Wer, so wie ich, den Journalistenberuf nur lang genug betreibt, der erreicht irgendwann den Punkt, an dem er darüber nachdenkt, seinem Weg eine Wende zu geben. Ich habe über entsprungene Kängurus geschrieben und entschlichene Schildkröten, über Spam-Mails und Schlaflieder und den schlimmsten Rastplatz Deutschlands. Kurz: Ich habe nahezu alles gesehen und beschrieben, was man als Journalist in diesem Land sehen und beschreiben kann. Ein Feld aber habe ich weitgehend brachliegen lassen: Ich habe fast nie Kriminalgeschichten erzählt. Karrieretechnisch muss ich das als Fehler verbuchen. Die Leute lieben Kriminalgeschichten. Diese lassen uns in die Abgründe unserer Seelen blicken, erzählen von Leidenschaft, Angst, Gefahr, Reichtum und Tod, lassen uns erschauern wegen der Vorstellung, dass wir selbst einmal zum Opfer werden könnten oder gar zum Täter. Die Menschen kaufen Krimis, hören True-Crime-Podcasts und streamen Serienkillerserien. Zeit genug, von diesem Trend auch einmal zu profitieren: Ich möchte einen Kriminalfall erzählen. Allerdings nicht irgendeinen. Und schon gar keinen der ganz großen, auf den sich alle Journalisten stürzen, den Louvre-Raub etwa oder die Zechprellerei Jimi Blue Ochsenknechts. Man will doch nicht einer von vielen sein. Idealerweise ist man der Einzige und kann die Leser mit Exklusivinformationen packen. „Der Beschuldigte entfernte Preisetiketten von zwei reduzierten Mangos“ Mein Fall sollte ungewöhnlich sein und doch alltäglich, er sollte in einem Milieu und einer Umgebung spielen, die vielen vertraut sind, und er sollte nicht so blutrünstig sein, dass viele Leser gleich aussteigen. Er darf auf den ersten Blick unspektakulär sein und seine Dramatik gern erst nach und nach entfalten. Also durchforste ich die Polizeimeldungen, mit denen fleißige Pressestellen tagtäglich hundertfach demonstrieren, dass das Auge des Gesetzes sich niemals schließt, außer vielleicht ganz kurz mal, um zu zwinkern. Es wäre doch gelacht, wenn sich dort kein Stoff finden ließe. Und siehe da: Er findet sich. Und zwar im hohen Norden. „Am 16.02.2026 um 12:20 Uhr kam es in einem Lebensmittelgeschäft in der Friedenstraße in Wilhelmshaven zu einem Betrugsdelikt. Nach bisherigen Erkenntnissen entfernte der Beschuldigte die Preisetiketten von zwei reduzierten, günstigeren Mangos und brachte diese an zwei höherpreisigen Mangos an. Anschließend passierte er den Kassenbereich und entrichtete lediglich den reduzierten Kaufpreis. Der Vorgang wurde durch einen Ladendetektiv beobachtet. Gegen den Beschuldigten wurde ein Strafverfahren eingeleitet.“ Überschrift der Meldung: „Manipulation von Preisetiketten in Supermarkt“. Ein Hauch Exotik Da steckt nun wirklich schon allerhand drin. Eine Tat, vollführt am helllichten Tag und kaum im Affekt, sondern mit Raffinesse und womöglich von langer Hand geplant. Ein Hauch von Exotik, da das Objekt der Begierde kein schnöder Jonagold ist. Vielleicht sogar ein wenig Kapitalismuskritik. Und es ist, das kommt immer gut an, auch eine Detektivgeschichte. Meine Recherche beginnt mit der Nummer, die für Rückfragen angegeben ist, bei der Polizeiinspektion Wilhelmshaven/Friesland. Der Pressesprecher heißt, wie man es sich bei einem Mann von der Küste vorstellt, Ole Peuckert. Mit etwas Glück wird dieser Mann mein partner in crime werden beziehungsweise in crime journalism. Eine gewisse Überraschung kann er nicht verbergen, dass sich die überregionale Presse für die Wilhelmshavener Mangos interessiert; bislang hat wegen des Falls – das ist schon mal sehr gut – noch kein Konkurrenzmedium angerufen. Es handele sich, so Peuckert, hier allerdings auch „nicht um das hochwertigste Delikt“, es sei auch „nicht ganz so strafbewehrt“. Nach weiteren Fakten befragt, sagt er: „Eigentlich habe ich alles, was ich habe, schon in die Meldung reingeschrieben.“ Journalistische Hartnäckigkeit jedoch zahlt sich aus: Rasch haben wir den Ablauf des Geschehens in entscheidenden Details rekonstruiert. Den dank Google Maps vermuteten Tatort, eine in der Friedenstraße ansässige Kaufland-Filiale, hat mir der Pressesprecher gleich bestätigt. Um 12:20 Uhr geschah die Tat, um 12:28 Uhr wurde die Polizei alarmiert, um 12:51 Uhr traf die Streife ein – wie in so einem Fall („Wir priorisieren die Einsätze“) üblich, ohne Blaulicht und Martinshorn; der mutmaßliche Täter habe sich aber auch geständig und kooperationsbereit gezeigt. Kategorie „Genießer“ Der Mann sei nicht wegen früherer Delikte bekannt gewesen, er sei ein Wilhelmshavener des Jahrgangs 1955, aktuell 70 Jahre alt. Dies und die Tatsache, dass es sich bei den Corpora Delicti um Mangos und nicht, zum Beispiel, um Bockwürste handelt, ordnen ihn in meinem Investigativhirn der Kategorie „Genießer“ zu. Die Differenz zwischen dem Originalpreis und jenem, für welchen sich der Mann die Mangos erschleichen wollte, betrug 2,86 Euro, also 1,43 Euro je Stück. Ich werde nun eine heikle Frage stellen, und ich muss es auch: Die Leser erwarten das, das deutsche Volk erwartet es, und wenn ich sie ignoriere, stehen die Populisten schon bereit. Also: Hat der mutmaßliche Täter einen Migrationshintergrund? Er habe mit der Frage gerechnet, antwortet Ole Peuckert, er werde sie mir aber nicht in befriedigender Weise beantworten, denn die Nationalität werde von der Polizei nur genannt, wenn sie als tatrelevant eingeschätzt werde – und dies sei hier doch ziemlich eindeutig nicht der Fall. Ich wäre mir da nicht so sicher: Angenommen, bei dem Mann handelte es sich um einen wenig begüterten Einwanderer aus Indien, wo mehr Mangos geerntet werden als sonst wo auf der Welt, und er habe seinen in Deutschland geborenen Enkeln endlich einmal diesen Schatz seiner Heimat kredenzen wollen, und zwar, wennschon, dennschon, die allerschönsten Exemplare: Könnte es milderndere Umstände geben? Doch um das herauszufinden, so Peuckert, müsste ich mich an die Staatsanwaltschaft Oldenburg wenden. Noch sei jedoch nicht klar, ob Kaufland einen Strafantrag stellen werde. Unabhängig davon werde die Polizei weiter ermitteln und die sichergestellten Videoaufnahmen aus dem Markt sichten. Warum, trotz des Geständnisses, dieser Aufwand? „Er kann seine Aussage ja jederzeit zurückziehen“, sagt der Polizeisprecher. Zeugenbefragungen aber seien nicht mehr geplant. Aktionscoupons besaß der Mann wohl nicht Ein Etikettenschwindel wie im Kaufland gilt im Strafrecht als Betrug – oder, wenn man noch vorm Bezahlen erwischt wird, als versuchter Betrug, was selbst bei kleinen Beträgen geahndet werden kann. Allerdings wird das Delikt bei geringwertigen Sachen, in der Regel im Wert von unter 50 Euro, nur auf Antrag verfolgt oder dann, wenn ein besonderes öffentliches Interesse daran besteht. Kurz zweifele ich an meinem Vorhaben: Sollte dieser Text und das durch ihn geweckte Interesse dem Mann noch mehr Ärger einbringen, als er längst hat? Das wäre nicht meine Absicht gewesen. Trotzdem rufe ich bei Kaufland an. „Da war ich nicht dabei“, sagt die Mitarbeiterin über den Vorfall. Ich müsse da schon mit dem betreffenden Kollegen reden, also mit dem Ladendetektiv, der sei nur gerade nicht im Haus; am besten, ich meldete mich am nächsten Morgen wieder. Ich muss mich also gedulden und kann mir schon mal einen coolen Podcast-Titel ausdenken. „The Great Mango Mystery“? „Kriminalmango“? „Mango Unchained“? „M – Ein Mann sucht eine Mango“? Beziehungsweise zwei? Auf der Kaufland-Website sichte ich den aktuellen Prospekt. In der Woche bis zum 18. Februar gibt es gegen die Abgabe eines Aktionscoupons „20 Prozent Rabatt auf frisches Obst und Gemüse beim Kauf von mind. zwei Artikeln“. Der Beschuldigte hätte also auch sparen können, ohne einen Betrug zu versuchen. Er besaß wohl keine Aktionscoupons. Ein neuer Morgen, ein neuer Anruf. Und diesmal eine Antwort, die den Tod schon vieler ambitionierter Recherchen eingeläutet hat: „Bitte wenden Sie sich an unsere Pressestelle.“ Statt mit dem Wilhelmshavener Ladendetektiv höchstpersönlich telefoniere ich also mit der Kaufland-Pressesprecherin Andrea Kübler, die meine Erwartungen gleich runterschraubt: Manipulation und Diebstahl zählten nicht zu „unseren Lieblingsthemen“, sagt sie; man sehe es nicht so gerne, „wenn solche Themen in den Medien noch weiter gestreut werden“. Mit der Sorge, dass dadurch Nachahmer inspiriert würden, habe das nichts zu tun, versichert Kübler. Ich möge, sagt sie, trotz allem einmal eine Mail mit meinen Fragen schicken. Was wir wissen und was nicht Was ich dann auch tue. Eine Mail mit vielen Fragen, darunter: Welchen Originalpreis je Stück hatten die Mangos, welchen Preis hatten die heruntergesetzten Früchte? Warum waren einige der Früchte im Preis heruntergesetzt, lag es am fortgeschrittenen Reifegrad? Hat man gegen den mutmaßlichen Täter ein Hausverbot ausgesprochen? Hat man gegen den mutmaßlichen Täter einen Strafantrag gestellt oder wird man es tun? Und: Was ist mit den beiden Mangos nach Aufdeckung der mutmaßlichen Tat passiert – wurden sie wieder neu etikettiert und kamen zurück in den Verkauf? Ich spiele mit dem Gedanken, einen der modischen „Was wir wissen und was nicht“-Artikel zu verfassen, nehme aber davon Abstand: Die „und was nicht“-Liste wäre viel zu lang. Und sie bleibt es auch. Ein paar Stunden nach meiner Mail kommt die Antwort von Andrea Kübler: „Vielen Dank für Ihre Anfrage, mit der Sie uns die Möglichkeit zur Stellungnahme geben. Bitte haben Sie jedoch dafür Verständnis, dass wir zu diesem Vorfall keine Stellung nehmen werden.“ Herzlichen Dank zurück. Über welche Themen Kaufland lieber sprechen möchte, erfährt man unter anderem auf seiner Facebook-Seite: „Hier dreht sich alles um den Geschmack! Die Chili-Cheddar-Schnecke wickelt dich mit ihrem käsig-scharfen Aroma um den Finger, während dich das Cheesecake-Pistazien-Törtchen auf eine nussige Reise nach Spanien schickt.“ Mir bliebe jetzt wohl nur eine gänzlich unnussige Reise nach Wilhelmshaven, um vor Ort zu recherchieren; mitunter kehrt ein Täter ja auch noch mal an den Tatort zurück. Doch ich verzichte: Von den Reisekosten könnte man sich viele, viele Mangos kaufen. Für meine große Kriminalreportage oder meinen True-Crime-Podcast werde ich eine andere Story finden müssen. Womöglich könnte ja diese Polizeimeldung vom 25. Februar aus Porta Westfalica eine liefern? „Ein Mann hat sich am Dienstag einer Polizeikontrolle entzogen. Hierbei verursachte er mit seinem Auto einen Unfall, flüchtete fußläufig in eine Wohnung und versteckte sich in einem Kleiderschrank. Die Einsatzkräfte konnten ihn stellen und festnehmen.“ Gleich morgen rufe ich mal bei der zuständigen Wache in Minden-Lübbecke an. Vielleicht.
