FAZ 18.09.2026
18:04 Uhr

Variété-Saison eröffnet: Der Tigerpalast trotzt den lausigen Zeiten


Jungstar Gabriel Dell’Acqua erklimmt kopfüber die Tigerpalast-Treppe. Seine Handstandakrobatik sendet glitzerndes „Jetzt erst recht“ in lausige Zeiten.

Variété-Saison eröffnet: Der Tigerpalast trotzt den lausigen Zeiten

Gabriel Dell’Acqua mag neu im Frankfurter Tigerpalast sein, die Rhein-Main-Region kennt er schon: 2022 ist er beim European Youth Circus in Wiesbaden mit der Goldmedaille für seine Handstandakrobatik ausgezeichnet worden. Da war er erst zwölf Jahre alt, der Jüngste im Wettbewerb, und es hieß, er sei ein grandioser Techniker, die Persönlichkeit müsse noch kommen. Jetzt ist er 17 Jahre alt, und wer den strahlenden jungen Mann in seinem glitzernden Anzug sieht, mit dem er ein bisschen an einen erwachsenen Kleinen Prinzen erinnert, kann sagen: Die hat er. Und die Kaltblütigkeit, Sprung für Sprung auf einer Hand kopfüber eine Treppe zu erklimmen, auch wenn es dazwischen mal gefährlich wackelt. Der Jungstar aus alter italienischer Zirkusfamilie hat seit 2022 noch etliche Titel mehr in der internationalen Konkurrenz errungen. Jetzt ist er, bis 13. Dezember, als Jüngster in der neuen Show des Tigerpalasts zu erleben. Die Zweitjüngste hingegen, Carla Rousavy, ausgebildet in Berlin, gibt erst einmal nur eine kurze Stippvisite in den ersten 14 Tagen der Show. Wer diese 19 Jahre alte Entdeckung an den Strapaten an der Decke tanzen sehen will, muss sich also beeilen. Aber Margareta Dillinger, die Prinzipalin und Kuratorin des Programms, hat sich fest vorgenommen, sie ein weiteres Mal nach Frankfurt zu bringen. Das wäre sehr zu wünschen, denn die in schlichtes Schwarz gekleidete, in sich ruhende junge Frau steht für jene zeitgenössischen Formen der Artistik, die eine lange Tradition neu interpretieren – für die heutige Zeit. „Lausige Zeiten“ mögen das sein, wie der Hausherr Johnny Klinke zur Premiere sagte. Aber der Tigerpalast steht in seiner 39. Saison weiter für ein gewisses  „Jetzt erst recht“. Auch die neue Show ist eine Verabredung dazu, für knappe zwei Stunden Gelächter und Glücksgefühle, auch ordentlich Gänsehaut zu erzeugen. Das gelingt der wie stets kundig von Dillinger kuratierten Show allemal. Sie hat neben dem Tigerpalast-Liebling Valérie Inertie mit ihrem Cyr Wheel diesmal etliche preisgekrönte Neuzugänge verpflichten können: Romina Micheletty mit einer Verbindung aus Hula-Hoop, Kontorsion und Handstandakrobatik ist erstmals im Tigerpalast, auch der ungeheuer flinke Stanislav Vysotskyi, der mit seinem ganzen Körper jonglieren kann, ist erstmals in Frankfurt zu Gast. Misha Mysyshyn  ist nicht nur Tigerpalast-Debütant, er hatte die schwere Aufgabe, als Eisbrecher die Premiere zu eröffnen – mit seiner spektakulären Rola-Bola-Nummer. Als ob es allein nicht reichen würde, auf den vier- und sechsfach übereinander gestapelten Balancerollen hoch über der Menge zu stehen, jongliert er dabei noch. Mit dem Duo Luna hat sich Marina Luna mit ihrer neuen Partnerin Julia Katharina Wutte zusammengetan und gewissermaßen neu erfunden, die beiden in ihrem Luftring hoch oben im Tigerpalast gehören zu den Nummern, die dem Publikum hörbar den Atem nehmen. Das gelingt auch Csaba Méhes aus Budapest, der als vermeintlicher Violinsolist, der sich später als gar nicht so übler Kunstliedsänger entpuppt, eine derart komische Aneinanderreihung von Missgeschicken seines verklemmten Bühnen-Ichs vollführt, dass so mancher vor Lachen kaum zum Schnaufen kommt. Wie immer wechselt das Programm regelmäßig bis zum Finale im Februar. Aber die Gewichtung bleibt gleich – und es ist Akrobatik in jeder Hinsicht, selbst sprachlich, wie der erste Conférencier der Saison, Marcus Jeroch, beweist, der auch mit fehlenden Buchstaben jonglieren kann. Die Tigerpalastband schmeichelt Publikum wie Künstlern mit gepflegtem Jazz, und das Ballett der Kellnerinnen und Kellner gehört zur Show wie die Bühnennummern. In diesen „lausigen Zeiten“ aber, mit Blick auf Wahlen, Populismus und vielfache Krisen, kann man von den Artisten des Tigerpalasts eine Menge lernen. Ob sie nun durch die Luft fliegen oder mit eiserner Nervenruhe immer wieder neu die Balance suchen. Ohne innere Haltung, eine feste Mitte, sowohl körperlich als auch geistig, gelänge keine einzige der Nummern, die das Publikum staunen lassen. Tigerpalast, je zwei Shows von Freitag bis Sonntag, von 15. Oktober an auch donnerstags, bis 28. Februar, Heiligkreuzgasse 16. Gastspiel am 10. und 11. Oktober im Kurhaus Bad Homburg.