FAZ 17.03.2026
10:58 Uhr

„Whiskey in the Jar“: Eine irische Räuberpistole


Zum St. Patrick’s  Day beschäftigen wir uns in der F.A.Z.-Pop-Anthologie mit einem irischen Klassiker über einen Ganoven, der immer wieder auf die Füße fällt. Er wurde aber auch als Protestsong verstanden: „Whiskey in the Jar“.

„Whiskey in the Jar“: Eine irische Räuberpistole

Die Dubliners, Thin Lizzy, die Pogues, Metallica und Bryan Adams – etliche Bands und Musiker haben sich sich bereits an diesem irischen Trinklied versucht: Bei „Whiskey in the Jar“ geht es um einen Ganoven und Schwerenöter, der immer wieder auf die Füße fällt. Seine Antwort auf alle Siege und Niederlagen im Leben ist der tiefe Blick ins Glas, in dem sich das hochprozentige Getränk befindet. „Whiskey in the Jar“ ist ein irisches Volkslied, dessen Wurzeln wahrscheinlich bis ins 17. Jahrhundert reichen. Die Ballade entstand, als das Königreich von den Engländern regiert und die katholische Bevölkerung unterdrückt wurde. Die Geschichte über den Straßenräuber, der einen Hauptmann überfällt, dann aber von seiner Geliebten oder Ehefrau hinters Licht geführt wird und ins Gefängnis kommt, wurde auch als Protestsong verstanden. Ein Nachfahre von Robin Hood „Captain Farrell“, der sein Geld dem Dieb überlässt, gehörte für das irische Publikum zur englischen Obrigkeit – im Lied selbst gibt es keinen Hinweis darauf. Der Straßenräuber war somit ein später Nachfahre von Robin Hood, der die Unterdrücker bestrafte und die Armen beschenkte. Die irischen Guerrillakämpfer des 17. Jahrhunderts nannte man „raparees“. Aus ihnen wurden später oft Straßenräuber, also „highwaymen“. Songs über diese Banditen, welche die wohlhabenden Engländer ausraubten, waren damals populär. In der amerikanischen Geschichte wurde das Lied von den irischen Einwanderern zur Zeit der Kolonisierung gesungen. Auch da richtete es sich gegen die Herrschaft der Engländer. In erster Linie ist „Whiskey in the Jar“ aber ein Trinklied, denn der Refrain endet mit dem ausgelassenen Hinweis darauf, dass sich noch etwas von dem geistigen Getränk im Krug oder im Glas befindet. Alkohol ist für den Protagonisten die Antwort auf jede Bruchlandung, jeden Schmerz, jede Hoffnung und jedes Vergnügen. Die Geschichte verbreitet gute Laune, weil der Erzähler ständig auf die Klappe fliegt und sich wieder berappelt; er folgt seinen Launen und Einfällen, läuft Frauen hinterher, schläft gern und trinkt. Der Kleinganove erinnert auch an die literarische Figur des Picaros oder des Schelms, wie sie sich in „Don Quijote“ von Cervantes oder im „Simplicissimus“ von Grimmelshausen findet. Die Bücher sind ebenfalls im 17. Jahrhundert veröffentlicht worden. Das Lied passt sich flexibel unterschiedlichen Musikrichtungen an Die Ballade ist in etlichen Textfassungen überliefert, die oft aktualisiert und an den historischen Moment angepasst wurden. Seit über sechzig Jahren wird das Lied nun von Bands und Künstlern gecovert. Die Versionen von den Dubliners, Thin Lizzy und Metallica gehören dabei sicherlich zu den markantesten Einspielungen. Das Lied passt sich erstaunlich flexibel an die unterschiedlichen Musikrichtungen an. Bei den Dubliners erklingt „Whiskey in the Jar“ als klassischer irischer Folksong mit Geige, Banjo und Flöte. Bei Thin Lizzy hat sich die Ballade gewandelt, mit elektronischen Instrumenten und einem eingängigen Riff, der vom Gitarristen Eric Bell gespielt wird. Auf diesen melodischen Lauf greift wiederum James Hetfield von der Band Metallica zurück, die das Lied 1998 aufnahmen für ihr Album „Garage Inc.“ Die irischen Wurzeln sind dabei musikalisch kaum noch erkennbar. Viel eher orientierten Metallica sich an der Einspielung von Thin Lizzy und entwickelten aus dem Rocksong eine schnellere, härtere und bündigere Version, mit Powerchords und verzerrten Gitarren. Die eingängige Melodie der irischen Ballade passt zu der musikalischen Veränderung, die sich bei der Band seit ihrem Album „Load“ von 1996 abzeichnete. Bereits davor gingen etliche Fans der ersten Stunde auf die Barrikaden, weil sie meinten, dass Metallica sich mit dem „Schwarzen Album“ von 1991 dem Mainstream angedient hätten. Außerdem änderte sich bei „Load“ auch die Optik der Musiker. T-Shirts wurden durch farbige Hemden ersetzt, die Haare waren kurz geschnitten und die Gesichter dezent geschminkt. Trotzdem ist „Whiskey in the Jar“ einer der beliebtesten Songs von Metallica. Bei Spotify, wo die Gruppe monatlich von 32 Millionen Menschen gehört wird, findet sich das Lied unter den zehn populärsten Stücken der Band – als einzige Coverversion. Ihr wisst schon, für wen! Auf Youtube gibt es etliche Videos des Songs, die bei Konzerten von Metallica aufgenommen wurden. Beeindruckend sind die Auftritte der Gruppe in Irland. 2006 kündigt der Sänger und Gitarrist James Hetfield den Song in Dublin an mit den Worten „This one goes out to you know who“ und spielt auf die Bedeutung von „Whiskey in the Jar“ an, die das Lied im Heimatland der irischen Ballade besitzt. Sehenswert ist auch der Mitschnitt beim Auftritt an der Burg Slane Castle 2019 in der Grafschaft Meath. Reizvoll an der Version von Metallica sind die miteinander korrespondierenden Melodien. Das Lied prägt sich einerseits durch die Linie des Gesangs ein, andererseits über den markanten Gitarrenlauf, den Eric Bell von Thin Lizzy erfunden hat. Metallica haben in ihrer Fassung die beiden Melodien kongenial miteinander verbunden und zu einer Einheit verschmolzen. Wenn der Gesang aussetzt, erklingt der markante Riff auf der Gitarre. Vermutlich bekam die Band auch wegen dieser doppelten Melodieführung einen Grammy für den Song in der Kategorie „Best Hard Rock Performance“. Eine bemerkenswerte irische Kooperation Bryan Adams überführt das Lied in den Bereich seiner Ästhetik. Wer das Original nicht kennt, mag den Song für eine Komposition des kanadischen Musikers halten. Ähnlich verhält es sich mit einer Aufnahme aus den sechziger Jahren von Peter, Paul and Mary. Das Lied heißt hier „Gilgarra Mountain“, die Begleitung besteht aus zwei Gitarren, bei denen die Akkorde gezupft werden. Der Rhythmus ist langsam, getragen, fast schleppend. Der Wechsel zwischen den Akkorden erzeugt ein leichtes Schunkeln. Die Stimme des Gesangs liegt im Tenorbereich, das Lied erinnert durch den hohen Ton und die Gitarrenarbeit an die Songs von Simon & Garfunkel. Die Version von Peter, Paul and Mary ist mit sechs Minuten ziemlich lang, aber es erklingen auch insgesamt sieben Strophen. Die Erzählung steht hier im Vordergrund oder liegt zumindest auf gleicher Höhe mit den musikalischen Aspekten. Bemerkenswert ist ebenfalls die irische Kooperation zwischen den Dubliners und den Pogues, die 1990 „Whiskey in the Jar“ zusammen aufnahmen. Gesungen werden die Strophen abwechselnd von Ronnie Drew und Shane MacGowan. Das Lied gewinnt im Vergleich mit der Einspielung der Dubliners deutlich an Fahrt, der Punkeinfluss der Pogues ist unverkennbar. Shane MacGowan rotzt und nuschelt die Verse ins Mikrofon – Ronnie Drew hetzt ihm hinterher. Aus dieser temporeichen Fassung des Songs, bei der die irischen Wurzeln musikalisch erkennbar bleiben, resultiert die Frage, wann die Bands Flogging Molly und Dropkick Murphys das Lied in ihr Repertoire einfügen werden. Offizielle Aufnahmen stehen noch aus, vielleicht aber wurde das Stück von den Gruppen bei Liveauftritten bereits gespielt. Vermutlich verführt das Lied jedes Jahr ein paar Hörer zum Konsum von Whiskey. Wer dem Song betrunken lauscht, befindet sich in der Gesellschaft des Straßenräubers. Und der hat sich jedes Mal wieder berappelt. Whiskey in the Jar As I was goin' overThe Cork and Kerry MountainsI saw Captain FarrellAnd his money, he was countin'I first produced my pistolI then produced my rapierI said, „Stand and deliver oh, or the devil he may take ya“ I took all of his moneyAnd it was a pretty pennyI took all of his moneyYeah, and I brought it home to MollyShe swore that she loved meNo, never would she leave meBut the devil take that womanYeah, for you know she tricked me easy Musha rain dum a doo, dum a daWhack for my daddy, ohWhack for my daddy, ohThere's whiskey in the jar Being drunk and wearyI went to Molly's chamberTakin' Molly with meBut I never knew the dangerFor about six or maybe sevenYeah, in walked Captain FarrellI jumped up, fired my pistolsAnd I shot him with both barrels Yeah, musha rain dum a doo, dum a da, ha, yeahWhack for my daddy, ohWhack for my daddy, ohThere's whiskey in the jar Now some men like a fishin'And some men like the fowlin'And some men like to hearTo hear the cannonball roarin'Me, I like sleepin''Specially in my Molly's chamberBut here I am in prisonHere I am with a ball and chain, yeah Musha rain dum a doo, dum a da, heh, hehWhack for my daddy, ohWhack for my daddy, ohThere's whiskey in the jar, oh, yeah Whiskey in the jar Musha rain dum a doo, dum a da . . .