Der American University of Afghanistan droht die Schließung, nachdem das amerikanische Außenministerium einen Finanzierungsantrag für die nächsten zwei Jahre abgelehnt hat. Hunderte afghanische Studentinnen könnten damit ihre einzige Möglichkeit verlieren, einen Hochschulabschluss zu erreichen. Seit der Machtergreifung der Taliban findet der Unterricht der einstigen Vorzeigehochschule online statt. 90 Prozent der etwa tausend Studenten leben nach Angaben der Hochschule in Afghanistan. Drei Viertel von ihnen sind Frauen. Seit Dezember 2022 verbieten die Taliban Frauen, an afghanischen Universitäten zu studieren. Laut der „New York Times“ kündigte das State Department an, die Finanzierung zum Jahresende einzustellen. Zur Begründung verwies das Ministerium auf „einen wiederkehrenden Mangel an Rechenschaft für Millionen Dollar an amerikanischen Steuergeldern“, ohne Details zu nennen. Im Jahr 2019 waren strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet worden, nachdem die Universität den Verbleib von 63 Millionen Dollar nicht hatte erklären können. Der amtierende Rektor David Edwards sagte der „New York Times“, dass es seit 2021 keine Probleme bei Buchprüfungen mehr gegeben habe. „Wir sind die einzige Bildungseinrichtung für eine ganze Generation von Afghanen. Das scheint die derzeitige Regierung nicht zu erkennen“, sagte Edwards. Bislang wurden unter anderem Fächer wie Jura, Informatik, Betriebswirtschaft und Verwaltung unterrichtet. Das State Department teilte mit, man plane andere Onlinebildungsangebote für Frauen und Mädchen in Afghanistan und suche derzeit nach Partnern. Europäische Geber lehnten eine Unterstützung der Universität ab Der afghanische Politikwissenschaftler Obaidullah Baheer, der an der American University unterrichtet, sagte der F.A.Z., die Hochschule habe sich im vergangenen Jahr vergeblich bei europäischen Gebern um finanzielle Unterstützung bemüht. „In deren Vorstellung gibt es keine Hochschulbildung für Frauen in Afghanistan, und deshalb gibt es auch kein Budget dafür“, sagte er bei einem Gespräch im August in Kabul. Afghanische Exilpolitiker hätten in der westlichen Öffentlichkeit den Eindruck geschaffen, die Lage der Frauen in Afghanistan sei so aussichtslos, dass man nichts für sie tun könne. „Das passiert, wenn man die Nuancen verliert“, sagte Baheer. „Statt dass die internationale Gemeinschaft unsere Präsenz anerkennt und unsere Bemühungen unterstützt, geben sie sich mit moralischen Botschaften zufrieden, die ihnen helfen, nachts zu schlafen.“ Baheer ist ein Enkel des früheren Mudschahedin-Führers Gulbuddin Hekmatyar. Er versteht sich als Teil eines Netzwerks von Intellektuellen, die trotz Ausreisemöglichkeiten in Afghanistan geblieben seien, um in der Auseinandersetzung mit den Taliban graduelle Verbesserungen zu erwirken. In einem Gastbeitrag für die „New York Times“ appellierte er kürzlich an den Westen, den Umgang mit Afghanistan zu überdenken und sich auf Afghanen zu konzentrieren, die im Land geblieben sind. Baheer hat sich 2022 in Fernsehinterviews, Beiträgen in den sozialen Medien und im Gespräch mit einem hohen Taliban-Vertreter gegen eine Schließung der Universitäten für Frauen starkgemacht. Allerdings vergeblich. Wegen seines Engagements war er damals kurzzeitig festgenommen worden. Inzwischen habe sich der Umgang der Taliban mit ihm und seinen Mitstreitern verändert, „weil sie verstanden haben, dass wir nicht weggehen werden“. Baheer gesteht aber zu, dass er wegen seiner Sichtbarkeit in ausländischen Medien geschützter sei. Der Abschluss der American University wird vom Taliban-Hochschulministerium nicht anerkannt, wohl aber im westlichen Ausland. Als die Islamisten 2021 die Macht übernahmen, errichteten sie auf dem Gelände der Hochschule in Kabul eine islamische Universität. Den Amerikanern warfen sie vor, die afghanische Jugend indoktriniert zu haben. 2016 wurden bei einem islamistisch motivierten Angriff auf die American University dreizehn Personen getötet.
