FAZ 22.07.2026
14:56 Uhr

Traumberuf Reinigungskraft: Wieso Putzen glücklich machen kann


Manchmal könnten die Menschen ein bisschen wertschätzender mit ihr und ihren Kollegen umgehen, findet Reinigungskraft Alexandra Trietsch. Ihren Beruf liebt sie trotzdem: Weil er ihr Spaß macht – und sie mit Sinn erfüllt.

Traumberuf Reinigungskraft: Wieso Putzen glücklich machen kann

Man könnte es den geschleuderten Fingerschlupf-Flipp nennen, und es gäbe eine gute Ausführungsnote: Alexandra Trietsch greift zu dem rechten gelben Handschuh, den sie zuvor ausgezogen und dabei auf links gedreht hat. Sie stülpt das Innere nach außen, dabei bleiben die Handschuhfinger zunächst eingedrückt. Dann hält sie mit Daumen und Zeigefingern jeweils rechts und links die Stulpe des Handschuhs, lässt ihn mit Schwung mehrmals um seine Öffnung rotieren und pumpt dadurch Luft rein. Sie hält den Handschuh an der eingedrehten Öffnung fest, drückt die Luft Richtung Finger und stülpt sie dadurch heraus. Der Handschuh ist nun wie ein Ballon, in den sie leicht mit ihrer Hand reinschlüpfen kann. Dann macht sie das noch mit links. Und all das passiert in Sekundenschnelle. Alexandra Trietsch ist professionelle Reinigungskraft. Ihr alltäglicher Einsatzort ist das Vivarium in Darmstadt. Dort säubert sie als Angestellte des städtischen „Eigenbetriebs für Kommunale Aufgaben und Dienstleistungen“ (EAD) 30 Stunden in der Woche die Toiletten der Besucher und Beschäftigten, Publikumsbereiche der Tiergehege und die Verwaltungsgebäude. Und schon die Methode beim Anziehen ihrer Schutzhandschuhe macht deutlich, was ihre Arbeit vom laienhaften Putzen im eigenen Zuhause unterscheidet. Es geht um Technik, die die Arbeitsgänge effizient macht und erleichtert. Und alles geschieht nach dem Gebot der Hygiene und somit der Gesundheit und Sicherheit. Putzen als Hobby und als Beruf Um sieben Uhr morgens tritt sie ihren Dienst an. In heißen Sommerwochen ist das die schönste Zeit des Tages. Blauer Himmel, frische Luft. Trietsch hat sich im Personalhaus umgezogen, sie trägt ein dunkelblaues EAD-Shirt zu einer hochgekrempelten Jeans. An den Füßen schwarze Sportschuhe, denn sie muss viel laufen – mehr als 12.000 Schritte je Tag. Die Haare hat sie im Nacken zu einem Knoten zusammengebunden, ein Haarreif hält die Stirn und den Blick frei. Wegen ihres besonderen Einsatzortes nutzt sie statt des gängigen Reinigungswägelchens einen Bollerwagen, den sie besser über die unterschiedlich gepflasterten Böden ziehen kann. Ihr Vehikel bestückt sie jeden Morgen mit allem, was sie für ihren Einsatz braucht: einen großen und kleineren Besen, einen Schrubber, ein Kehrblech, einen Wischmopp-Klapphalter und einen Stapel der dazu passenden länglichen Moppbezüge, diverse Flaschen mit Reinigungsmitteln, mehrere Packen Papierhandtücher und Toilettenpapier, Müllbeutel. Mittendrin stehen zwei quadratische Eimer, einen befüllt sie mit Wasser für den Boden, einen für die Glasfenster. Wenn sie losläuft und den Bollerwagen hinter sich herzieht, schwappt das Wasser an den Rand, aber nie darüber. Für Alexandra Trietsch kann es im Grunde keine schönere Arbeit geben. „Mein allergrößtes Hobby war schon immer Putzen“, sagt die 42 Jahre alte Darmstädterin. Schon als Kind sei sie manchmal zu spät zur Schule gekommen, weil sie unbedingt vorher noch ihr Bett frisch beziehen wollte. „Ich mag diesen Vorher-Nachher-Effekt“, begründet sie das. Gelernt habe sie eigentlich Schneiderin, aber ihre frühere Arbeit bei einem Berufsbekleidungshersteller fand sie eintönig. „Da habe ich gedacht: Mach was, was dir Spaß macht.“ Also wechselte sie 2013 zum EAD und ließ sich dort zur Gebäudereinigerin weiterbilden. „Ich könnte mir nichts anderes vorstellen“, sagt sie im Brustton der Zufriedenheit, „das ist schon immer mein Ding gewesen.“ Keine Frage: Hier hat eine ihr Hobby zum Beruf gemacht. Erster Stopp: die WCs am Haupteingang, je eins für Frauen und Männer. Sie geht kurz rein, schaut nach der Füllung der Handtuchständer und dem Müll, den sie im großen blauen Sack auf ihrem Bollerwagen entsorgt. Dann folgt wieder der Fingerschlupf-Flipp, und sicher behandschuht der Griff zum Sanitärreiniger. Mit mehreren Stößen – „pffft, pffff, pffft“ – besprüht sie die Handwaschbecken und Toilettenbrillen. „Einhegen“, nennt das die Fachfrau. Nach einer kurzen Einwirkzeit säubert sie zunächst die WC-Schüssel mit der Wasserspülung und Bürste. Dann wischt sie mit ordentlich Wassereinsatz das Handwaschbecken mit einem gelben Tuch. Es schäumt stark und duftet frisch. Zum Abschluss wischt sie die Böden mit dem Mopp. Der fransige Bezug landet direkt danach auf der Mittelstange des Bollerwagens, wo sich nach und nach die gebrauchten Mopps häufen und dabei austropfen. Wer Toiletten putzt, der sieht und riecht manchmal Dinge, die eigentlich nicht zur Jobzufriedenheit beitragen dürften. Trietsch zuckt nur mit den Schultern. Sie mag ihren Beruf – auch wenn sie manchmal mit Rücksichtslosigkeit konfrontiert wird. Auf die Frage, was sie manchmal in ihrem Arbeitsalltag nerve, antwortet sie dennoch: „Ganz ehrlich? Die Leute.“ Zumindest manche. Es gibt ihren Worten zufolge drei Arten von Besuchern: Schulklassen und Kitagruppen, die seien laut und wild. Dann den großen Teil derjenigen, die sich benehmen. „Und dann gibt’s die Sommerferien, da benehmen sich viele daneben.“ Da habe sie schon einmal erlebt, dass in der Herrentoilette ein defektes und mit einer Tüte ummanteltes Pissoir viele unbeirrt dennoch benutzen. Das vollurinierte Ergebnis habe sie beseitigen müssen. Nicht so schön sei auch, wenn Besucher während ihres Reinigungsakts den Aufsteller „Vorsicht, Rutschgefahr“ missachteten und durchliefen. Denn auch das sei oft Teil ihrer Arbeit: „Man wird nicht gesehen, man nimmt mich nicht wahr.“ „Man wird gerne abgestempelt“ Auch Danica Brajko-Glibo, Objektleiterin in der EAD-Abteilung Gebäudereinigung mit 150 aktiven Personalkräften, in Darmstadt zuständig für alle öffentlichen Gebäude, kennt und bedauert das. „Man wird gerne abgestempelt“, sagt die Objektleiterin, die vor ihrer Zeit beim EAD eine eigene Reinigungsfirma geleitet hat. „Die Putze“, heiße es dann etwa abwertend. Dabei seien die Fähigkeiten in allen Lebensbereichen gefragt. „Wir nutzen alle tagtäglich eine Toilette und einen Haushalt.“ Und spätestens Corona habe gezeigt, wie wichtig Hygiene sei. „Im Grunde müsste man das in der Schule vermitteln.“ Gebäudereinigung sei eine relevante Arbeit und nicht ohne Grund inzwischen ein Ausbildungsberuf. Sie selbst hat nicht nur einen Gesellenabschluss, sondern auch die Meisterin gemacht. Generell aber arbeiteten mehr Männer in dem Beruf, viele davon mit Migrationshintergrund. „Die Sprachbarriere bringt uns auch Mitarbeiter“, weiß die Objektleiterin. Denn wer die Sprache noch nicht gut beherrscht, kann in diesem Segment trotzdem schnell eine Anstellung finden. Sie selbst habe damit angefangen, als sie in den Neunzigerjahren aus dem Jugoslawienkrieg nach Deutschland geflüchtet sei. Auch für Frauen in der Erziehungszeit sei es eine gut geeignete Verdienstmöglichkeit, zumal die Gebäudereiniger vor zwei Jahren nach einem Streik hochgestuft worden seien. Doch für viele junge Leute bleibe der Beruf unattraktiv. Professionelles Reinigen unterscheidet sich von heimischem Putzen stärker, als auf den ersten Blick viele vermuten, sagt Danica Brajko-Glibo. Es gehe um „Effektivität und Know-how“, darum, „zügig zum Ergebnis zu kommen“. Denn es müsse nicht nur sauber sein, sondern hygienisch rein. Und selbst bei Härtefällen bekomme das eine Fachkraft zu 99 Prozent immer hin. Dreh- und Angelpunkt sei der „Sinnersche Kreis“, eine Wirkungssystematik für professionelle Reinigungsabläufe. Er basiert auf den vier Parametern Chemie, Mechanik, Temperatur und Zeit, die die Reinigungswirkung abhängig voneinander bestimmen. Etwa: „Wenn ich viel Chemie einsetze, brauche ich weniger Zeit“, erläutert die Objektleiterin. Dieser Ansatz hat auch Alexandra Trietsch trotz ihrer Erfahrungen noch Aha-Effekte beschert. „Das mit der Einwirkzeit, das ist eine totale Erleichterung“, nennt sie einen. Sowie: „Das zweistufige Wischen – beim ersten Wischen kann ich den Schmutz lösen, und beim zweiten nehme ich ihn auf.“ Alexandra Trietsch zieht mit ihrem Reinigungsbollerwagen weiter durch die Tiergehege-Landschaft des Vivariums. Nächster Halt ist das Terrarienhaus, hier muss sie heute nur fegen. Das tut sie in allen Räumen strukturiert von hinten nach vorne mit einem gleichmäßigen, sanften Besengeräusch. Es ist ein entspannendes Bild, wie sie sich Stück für Stück mit einem breiten Feger auf dem glatt gefliesten Boden voran arbeitet, während um sie herum die Fransen-Schildkröte oder die Sindoa-Dreiecksnatter gemächlich in ihren gläsernen Käfigen herumliegen. Sie selbst stellt fest, wie wichtig für ihre Arbeit diese immer gleichen Abläufe sind: „Wenn ich hier meine Routine ändere, komme ich komplett raus.“ Weiter geht’s, vorbei an den Alpakas.  „Die sind so witzig“, sagt Trietsch, die ihren Arbeitsplatz auch aufgrund der Tiere so schätzt. Zu Hause habe sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern selbst so einige – einen Hund, zwei Wellensittiche und 13 Meerschweinchen. Und ihr besonderer Liebling im Darmstädter Zoo sei der, bei dem ihr nächster Reinigungseinsatz ansteht: Binturong Uwe, ein Maderbär. „Es gibt glückliche Reinigungskräfte und hoch unglückliche Manager“ Die bärenartige Schleichkatze mit dem groben schwarzen Fell hängt in ihrem Tierhaus plump und schläfrig auf einem dicken Ast, als Alexandra Trietsch im Besucherraum zum Besen greift. Sie wählt diesmal den kleineren. „Der ist nicht so schwergängig auf dem gröberen Belag.“ Es ist ein harmonisches Nebeneinander von Nichtstun und Tun. Die Reinigungskraft nimmt nun den Fensterwischer mit dem länglichen Schwamm, taucht ihn ins Wasser des Eimers, fährt damit über die Glasscheibe an der Eingangstür und trocknet sie im nächsten Moment mit einem Abzieher. Zum Schluss poliert sie mit einem Tuch nach, das griffbereit auf ihrer Schulter liegt – selbstverständlich das blaue für Oberflächen. „Das ist, was ich möchte“, sagt Alexandra Trietsch, als sie nach der Einheit bei dem rammdösigen Uwe wieder draußen vor der Tür steht. „Ich kann abends zu Hause total kaputt sein, aber ich bin sehr zufrieden.“ Auch mit dem Gehalt: 1400 Euro bekomme sie netto im Monat raus und findet das vollkommen in Ordnung. Auch erhalte man für die Arbeit im Vivarium Zulagen, wegen der öffentlichen WCs und der Präsenz der Tiere. Unweigerlich denkt man da an den japanischen Toilettenreiniger aus dem Kinofilm „Perfect Days“ von Wim Wenders aus dem Jahr 2023: Er lebt nicht nur trotz, sondern auch wegen seiner wohltuend unkomplizierten Arbeit in Tokio sein einfaches Leben in bewundernswerter Zufriedenheit. Abteilungsleiterin Danica Brajko-Glibo merkt dazu Folgendes an: „Es gibt glückliche Reinigungskräfte und hoch unglückliche Manager.“ In der Familie von Alexandra Trietsch ist sie nicht die Einzige mit einer Vorliebe für Reinlichkeit. „Meine 16 Jahre alte Tochter hat dasselbe Hobby wie ich.“ Im Vivarium kann Trietsch am Ende des heutigen Tages ohnehin sämtliche Besen, Mopps und Wischtücher erst mal für länger getrost liegen lassen. Denn es steht ihr wohlverdienter Urlaub an. Es würde allerdings mit dem Putzteufel zugehen, wenn sie nicht auch da für Sauberkeit und Ordnung sorgen würde. Hobbys kann man sich bekanntlich im Urlaub besonders zuwenden. Und für eine weiterhin gute Ausführungsnote im Fingerschlupf-Flipp sollte man vielleicht besser im Training bleiben.