Wenn Kathrin Meyer aufs Pferd springt, braucht sie keinen Steigbügel. Sie läuft vier, fünf Schritte im Takt des Galopps neben ihm her, fasst in die Griffe des Voltigiergurtes und schwingt sich in einer fließenden Bewegung auf den Pferderücken. Sie hat das schon als Kleinkind gelernt, und spätestens, als sie 14 Jahre alt war, reifte in ihr der Entschluss, irgendwann zu den weltbesten Voltigiererinnen zu gehören. Damals fuhr sie mit ihrer Mutter von Hamburg nach Aachen. Um fünf Uhr morgens ging es los, um das bis dahin größte Spektakel ihres Sports nicht zu verpassen. In Aachen fanden die Europameisterschaften in fünf Pferdesport-Disziplinen statt, darunter Voltigieren vor Tausenden Zuschauern. „Als ich die Sportler gesehen habe, wie sie in diese Halle eingelaufen sind“, erinnert sich Kathrin Meyer, „habe ich davon geträumt, das auch einmal erleben zu dürfen.“ Elf Jahre später, mit 25 Jahren, ist sie am Ziel und turnt bei den Weltmeisterschaften in Aachen um die Goldmedaille mit. Sie war schon Europameisterin und Team-Weltmeisterin, hat 2025 als erste Frau zum dritten Mal hintereinander das Weltcup-Finale gewonnen, mit der Rekordnote 9,023. Dass sie nach dieser WM ihre Karriere als Einzel-Voltigiererin beendet, hat sie für sich schon beschlossen: „Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.“ Erste Hürden in Pflicht und Technik genommen Am Donnerstag durfte sie als erste deutsche Starterin bei der WM antreten. Ihr Sportanzug strahlte weiß im Hallenlicht, die schwarz-rot-goldenen Stickereien wirkten wie bunte Bänder, die ihren Oberkörper umschlungen. „Einzigartig!“, war ihr erster Eindruck von der Atmosphäre. „Das war ein guter Start.“ Die ersten beiden Teile ihrer WM-Prüfung hat sie schon hinter sich – die Pflicht und das Technik-Programm –, einmal acht vorgegebene Übungen, einmal fünf mit mehr Gestaltungsspielraum und einem Zeitlimit von einer Minute. Der Höhepunkt, die Kür, steht an diesem Samstag an. Freihändig auf dem Pferd stehen, knien, sich im Sitzen um die eigene Achse drehen, mit Rückwärtssalto wieder auf den Boden kommen und im Idealfall auf beiden Füßen zum Stehen kommen – all das gehört zu ihrem Programm. Nicht nur Meyers Akrobatik wird bewertet, auch der Sportler unter ihr bekommt Noten – etwa für seinen Galopp, der schön gleichmäßig sein sollte, auch im Sinne der Turnerin, die sicherer und präziser agieren kann, wenn unter ihr keine Eile herrscht. Ein Pferd wie ein Kapitän in rauer See Capitain Claus ist Meyers vierbeiniger Partner, das Pferd, das sie um den Voltigierzirkel trägt und dem ihr erster Dank gilt, wenn sie sicher gelandet ist. Über die Longe hält Gesa Bührig die Verbindung zu ihm, sie steht in der Mitte des Zirkels und gibt ihm Signale. „Cappi“ aber ist so erfahren, er kennt die Abläufe und ließ sich auch von der ungewohnten Stimmung in der Aachener Arena nicht aus der Ruhe bringen. Wie ein Kapitän in rauer See. Die Musik, das Licht, die vielen Zuschauer – all das gibt dem großen braunen Pferd sogar noch „ein bisschen mehr Energie als zu Hause“, sagt Bührig. Auch wenn ihre Disziplin Einzelvoltigieren heißt, geht es nicht ohne ein gutes Team. Kathrin Meyer ist zwar die Hauptperson, sie tritt aber stets im Trio an. Den Menschen und Pferden, die sie von der ersten Voltigierstunde bis zur WM nach Aachen begleitet haben, widmet sie auch ihre Kür. „Eternal love“, ewige Liebe, heißt das Musikprogramm, das sie dafür gestaltet hat. Es ist auch eine Hommage an sie selbst, das Mädchen, das sich seinen Traum erfüllt hat. Mit 25 steht Kathrin Meyer vor einem neuen Kapitel ihres Lebens. Während in anderen Pferdesport-Disziplinen bis ins höhere Alter geritten wird, sind beim Voltigieren die Grenzen der Belastung für den Körper schon früh erreicht. Aber Meyer hat vorgesorgt. Sie ist Sportsoldatin, studiert Sport- und Projektmanagement. Ein Job im Pferdesport, das sei ihr Ziel, sagt sie. Eine Option ist der Dachverband in Warendorf, mit dem sie schon im Gespräch sei. Es ist ihr zuzutrauen, dass sie ihren Traumjob so hartnäckig verfolgen wird wie ihren Kindheitstraum vom Voltigieren.
