsreichsten Bundeslandes überhaupt, der die Türkei besucht. Er war auch privat noch nie dort. Nun also für drei Tage, erst ist er in Ankara, dann in Istanbul. Wenige Minuten vor der geplanten Abflugzeit 7.30 Uhr kommt Wüst am Montagmorgen in Düsseldorf in das gut gefüllte Flugzeug von Sun Express. Zuvor hatten andere Passagiere das Flugzeug bestiegen: Eltern mit Kindern, Frauen mit Kopftuch, Vorstandsvorsitzende. Etwa diejenigen von Rewe und Henkel. Die Landesregierung hat kein eigenes Flugzeug oder gar mehrere wie die Bundesregierung. Also muss sich nicht nur der groß gewachsene Ministerpräsident in die schmalen Sitze des Ferienfliegers zwängen, sondern auch die Firmenbosse, die ihn begleiten. Für den Christdemokraten Hendrik Wüst ist die lange geplante Reise ein Balanceakt. Er ist zu einer Zeit in Ankara und Istanbul, in der sein Name noch mehr als sonst in Berlin zu hören ist. Nach drei Landtagswahlen, die in einem Fall (Berlin) schlecht und in zwei Fällen (Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt) katastrophal für die CDU ausgegangen sind, gibt es zwar keinen Plan zum Kanzlertausch. Auch fordert kein einigermaßen ernstzunehmender Unionspolitiker, Merz müsse weg. Aber angesichts der schlechten Wahl- und Umfrageergebnisse ist das Thema da, der Name Wüst verschwindet nicht mehr aus der überregionalen Debatte. Und sei es, um gleich wieder weggewischt zu werden. Ein CDU-Bundestagsabgeordneter aus Nordrhein-Westfalen sagt wenige Tage vor der Türkeireise des Ministerpräsidenten: Für Hendrik Wüst käme ein Wechsel nach Berlin zur Unzeit. Wüst warnt vor einer Scheinantwort Es ist eine symptomatische Äußerung. Der Name des populären nordrhein-westfälischen Regierungschefs wird genannt und gleichzeitig wieder eingesammelt. Ein ständiges „Ja, aber“. Tatsächlich wissen alle, dass Wüst auf dem Weg zur Landtagswahl im April nächsten Jahres nichts so wenig gebrauchen kann wie den Druck aus den eigenen Reihen, in Berlin die Trümmer hinter Friedrich Merz aufkehren zu müssen, weil es irgendwann einfach nicht mehr geht. Deswegen ist derzeit aus vielen christdemokratischen Mündern die Parole zu vernehmen: Schluss mit Personaldiskussionen, endlich Reformen machen. Wüst hat sich vor seiner Reise ebenfalls bemüht, diesen Sack zuzubinden. „Ich glaube, dass die außenpolitische und die innenpolitische Lage so ernst ist und so sehr eine stabile Bundesregierung erfordert, dass jetzt nichts falscher wäre, als zu glauben, wir tauschen jetzt einmal die Spitze aus, und dann ist alles erledigt“, sagt er im Deutschlandfunk. „Das wäre eine Scheinantwort.“ Er trete bei der Wahl im April für fünf Jahre an. „Darauf können sich die Menschen in Nordrhein-Westfalen verlassen, mein Wort steht.“ Dann aber kritisiert er, dass einige Projekte der Bundesregierung „ein bisschen zu lange“ lägen, dass sie „beendet werden, fertig gemacht werden, ins Ziel gebracht werden“ müssten. Zu seiner eigenen Rolle fügt er halb erklärend, halb entschuldigend hinzu, ein Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen mit 18 Millionen Einwohnern müsse sich nun mal einbringen, „der kann sich nicht wegducken“. Und er müsse es aushalten, „dass der ein oder andere Hoffnungen mit meiner Person verbindet“. Das also ist der Hendrik Wüst, der sich drei Tage der Türkei widmet. Das tut er mit dem gewichtigen Argument, dass annähernd eine Million Menschen mit türkischen Wurzeln in Nordrhein-Westfalen ansässig seien, etwa ein Drittel aller in Deutschland lebenden türkeistämmigen Personen. Dass von dieser Million etwa die Hälfte (exakte Zahlen sind kaum zu ermitteln) Wahlrecht in Deutschland hat und somit für den Wahlkämpfer Wüst beim Blick auf den nächsten April wichtig ist, kommt hinzu. Es kann zumindest kein Schaden sein, wenn die den Eindruck haben, der Landesvater kümmere sich auch um ihr Herkunftsland oder das ihrer Vorfahren. 900 Millionen mal Haarewaschen Schaden kann es auch nicht, wenn Wüst sich um die ohnehin schon enge wirtschaftliche Beziehung des von ihm geführten Landes zur Türkei kümmert. Und so ist seine erste Station ein Besuch beim Henkel-Standort in Ankara. Von hier aus werden die nahöstliche Welt, aber auch fernere asiatische Länder und Afrika mit Persil und anderen in Deutschland bestens bekannten Produkten des Hauses Henkel beliefert. Wüst hört sich in aller Ruhe an, dass hier jährlich Shampoo für insgesamt 900 Millionen Haarwäschen produziert wird. Doch während er Vorträgen lauscht und durchs Werk geht, wird im Hintergrund ein kleiner Scoop vorbereitet. Oder sogar ein mittlerer. Kaum ist der Besuch bei Henkel beendet, wird in der Delegation von Wüst verbreitet, der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan werde ihn empfangen. Zwar hatte es von Anfang an geheißen, Wüst werde politische Gespräche in Ankara führen. Doch war nicht gleich kommuniziert worden, wen genau er treffen würde. Einerseits gibt es objektive Gründe für eine solche Begegnung. Nordrhein-Westfalen ist für den türkischen Präsidenten interessant als Bundesland, weil hier so viele Menschen mit türkischen Wurzeln leben und der wirtschaftliche Austausch intensiv ist. Immer wieder erwähnt der Regierungschef aus Düsseldorf das Handelsvolumen von mehr als elf Milliarden Euro im vorigen Jahr. Erdoğan hatte auch Merz früh empfangen wollen Andererseits ist es eine besondere Geste. Protokollarisch steht der deutsche Ministerpräsident klar unter dem türkischen Präsidenten. Erdoğan wertet Wüst also mit dem Empfang, von dem von türkischer Seite Bilder verbreitet werden, auf. Ob Wüsts Parteifreund, Bundeskanzler Friedrich Merz, das mit Freude sieht, darf infrage gestellt werden, zumal die aufgeregte öffentliche Debatte, Wüst könne ihn als Kanzler ablösen, schon im Mai für Verärgerung im Kanzleramt gesorgt hat. Doch hat Merz keinen echten Grund zur Klage. Als der Sozialdemokrat Olaf Scholz noch Kanzler und Merz noch nicht einmal offiziell Kanzlerkandidat der Union war, plante der CDU-Chef eine Türkeireise, bei der Erdoğan ihn empfangen wollte. Die Reise wurde von deutscher Seite im letzten Moment abgesagt, weil genau dann die Kandidatenentscheidung für Merz fiel. Erdoğan scheint jedenfalls ein vorausblickender Mann zu sein, der sich seine künftigen Gesprächspartner gern früh anguckt. Nach dem Gespräch wird eine Mitteilung der nordrhein-westfälischen Landesregierung verschickt, in der viel Positives über den Austausch der beiden Politiker und die Beziehungen Nordrhein-Westfalens mit der Türkei gesagt wird. Weil deutsche Politiker dem heimischen Publikum immer einen kritischen Blick schuldig zu sein glauben, steht in der Mitteilung auch: „Die Landesregierung verfolgt die innenpolitischen Entwicklungen in der Türkei mit Sorge.“ Auch im Gespräch soll es um kritische Themen gegangen sein, bei denen man unterschiedlicher Meinung sei. Genaueres verlautbart nicht. Der Umgang mit Menschenrechten, mit den Medien dürfte gemeint sein. Erdoğans genauer Blick auf die Lage in Deutschland Doch das Interesse an der innenpolitischen Lage gilt umgekehrt ebenso. Erdoğan, so berichtet Wüst nach dem Treffen, habe Interesse an den jüngsten Wahlergebnissen in Deutschland gezeigt. Das ist naheliegend, weil das starke Abschneiden der AfD mit ihrem hart ausländerfeindlichen Kurs ihn nicht kaltlassen kann beim Blick auf seine in Deutschland lebenden Landsleute. Wenn Erdoğan aber so gut über die innenpolitische Lage informiert ist, wird er auch die schwierige Situation für Kanzler Merz einschätzen können. Will Wüst dieses Thema wirklich aus der Reise raushalten? Das wäre erstaunlich, denn der Landespolitiker hat eine große Zahl Berliner Journalisten mitgenommen. Zu deren Aufgabenbeschreibung gehört es, die Kanzlerfrage nicht aus den Augen zu verlieren.
