FAZ 10.03.2026
15:29 Uhr

Vancouver Whitecaps im Fokus: Warum will „niemand, absolut niemand“ den Thomas-Müller-Klub kaufen?


Seit 2024 wollen die Besitzer der Vancouver Whitecaps das Fußballteam verkaufen – und scheitern damit bislang krachend. Ist Thomas Müller nur ein Appetizer, um das Team attraktiver zu machen?

Vancouver Whitecaps im Fokus: Warum will „niemand, absolut niemand“ den Thomas-Müller-Klub kaufen?
FDP-Chef Christian Dürr muss jetzt kämpfen, wenn er im Amt bleiben will. Lisi Niesner/Reuters

Wer sich für das kleine Einmaleins einer der besten Fußballmannschaften Nordamerikas interessiert, hätte vor ein paar Wochen die ideale Gelegenheit gehabt, den Sportdirektor der Vancouver Whitecaps zu fragen, wie lange er wohl noch so weiter wirtschaften kann wie bisher. Denn, in einer Liga ohne Aufstieg und Abstieg von den klassischen Sorgen seiner Kollegen in anderen Ländern befreit, muss der bundesligaerfahrene Axel Schuster mit jedem Dollar rechnen. Das gilt nicht nur für die soeben angelaufene Saison, die seiner jüngsten Prognose nach finanziell deutlich schlechter ausfallen wird als das sportlich erfolgreiche Vorjahr. Eine Saison, in der „wir einmal mehr das Schlusslicht bei den Einnahmen in der gesamten MLS“ waren. Dinge müssten sich „grundlegend ändern“ Über all dem schwebt seit Ende 2024 eine noch größere Ungewissheit. Denn seitdem versucht die mehrköpfige Eigentümergemeinschaft mit dem ehemaligen kanadischen NBA-Star Steve Nash als Vorzeigefigur die defizitäre Major-League-Soccer-Franchise zu verkaufen. Tatsächlich haben bis dato laut Schuster „fast 40“ Interessentengruppen Geheimhaltungsvereinbarungen unterschrieben und Einblick in die Bücher der Whitecaps erhalten, eine von insgesamt drei kanadischen Niederlassungen in der nordamerikanischen Liga. Aber es sei „aktuell niemand, absolut niemand, daran interessiert, auch nur ein Prozent des Teams zu erwerben“. Offensichtlich sah jeder dieser potentiellen Käufer, „dass unsere Struktur, der Markt und die aktuelle Situation keine Investitionsmöglichkeit bieten, solange sich die Dinge nicht grundlegend ändern“. Was Spekulationen provozierte, wonach die Whitecaps über kurz oder lang dem Beispiel der Grizzlies in der NBA folgen könnten. Das NBA-Team, 1995 als erster kanadischer Ableger auf den Weg gebracht, spielte nur sechs Jahre in Vancouver, kam auf den drittschlechtesten Zuschauerschnitt in der Liga und wurde 2001 nach Memphis verfrachtet. Wenn es um die Einnahmeseite geht, leiden die Whitecaps seit Jahren darunter, dass sie, anders als mittlerweile 22 der insgesamt 30 Teams, kein eigenes Stadion besitzen. Die modernen Arenen mit einem Fassungsvermögen um die 20.000 Zuschauer sind zwar keine Garantie für schwarze Zahlen — nach Schätzungen des Wirtschaftsmagazins „Forbes“ generieren nicht mal die Hälfte der Teams ein Plus. Aber sie sind ein Stützpfeiler bei der Strategie, den Marktwert der MLS-Franchises, der im Schnitt in den letzten Jahren auf 767 Millionen Dollar hochschoss (ungefähr 664 Millionen Euro), zu steigern und damit Investoren die Aussicht auf einen langfristigen Profit zu bieten. Die Vancouver Whitecaps können auch bei diesem Rennen nicht mithalten. Ihr Marktwert? Rund 400 Millionen Dollar (umgerechnet 347 Millionen Euro). Zu den Kuriositäten der Ausgangslage gehört, dass das Team als Mieter des überdachten Kunstrasen-Stadions BC Place zwar im günstigsten Fall 54.000 Eintrittskarten verkaufen kann. Aber dazu muss man auf dem Spielfeld glänzen, was bis zur Verpflichtung von Thomas Müller durch Managemententscheidungen nicht umgesetzt wurde. Viel Mitleid gibt es in der Öffentlichkeit bislang nicht Aber selbst bei ausverkauftem Haus sieht die geschäftliche Seite eher mau aus. Das Team bekommt von den Heimspielen nur zwölf Prozent der Bruttoeinnahmen. Ein Wert, der mit dem soeben um ein Jahr verlängerten Mietvertrag zumindest ein wenig steigen soll. Der BC Place gehört der Provinzregierung von British Columbia, und die stellt ihn möglichst vielen Veranstaltern zur Verfügung. In diesem Jahr unter anderem der FIFA. Sie wird bei der WM im Sommer sieben Begegnungen ausrichten und hat für den notwendigen Umbau und die Ausstattung mit Naturrasen den Whitecaps eine schwierige Saisonplanung aufgezwungen. 2026 gibt es für das Team nur „siebzehn Tage, an denen wir unsere Spiele austragen können. Das ist alles“. Axel Schuster fahndet deshalb schon eine Weile nach Ausweichmöglichkeiten sowohl in Kanada als auch in den Vereinigten Staaten. Viel Mitleid gibt es dafür in der Öffentlichkeit bislang nicht. So kritisierte die lautstarke Vertretung der Steuerzahler, die Canadian Taxpayers Federation, die Vertragsmodifikation bereits als ungerechtfertigte Subvention für den profitorientierten, kommerziellen Sport. Eine Großzügigkeit, die nur schlecht mit der Verschuldung der Provinz mit ihren 5,6 Millionen Menschen, in der Vancouver als Motor der gesamten wirtschaftlichen Entwicklung fungiert, zu vereinbaren ist. Diese steuert in diesem Jahr auf 160 Milliarden Euro zu. Der Haushaltsplan der Regierung sieht Personalabbau sowie Steuererhöhungen vor, um die Löcher zu stopfen. Thomas Müller, seit Beginn der neuen Saison, die für Vancouver mit drei Siegen in Serie begann, der bestbezahlte Spieler im Team, erhöht mit einem Gehalt von Berichten zufolge umgerechnet sechs Millionen Euro den wirtschaftlichen Druck auf den Verein. Während er, so mutmaßen Fans, womöglich nur ein Appetizer ist, um das Team für einen Verkauf attraktiver zu machen, der einen Umzug in eine andere Stadt einschließt. Weil die Liga nach ihrer raschen Ausdehnung auf 30 Teams vorläufig keine neuen Mannschaften mehr aufnehmen will, kommen für einen solchen Ortswechsel gleich mehrere Städte in Frage, darunter das kalifornische Sacramento, wo Investoren ein 300 Millionen Euro teures Fußballstadion bauen wollen. Oder auch die großen Metropolen Detroit, Las Vegas oder Phoenix. Sollte es zum Verkauf kommen, dürfte sich schon bald abzeichnen, wohin die Reise geht. Im Klub selbst gibt es sehr viel Handlungsbedarf. Im Dezember kam eine schriftliche Vereinbarung mit Vancouver über ein städtisches Grundstück zustande, auf dem die Whitecaps theoretisch ein eigenes Stadion bauen könnten. Für Axel Schuster war das ein erster „positiver Schritt vorwärts“, verbunden mit der Hoffnung, „dass noch viele mehr folgen werden“. Bis dieses Projekt aber tatsächlich Realität werden könnte, dürfte Thomas Müller endgültig in den Ruhestand gegangen sein. Sein Vertrag in Vancouver läuft Ende der Saison aus. Und der von Axel Schuster, der 2019 nach Vancouver kam, ebenfalls.