FAZ 01.10.2026
15:07 Uhr

Vogelzug: Auf neuen Routen in Richtung Süden


Der Klimawandel sorgt dafür, dass immer mehr Kraniche und Störche im Winter in Hessen bleiben. Aber auch die Reisewege der Vögel, die sich zum Herbstbeginn noch immer in Richtung Süden aufmachen, verlaufen anders.

Vogelzug: Auf neuen Routen in Richtung Süden

Bald werden sie wieder zu sehen sein: in langen Ketten und in V-Formation am Himmel entlangziehende Trupps von Großvögeln, deren trompetenartige Rufe weithin vernehmbar sind. Für viele Menschen sind Kraniche so etwas wie die tierischen Symbole des Abschieds vom Sommer. Wenn die großen Vögel im Herbst über Hessen hinweg in Richtung Südwesten fliegen, wird der Wechsel der Jahreszeiten für einen Augenblick sichtbar. Doch der Vogelzug ist weit mehr als ein eindrucksvolles Naturschauspiel. Er ist ein hochkomplexes Zusammenspiel aus innerer Uhr, Wetter, Landschaft, Nahrung und Erfahrung – und er verändert sich spürbar. „Ab Ende September werden die ersten auffälligen Trupps von Kranichen unterwegs sein“, sagt Bernd Petri, Ornithologe beim hessischen Landesverband des Naturschutzbunds (NABU) in Wetzlar. Im Oktober beginnt meist die Hauptreisezeit der bis zu 1,30 Meter großen Tiere. Mit kräftigen Flügelschlägen gewinnen sie an Höhe, danach nutzen sie Thermik und Rückenwind. Ihre typische V-Formation spart Energie: Der Vogel an der Spitze erzeugt Luftwirbel, von denen die nachfolgenden Tiere profitieren. Die Führungsarbeit wird deshalb regelmäßig gewechselt. Mehr als 300.000 Kraniche über Deutschland Die Zahl der Kraniche, die Deutschland auf der sogenannten Westroute überqueren, ist beträchtlich. Der NABU schätzt, dass alljährlich mehr als 300.000 Kraniche auf dieser südwestlichen Route unterwegs sind. Insgesamt ziehen nach Schätzungen etwa 500 Millionen Vögel durch oder über Deutschland; weltweit gehören rund 4000 Vogelarten zu den Zugvögeln. Viele der Tiere kommen aus Nordosteuropa und nutzen Deutschland als Transitland auf dem Weg in ihre Winterquartiere. Flüsse und Täler dienen ziehenden Vögeln als topographische Orientierungslinien. Das breite, nahezu nordsüdlich ausgerichtete Lahntal in Mittelhessen etwa ist ein bedeutender regionaler Zugkorridor und ein wichtiges Rastgebiet auf der westeuropäischen Vogelzugroute. Das Vogelschutzgebiet „Lahnaue“ zwischen Gießen und Wetzlar ist zudem ein idealer Rastplatz für Kranich, Schwarzstorch, Silberreiher und Weißstorch sowie für Watvögel, Gänse und Enten. Der Weg der Kraniche endet dabei längst nicht mehr grundsätzlich in Südspanien oder Nordafrika. Die Klimaerwärmung hat die Winter in Mitteleuropa und Frankreich milder gemacht. Viele Vögel rasten am Lac du Der-Chantecoq, einem großen Stausee in der Champagne, oder verbringen gleich den gesamten Winter in Frankreich. Manche bleiben sogar in Hessen, sofern sie in Vogelschutzgebieten ausreichend Nahrung finden. Maiskörner auf abgeernteten Feldern, Schlafplätze in flachen Gewässern und frostfreie Nächte können den Ausschlag geben. „Wenn sie genügend Nahrung finden, bleiben sie“, sagt Petri. Eine kürzere Strecke bedeute weniger Energieverbrauch und weniger Risiken. Denn Vogelzug ist gefährlich. Stürme können die Tiere vom Kurs abbringen, schlechte Sicht erschwert die Orientierung. Beim Überqueren des Meeres fehlt die Thermik, die große Vögel zum energiesparenden Segeln benötigen. Für kleinere Arten sind Wüsten, Gebirge, Lichtverschmutzung, Glasfassaden und der Verlust von Rastplätzen zusätzliche Gefahren. Gerade deshalb sind Feuchtgebiete, Flussauen, Moore und extensiv bewirtschaftete Felder entlang der Zugrouten von großer Bedeutung. Sie bieten Nahrung und sichere Ruheplätze – gewissermaßen Tankstellen auf einer kontinentalen Reiseroute. Kraniche und Gänse: Ähnlich und doch gut zu unterscheiden Auch Wildgänse sammeln sich im Herbst zu großen Trupps. Wie Kraniche fliegen sie häufig in V-Formation und sind deshalb aus der Entfernung leicht zu verwechseln. Gänse sind jedoch kleiner, haben kürzere Beine und einen kompakteren Körper. Ihr Ruf klingt eher quäkend oder schnatternd, während Kraniche mit weittragenden, trompetenartigen Rufen auf sich aufmerksam machen. Die Formationen sind nicht nur schön anzusehen: Im Verband können die Vögel ihre Kräfte besser einteilen und sich gegenseitig orientieren. Überhaupt ist die Vorstellung vom „sesshaften Vogel“ oft irreführend. Auch viele Arten, die das ganze Jahr über in Deutschland leben, sind in Bewegung. Die Kohlmeise, die im Sommer in Hessen gebrütet hat, kann den Winter mehrere Hundert Kilometer weiter westlich verbringen. Am Futterhäuschen sitzt dann möglicherweise eine Kohlmeise aus Brandenburg oder aus einer anderen Region. Bei Amseln, Staren, Finken und anderen Gartenvögeln mischen sich Standvögel, Kurzstreckenzieher und Wintergäste. Was vertraut aussieht, kann also jedes Jahr eine andere Herkunft haben. Vom Kurzstreckenflug bis zur Reise nach Afrika Ornithologen unterscheiden grob zwischen Kurz-, Mittel- und Langstreckenziehern. Kraniche, Stare, Feldlerchen und Hausrotschwänze gehören zu den Arten, deren Zugwege häufig vergleichsweise kurz sind. Andere Vögel ziehen bis in den Mittelmeerraum. Für Insektenjäger endet die Reise dagegen oft erst südlich der Sahara. Mauersegler und Schwalben legen zwischen Europa und Afrika mehrere Tausend Kilometer zurück, in manchen Fällen rund 10.000 Kilometer und mehr. Der Mauersegler verbringt ohnehin nur wenige Monate im Jahr in Hessen. Ende Juli sind die meisten Tiere bereits abgeflogen; erst im Mai kehren sie zurück. Rauch- und Mehlschwalben sind im September oft noch zu sehen, bevor auch sie in Richtung Zentral- oder Südafrika aufbrechen. Der Grund ist schlicht: In Hessen fehlen im Winter die fliegenden Insekten, von denen die Vögel leben. Im Kongo, in der Sahelzone oder im südlichen Afrika finden sie in den nächsten Monaten bessere Bedingungen. Dass eine solche Reise trotz aller Gefahren möglich ist, verdanken sie einem präzisen Orientierungssystem aus Erdmagnetfeld, Sonne, Sternen und Landschaftsmerkmalen. Der Klimawandel verschiebt den Kalender Die Folgen des Klimawandels sind beim Vogelzug bereits messbar. Nach Angaben des NABU kehren viele Zugvögel im Frühjahr im Durchschnitt etwa drei Wochen früher aus ihren Winterquartieren zurück als noch vor rund 40 Jahren. Manche Arten ziehen im Herbst später ab, andere verkürzen ihre Route oder bleiben gleich hier. Die Mönchsgrasmücke ist ein besonders anschauliches Beispiel: Ein Teil der mitteleuropäischen Population überwintert zunehmend in Großbritannien, wo das Klima milder ist. Auch in Deutschland bleibt die Art häufiger als früher. Diese Anpassung hat Grenzen. Entscheidend ist nicht nur die Temperatur, sondern das richtige Timing. Wenn Zugvögel früher ankommen, aber ihre Nahrung noch nicht verfügbar ist, entsteht ein Problem. Ebenso können Insekten bereits massenhaft schlüpfen, bevor die Vögel aus Afrika zurückkehren. Zugvögel sind zudem auf mehrere intakte Lebensräume angewiesen: auf das Brutgebiet, die Rastplätze unterwegs und das Winterquartier. Veränderungen an nur einem dieser Orte können den gesamten Jahreszyklus beeinträchtigen. Auch Weißstörche werden deshalb immer häufiger zu Kurzstreckenziehern. Statt bis nach Afrika zu fliegen, überwintern manche bereits in Frankreich oder Spanien. In Hessen lassen sich Altstörche etwa im Hessischen Ried, rund um Wiesbaden oder in der Wetterau beobachten. Bioabfallanlagen wirken auf sie wie besonders attraktive Raststätten: Wärme, offene Flächen und ein reiches Nahrungsangebot locken die Vögel an. Hessen liegt auf einer wichtigen Route aus dem Nordosten Europas in Richtung Südwesten. Wer Zugvögel beobachten will, muss nicht weit reisen. Am Twistesee in Nordhessen machen Fischadler Rast. Die seltenen Durchzügler jagen spektakulär: Sie stürzen sich aus der Luft ins Wasser und können bis zu etwa einen Meter tief tauchen. Auf dem Speiseplan stehen ausschließlich Fische. An Gewässern und schlammigen Ufern rasten außerdem Schnepfenvögel. Mit ihren langen, empfindlichen Schnäbeln stochern sie nach Würmern und anderen Kleintieren. Bei Korbach (Landkreis Waldeck-Frankenberg) lässt sich mit etwas Glück der Mornellregenpfeifer beobachten. Er brütet in der Tundra des hohen Nordens und sucht auf dem Zug karge, windige Flächen, die an seine Heimat erinnern. Der Name geht auf das lateinische „morinellus“ zurück – „kleiner Narr“. Der Vogel gilt als ungewöhnlich zutraulich, kann Feinde aber mit einer dramatischen Täuschung irritieren: Er stellt sich verletzt oder spielt mit zitternden Flügeln einen sterbenden Vogel vor. Wer im Herbst innehält und zum Himmel schaut, sieht daher nicht einfach nur einen Schwarm. Er sieht einen Ausschnitt aus einem globalen Netzwerk, das Brutgebiete in Nordeuropa mit Winterquartieren in Frankreich, Spanien und Afrika verbindet. Die Rufe der Kraniche erinnern an Abschied – aber auch daran, dass die Reise im Frühjahr weitergeht. Ob die Vögel dann noch dieselben Wege nehmen, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob sie unterwegs genügend sichere Rastplätze finden.