FAZ 16.03.2026
16:32 Uhr

Wer ist der Regisseur?: Plötzlich regnet es Oscars für Paul Thomas Anderson


Seit „Magnolia“ galt er als Regie-Wunderkind: Paul Thomas Andersons Filme waren oft nominiert, nun erhielt er endlich seinen ersten Oscar. Was zeichnet ihn aus?

Wer ist der Regisseur?: Plötzlich regnet es Oscars für Paul Thomas Anderson
Depressionen, Burn-out, ADHS: Viele psychische Krankheiten nehmen seit Jahren zu. Auch die Zahl der Psychotherapeuten wächst, allerdings nicht stark genug. Victoria Bonn-Meuser/DPA

Als Regisseur Paul Thomas Anderson sich Thomas Pynchons Roman „Vineland“ vornahm, war an eine zweite Amtszeit unter Donald Trump noch nicht zu denken. Pynchons 1984 unter der Präsidentschaft Ronald Reagans angesiedelte Handlung versetzte Anderson für seinen Film „One Battle After Another“ in ein gerade noch heutiges Amerika, in dem die Grenzen dicht sind, Militarismus das Sagen hat und eine linke Widerstandsgruppe in den Untergrund abtauchen muss. Dreizehnmal war „One Battle After Another“ bei den diesjährigen Oscars nominiert – nicht wegen der politischen Dimension, sondern wegen der künstlerischen Leistung. Als Anderson sich Mitte der Neunzigerjahre mit Filmen wie dem Episodendrama „Magnolia“ einen Namen machte, galt er schnell als Regie-Wunderkind. Die Stoffe, die er sich aussuchte, waren ungewöhnlich – „Boogie Nights“ etwa handelte vom Aufstieg und Fall eines Pornostars, in „Magnolia“ spielt Tom Cruise eine frühe Version des chauvinistischen Influencers Andrew Tate. Die Umsetzung wagte viel, Anderson führte sie immer mit sicherer Hand aus. Das Handwerk brachte er sich selbst bei Von Filmschulen hielt er nicht viel. In Los Angeles 1970 geboren, wuchs Anderson in einer katholischen Familie auf. Sein Vater war Schauspieler und schenkte dem Sohn im Alter von acht Jahren eine Betamax-Videokamera. Damit war der Wunsch in ihm geboren, Filme zu machen. Einen Alternativplan brauchte er nicht. Das Handwerk brachte er sich mit dem Betrachten der Filme von Orson Welles, Stanley Kubrick und Robert Altman bei. Den Rest lernte er durch Übung. Anderson ist einer der Regisseure, die ihren Mitarbeitern treu bleiben. Als seine Castingdirektorin Cassandra Kulukundis Sonntag Nacht den Oscar für ihre Besetzungsarbeit an „One Battle After Another“ erhielt (der erste Oscar in dieser neuen Kategorie), erzählte sie, dass das schon die zehnte Zusammenarbeit mit Paul Thomas Anderson gewesen sei. Auch seine Schauspieler kommen gern wieder. Das Ausnahmetalent Philip Seymour Hoffman spielte bis zu seinem Tod in vier Anderson-Filmen mit. Vor vier Jahren besetzte der Regisseur dann dessen nicht minder talentierten Sohn Cooper Hoffman in der Hauptrolle des Dramas „Licorice Pizza“ und schob damit die Hollywoodkarriere des Jungdarstellers an. Von Publikum wie Kritik gleichermaßen gelobt und vielfach nominiert, hatten Andersons Filme bislang keinen Oscar gewonnen. Das änderte sich nun: Sechs goldene Trophäen erhielt „One Battle After Another“; dreimal ging Anderson selbst auf die Bühne: für beste Regie, bestes Drehbuch und bester Film. Am Ende winkte er überwältigt mit der Statue: „Ich brauche jetzt erst mal einen Martini.“