Vor 250 Jahren kämpften die Revolutionäre der 13 amerikanischen Kolonien gegen den britischen König um ihre politische Unabhängigkeit. Heute hingegen, so die Politikwissenschaftlerin Cathryn Clüver Ashbrook, sitzt mit Donald Trump der Tyrann im Weißen Haus – und treibt den autoritären Umbau der USA mit beispielloser Härte und Geschwindigkeit voran. Kenntnisreich und pointiert rekonstruiert Ashbrook in ihrem Buch Ursachen und Durchführung der von Trump und seiner Gefolgschaft angestrebte „zweite amerikanische Revolution“ sowie den Widerstand gegen sie. Der Begriff stammt von Kevin Roberts, CEO des rechtsnationalen Thinktanks Heritage Foundation, der 2023 mit dem „Projekt 2025“ ein Manifest für den autokratischen Umbau der USA vorlegte. Anknüpfend an die einschlägigen Veröffentlichungen zeigt Ashbrook, wie die Trumpisten Elemente faschistischer Politik nutzen, um ihre Macht zu festigen und demokratische Normen und Institutionen auszuhebeln. Ashbrook kommt in Anlehnung an den Philosophen Jason Stanley zu dem Urteil, dass in den USA eine Autokratie mit jedenfalls faschistoiden Zügen im Entstehen begriffen ist. Ziel von Teilen der MAGA-Bewegung sei es schließlich, an die Stelle des pluralen ein ethnonational verstandenes, „wahres“, das heißt: weißes Staatsvolk zu setzen. Ungleichheit und Polarisierung Allerdings hat die US-Autokratisierung nicht erst mit Trumps zweiter Amtszeit begonnen. Wie Ashbrook ausführt, ist ihr Nährboden vielmehr die seit den Sechzigern stark gestiegene politische Polarisierung des Landes. Insbesondere die Republikanische Partei hat diese Polarisierung in den vergangenen 25 Jahren zur Verhärtung von Feindbildern genutzt. Damit ging eine Verrohung der politischen Sprache einher, die der Republikaner Newt Gingrich als „Krieg mit Worten“ stilisierte. Auch die sozioökonomische Ungleichheit im Land konnte populistisch aufgeladen werden. Eine von Demokraten ebenso wie von Republikanern vorangetriebene Deregulierung der Wirtschaft trug dazu bei, dass die MAGA-Bewegung die wirtschaftlich Entrechteten als Wählergruppe erschließen konnte – paradoxerweise, wie Ashbrook festhält. Denn Plutokratie und Korruption werden unter Trump auf die Spitze getrieben. Trump hat nach Schätzungen von Forbes sein Eigenvermögen in seiner zweiten Amtszeit bereits mehr als verdoppelt. Die mit dem „One Big Beautiful Bill“ (OBBB) beschlossenen Steuergeschenke für Reiche etwa sollen über Neuverschuldung und Einschnitte in der staatlichen Grundversorgung finanziert werden. Akribisch sei auf die Zeitschiene geachtet worden: Die Einschnitte der Grundsicherung werden auch viele Wähler Trumps treffen, aber erst nach den Zwischenwahlen 2026. Perspektivisch wollen die Trumpisten mit dem Umbau des Wahlsystems ohnehin von diesen Wählern unabhängig werden. Aufschlussreich ist auch Ashbrooks Kapitel über Trumps Koalition aus rechtskonservativen beziehungsweise rechtsextremen Ideologen, (Tech-)Oligarchen, militanten Gruppen, Evangelikalen, Influencern, rechten Frauengruppen sowie einfachen „Fußsoldaten“ der MAGA-Bewegung, die sich etwa in School Boards gegen diverse und inklusive Lehrpläne einsetzen. In ihren Interessen, Überzeugungen und politischen Mitteln ist diese Bewegung weit heterogener, als es häufig scheint. Der Machtkampf sei spätestens zur Präsidentschaftswahl 2028 programmiert. Das ist ein Befund, der demokratische Kräfte in den USA und weltweit zuversichtlicher stimmen könnte – ebenso wie die Tatsache, dass trotz aller Einschüchterungsversuche weiterhin Massenproteste stattfinden und US-Bundesstaaten Trump die Stirn bieten. Ashbrook empfiehlt Europa, strategischer mit Bundesstaaten zusammenzuarbeiten. Neben den transatlantischen Chancen verweist Ashbrook auch auf Gefahren für die europäischen Demokratien, etwa Versuche der Trump-Administration, gleichgesinnte Verbündete in Europa zu finden, wie im Austausch zwischen Teilen der AfD und der MAGA-Bewegung deutlich wird. Damit könne sich inner- und internationale Polarisierung wechselseitig verstärken. Was folgt nun aus dem „amerikanischen Weckruf“ für Deutschland? Gerade aus unserer eigenen Geschichte wüssten wir, so Ashbrook, wozu mangelnder Widerstand im äußersten Fall führen könne. Es gelte, wachsam zu bleiben und den strategischen Bestrebungen demokratiezersetzender Parteien entgegenzuwirken. Eine genaue Diagnose der Autokratisierung sei daher nötig. Hierfür legt Ashbrook eine flott geschriebene und lesenswerte Einführung in die Thematik vor. Ob der Weckruf gehört wird, bleibt indes abzuwarten. Cathryn Clüver Ashbrook: „Der amerikanische Weckruf“. Brandstätter Verlag, Wien 2026. 208 S., geb., 22,– €.
