FAZ 17.09.2026
15:12 Uhr

Verschwundene Spatzen: Die Stille nach dem Tschilp


Was hat Berlin eigentlich noch, was andere Großstädte nicht haben? Bis vor Kurzem war die Antwort klar: viele, viele Spatzen. Nun schreckte eine Nachricht auf: Der Haussperling verschwindet, und niemand weiß, warum.

Verschwundene Spatzen: Die Stille nach dem Tschilp

Sogar die Spitzenkandidaten der Abgeordnetenhauswahl am Sonntag sind offenbar der Meinung, dass man Berlin gerade nicht richtig gern haben kann. Das legen jedenfalls ihre nebulösen, eigenartig ähnlichen, unbestimmt Veränderung versprechenden Slogans nahe: „Berlin wird“, „Wieder Berlin“, „Raus aus dem Rückwärts“. Das sagt nicht viel, höchstens, dass sich etwas tun muss, weil so wie es ist, mag es niemand. Da immerhin dürften die Wahlkampfsprüche die Stimmungslage vieler Berliner treffen. In der Hauptstadt lebt man im Gefühl, dass aus Möglichkeiten vertane Chancen wurden und die Visionen inzwischen andere haben, Paris zum Beispiel, vor dessen Rathaus jetzt ein Wald steht. Berlin hat dafür unbezahlbare Wohnungen, jede Menge Müll und immer weniger Geld für die Kultur. Wenn man sich fragte, was die Stadt überhaupt noch bietet, das andere Großstädte nicht haben, gab es zuletzt eigentlich nur noch eine überzeugende Antwort: viele Spatzen. Die waren in London, Amsterdam oder München schon lange so gut wie weg. Nach 10.000 Jahren gemeinsamer Geschichte von Mensch und Sperling addierten sich hier schlechte Bedingungen auf eine Weise, dass auch der anpassungsfähigste Kulturfolger kapitulieren musste: glattgezogene Fassaden, an denen man, sind sie aus Glas, sich nicht nur totfliegen, sondern auch kein Nest bauen kann. Kurzgemähte, samenlose Rasen, dazu weniger Insekten mit daraus folgendem schwächenden Proteinmangel. Die zeternde Kolonie in der Hecke: weg Dass die Spatzenpopulation in Berlin dagegen stabil blieb, wurde mit genereller, Nahrungsnischen bietender Schmuddeligkeit erklärt sowie einem nicht wie andernorts durchgeputzten und -kommerzialisierten Gebäudebestand, in dem sich jederzeit eine Ecke zur Zwischennutzung findet, als Nistplatz oder anderweitig. Nichts anderes hat auch viele der menschlichen Stadtbewohner mal hergelockt. Kurz vor der Wahl hat nun eine Nachricht die Stadt aufgeschreckt: Die Spatzen verschwinden. 70 Prozent weniger in ein paar Jahren. Man hätte es auch so merken können, und viele haben das. Anderen kommt die Stadt mit einem Mal leer und stumm vor, da sie versuchen, darin Spatzen zu entdecken. Die zeternde Kolonie in der Hecke: weg. Die vorwitzige Truppe auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof: weg. Die unverschämten Exemplare, die sich am Croissant auf dem Teller bedienten, als sei es für sie bestellt worden: weg. Nie hat man sie so richtig beachtet in ihrer braungrauen, dreißig Gramm leichten Unscheinbarkeit, und plötzlich fehlen sie: das fordernde Tschilpen, die lernfreudige Neugier, die, wie man inzwischen weiß, über die Zeit die Gehirne wachsen und die Spatzen zum Beispiel begreifen ließ, wie man die Sensoren elektrischer Türen bedient und so in den Supermarkt kommt. Die Unbeirrbarkeit, mit der sie sich zu einem Leben in Menschennähe entschlossen, darum sogar, anders als ihre Verwandten in Zentralasien, aufhörten, Zugvögel zu sein. Den dramatischen Rückgang gemessen und beziffert  hat die Berliner Ornithologische Arbeitsgemeinschaft, die den Sperlingsbestand alle fünf Jahre systematisch erfasst: auf neunundvierzig Flächen von insgesamt fünfundzwanzig Hektar wird gezählt und hochgerechnet, das aktuelle Ergebnis: Von 190.000 Brutpaaren im Jahr 2021 sind noch knapp 60.000 übrig. Der Rückgang sei in allen Lebensraumtypen gleich stark, sagt Jörg Böhner, der für die Spatzenzählung zuständig ist: ob Alt- oder Neubauviertel, Industriegebiet oder Einfamilienhaus-Siedlung. Das bestätigt ihn darin, einige mögliche Gründe für den Populationsverlust auszuschließen: fehlende Niststätten, die seien nämlich noch da. Fehlende Nahrung, dann müssten auch andere Arten betroffen sein. Die Nebelkrähe, denn so sehr könne der gelegentlich durchaus Nester plündernde Rabenvogel das Spatzenvorkommen nicht dezimieren. Alles deute auf eine Krankheit hin, sagt Böhner am Telefon, er tippt auf die für den Menschen ungefährliche Vogelmalaria, von Stechmücken übertragen und vom Klimawandel begünstigt. Eine Studie von 2019 zeigte bereits einmal einen Zusammenhang zwischen der Infektion mit Plasmodien, die die Tiere meist nicht tötet, aber schwächt, und sinkenden Spatzenbeständen. Um herauszufinden, ob er richtig liegt, braucht es die Kooperation mit einer wissenschaftlichen Institution, um die bemüht sich die BOA nun. Eine Seuche, das wäre fast Grund zur Hoffnung. Die Spatzen haben schon viel überstanden, eine staatlich verordnete Jagd im 18. Jahrhundert, als sie sich zu dreist an Getreide und Feldfrüchten bedienten, die Einstufung als Schädling in Nordamerika, wohin sie im 19. Jahrhundert gebracht wurden, und Mao Tse-tungs Ausrottungskampagne. Eine Seuche ist irgendwann vorbei. Dann hat der Spatz sein Comeback. Und Berlin bis dahin vielleicht auch.