Der knallorangefarbene Leuchtturm der Poesie zeigt, dass KI durchaus interessante Wortspielereien hervorbringen kann. Wer nach weinseligen Passagen sucht oder einen Satz braucht, der Trost vermittelt, kann das Programm des Leuchtturms in allen Neuerscheinungen tschechischer Autoren suchen lassen. Und dann, buchstäblich, im tschechischen Meer Erleuchtung finden. Was hätten die Tschechen wohl ohne William Shakespeare gemacht? Ihnen wäre bestimmt auch etwas anderes eingefallen. Der Slogan „Ein Land an der Küste“ aber ist einfach zu gut, um ihn nicht für den Ehrengastauftritt eines Landes zu wählen, das so weit von jeder Meeresbrandung entfernt liegt. In Sachen Vorstellungskraft jedoch traditionell viel zu bieten hat. Wie Shakespeare selbst, der in seinem „Wintermärchen“ ein fiktives Böhmen an die Meeresküste verlegt hat. Das Zitat zur böhmischen Küste ist auf großen Postkarten überall zu finden, wo die Tschechen Werbung für ihre Literatur machen. Vorn Shakespeare, hinten ein QR-Code, der direkt zu den Neuerscheinungen in deutscher Sprache führt. Bislang sind es 193, verkündet Tomáš Kubíček, Direktor des tschechischen Ehrengastauftritts, stolz. Man kann sie durchblättern an den langen Regalen im Forum 1, das traditionell dem Ehrengast zur Verfügung steht, um sich und seine Kultur vorzustellen. Klassiker wie Hrabal, Havel, Kundera liegen neben einer ungeheuer reichen Literatur der Gegenwart, es gibt die traditionell qualitätvolle tschechische Kinder- und Jugendliteratur zu bewundern, samt der eigens in einer deutschen Ausgabe gedruckten wundervollen Kinderzeitschrift „Raketa“ zum Mitnehmen. Illustratoren erproben sich täglich neu im Livezeichnen auf einer riesigen Leinwand mithilfe eines Roboters. Den Begriff „Roboter“ hat Karel Čapek 1921 in seinem Stück „R.U.R.“ erstmals verwendet. „Ein bissel Witz“, Selbstironie und Satire gehörten eben zur tschechischen Literatur, sagt der Programmdirektor des Ehrengast-Auftritts, Martin Krafl. Ein stilisiertes Meer im Gastland-Pavillon Subtil ist das auch im Gastland-Pavillon zu erleben. Das Designbüro Jinjan aus Prag hat Shakespeare und den Slogan des Ehrengasts begehbar gemacht. Das Forum 1 ist eine Art stilisiertes Meer, mit etwas Blau, vor allem aber mit fluffigen weißen, orange gepunkteten Formationen. Felsen? Wolken? Schaumkronen? Von allem ein bisschen, und dazwischen viel freie Fläche und orangefarbene Sitzgelegenheiten vor den Bühnen „Harbour“ und „Shore“. Bis zum Buchmesse-Sonntag gibt es dort Lyrik, Prosa, Sachbuch und Drama, Comic und Landeskunde, aber auch Musik, mindestens zweimal am Tag, von Zimbalklängen bis zu experimentellem Jazz. Immer achtsam im landesinternen Proporz von Böhmen und Mähren, was sich auch im kulinarischen Angebot niederschlägt: Buchteln, Bier und Bramboračka flankieren die Bücher. Vielleicht kommt auch noch ein Buh dazu – denn es hatte gegen die Kulturpolitik der neuen Regierung deutliche Kritik gegeben, einige Autoren hatten Proteste im Rahmen der Messe erwogen. Keine Rede davon am Eröffnungstag der Messe, Konzentrationspunkt eines ganzen tschechischen Kulturjahrs im deutschsprachigen Raum und besonders in Frankfurt und Hessen. Wer nicht auf das Messegelände kommt, kann tschechischen Film in den Arthouse-Kinos und Fotokunst im Deutschen Filmmuseum, Kunst in der Schirn und Artefakte im Archäologischen Museum in Frankfurt finden. „Tschechien ist überall“, behauptet Krafl, „wir machen eine Welle“. Alle Veranstaltungen versammelt die Internetseite Czechia2026. Lesungen gibt es im Ehrengast-Pavillon und an Ständen auf dem Messegelände, auch am tschechischen Nationalstand in Halle 4.1. 75 Autoren hat das Ehrengast-Programm eingeladen, um die tschechische Kultur zu repräsentieren, viele weitere sind von deutschen und internationalen Verlagen eingeladen worden. Und dann hat es noch einen Wettbewerb gegeben, um den „Roman für Frankfurt“. Aus sage und schreibe 294 Einreichungen hat die Jury drei Siegerinnen gekürt: Iva Hadj Moussa, Veronika Opatřilová und Ludmila Svozilová stellen ihre Arbeiten am 8. Oktober von 15.15 Uhr an auf der „Harbour“-Bühne vor. An diesem Tag, so Krafl, soll es einen Blick in die Zukunft geben: Denn der Erfolg, den er für tschechische Literatur auf dem deutschen Markt ausmacht, sei Ergebnis einer Langzeitstrategie. Diese mündet, seit dem Konzept für den Gastland-Auftritt auf der Leipziger Buchmesse 2019, 2027 in einen Vorstoß auf den internationalen, zumal englischsprachigen Buchmarkt. Denn auch wenn der Messe-Mittwoch ganz der deutsch-tschechischen Übersetzung, der Kulturwissenschaft und Vermittlung gewidmet ist: Immer weniger junge Tschechen lernen Deutsch – und noch weniger Deutsche Tschechisch. Immerhin, den freundschaftlichen Gruß des „Lands an der Küste“, haben die Besucher schon am ersten Messetag brav gelernt: „Ahoj!“
