FAZ 30.07.2026
10:36 Uhr

Wohnraumknappheit: Digitaler Wohnungstausch ist nur ein kleiner Schritt


Das Beispiel Wiesbaden zeigt, dass eine digitale Tauschbörse für Wohnungen helfen kann. Das grundsätzliche Problem fehlenden Wohnraums, den sich das Gros der Bevölkerung noch leisten kann, ist damit nicht zu lösen.

Wohnraumknappheit: Digitaler Wohnungstausch ist nur ein kleiner Schritt

Die Idee klingt bestechend einfach. Warum sollte sich ein älteres Paar, dessen Kinder inzwischen aus dem Haus sind, nicht mit einem jungen Paar auf einen Wohnungstausch einigen, das händeringend nach einer Wohnung mit mehr Platz für vorhandenen oder erwarteten Nachwuchs sucht? Dass das funktionieren kann, hat sich beispielsweise in Freiburg gezeigt. Dort hat die Stadt 2021 eine unentgeltliche Wohnungstauschbörse auf den Weg gebracht und damit Erfolge erzielt. Es ist ein gutes Instrument, die Fehlallokation von Wohnraum auf freiwilliger Basis zu mildern. Allerdings ist auch in Wiesbaden die Größenordnung, in der Mieter einer inzwischen eigentlich zu großen Wohnung mit solchen auf der Suche nach mehr Wohnraum für die Familie tauschen wollen, nicht bekannt. Eine „Blackbox“, wie der zuständige Mitarbeiter der Stadt zugibt. Da eine der Zielgruppen ältere und alte Wiesbadener sind, ist es richtig und wichtig, mit dem Angebot der digitalen Tauschbörse auch das Angebot einer persönlichen Beratung zu verbinden. Denn gerade alte Menschen könnten davor zurückschrecken, selbst eine Annonce mit Bildern der eigenen Wohnung ins Netz zu stellen. Nur ein vergleichsweise kleiner Baustein Eine digitale Wohnungstauschbörse auch in Wiesbaden auf den Weg zu bringen und die ungewollte Unterbelegung von Wohnraum so zu reduzieren, ist zu loben. Allerdings kann mit diesem Instrument die nach wie vor heikle Lage auf dem Wiesbadener Wohnungsmarkt nicht grundlegend entschärft werden. Die Börse kann nur eine und noch dazu nicht sehr große Komponente bei der Bekämpfung der chronischen Wohnraumknappheit sein. Es müssen vor allem mehr neue Wohnungen gebaut und der spekulative Leerstand durch eine entsprechende Satzung eingedämmt werden. Letztere hat die Hessische Landesregierung inzwischen ermöglicht und damit Wiesbaden und anderen Kommunen ein weiteres Instrument zur Besserung der nach wie vor vielerorts heiklen Lage auf dem Wohnungsmarkt an die Hand gegeben. Auf Bundesebene ist derweil mit vereinfachten Regelungen eine entscheidende Besserung bei Neubauten auf den Weg gebracht worden. Die war allerdings auch überfällig, weil man bisher weit unter den dereinst gesteckten Zielen für den Bau neuer Wohnungen zurückgeblieben ist. Auch das wachsende Wiesbaden bleibt bisher weit hinter dem Bedarf zurück. Dieser liegt bei deutlich mehr als 1000 neuen Wohnungen im Jahr. Vor allem solche für Menschen mit niedrigem und mittlerem Einkommen gibt es nicht genug. Von bis zu 3000 geförderten Wohnungen, die fehlten, war zuletzt die Rede. Die Stadt hat, mit welcher Koalition auch immer, in jedem Fall in dieser Sache noch viel zu tun.