FAZ 21.07.2026
08:39 Uhr

Tourismus in Andermatt: Hoch soll er leben!


Johann  Wolfgang von Goethe war drei Mal in Andermatt und eine Art früher Werbetexter für die Gegend. Nun wurde ein Goethe-Weg eingeweiht – und das Schweizer Bergdorf ist nicht wiederzuerkennen. Ein Besuch zwischen Literaturzitaten, Luxushotels und Rennradtouren.

Tourismus in Andermatt: Hoch soll er leben!

Vielleicht ist die Teufelsbrücke noch immer jener Ort, an dem man Goethe am nächsten kommt. Der Weg durch die Schöllenenschlucht hinauf nach Andermatt ist heute noch ein Abenteuer wie aus dem 18. Jahrhundert: die überhängenden Felswände, die kopfsteingepflasterte Straße, die alte Steinbrücke, der Legende nach vom Teufel selbst erbaut, die wilde Reuss, deren Wasser über die glattgeschliffenen Granitfelsen schießt. Teufelsbrücke, Teufelsschlucht, Teufelsstein – der Teufel hatte hier überall seine Finger im Spiel, und zu Faust und Mephisto ist es nur ein kleiner Schritt. „Der große Meister hat hier viel Inspiration gefunden. Einige Stellen aus Faust II sind fast eins zu eins von hier“, sagt Damian Zingg, Leiter des Museums Sasso San Gottardo, das oben am Gebirgspass eine Dauerausstellung zu Goethes Schweizreisen beherbergt. Zingg hat sich zusammen mit Margrit Wyder, Präsidentin der Goethe-Gesellschaft in der Schweiz, dafür eingesetzt, dass nun ein Goethe-Themenweg durch die Schlucht führt – und weiter nach Andermatt und hinauf auf den Gotthard-Pass. Über einen QR-Code lassen sich nun an den relevanten Wegpunkten Geschichten und Zitate abspielen, und man lernt interaktiv, dass Goethe dreimal nach Andermatt kam – und dass es ihm hier gefallen haben muss. 1779 schrieb er: „Mir ist’s unter allen Gegenden, die ich kenne, die liebste und interessanteste.“ Heute prangt das Zitat an der Hauswand im alten Ort, und man könnte glauben, der Tourismusverband habe dem Geheimrat diese Worte in den Mund gelegt – wenn nicht Generationen von Germanisten das Gegenteil bewiesen hätten. Und man fragt sich: Was würde Goethe 250 Jahre später zu Andermatt sagen? Sein Blick fiele heute auf die zweite Brücke, über die sich die Autos nach Andermatt wälzen, auf den Tunnel, aus dem gerade der rote Glacier-Express rollt. Und wenn er die Schlucht hinter sich gelassen hätte, dann würde er nicht nur auf die mintfarbene Reuss, sondern auch auf einen sehr veränderten Ort schauen: auf einen riesigen Neubaukomplex mit Hotels und Ferienwohnungen und auf das Luxushotel „The Chedi“, hinter dem die Kirchturmspitze gerade noch so hervorlugt. Von der Schlucht sind es nur ein paar Gehminuten nach Andermatt Reuss, jenem neu entstandenen Teil Andermatts, wo heute auf der Piazza Gottardo Touristen flanieren und Rennradfahrer über den Kopfsteinboden rattern. Es dominieren Holz und Stein, und durch die Häuserschluchten fällt der Blick auf die Berghänge. Das riesige „Radisson Blu“ kreist den Platz ein, auf der anderen Seite ist ein Sportgeschäft in einem Gebäude, dessen blau-weiß gezackte Fensterläden eine Reminiszenz an ein Schweizer Amtshaus ist. Daneben ist eine große Baustelle, weil hier das nächste Hotel gebaut wird: Das „The Alpinist“ soll nächstes Jahr im Dezember eröffnen und dem Ort noch mal 164 Residenzen und 66 Fünfsternezimmer bescheren. Das ist schon erstaunlich, denn noch vor 20 Jahren war hier nichts, Andermatt war dem Niedergang geweiht, und keiner glaubte an eine verheißungsvolle Zukunft. Der Ort war vom Militär geprägt, bis zu 12.000 Soldaten waren hier stationiert und versteckten sich in den weit verzweigten Tunnel- und Bunkeranlagen in den Bergen. Doch als sich die Schweizer Armee in den 1990er-Jahren zurückzog aus der von ihr verursachten Öde, stellte sich die Gemeinde die schlichte Frage: Was nun? Tatsächlich kam entgegen allen Erwartungen ein Prinz aus dem Morgenland: Samih Sawiris, ein ägyptischer Unternehmer, der in Berlin Wirtschaftsingenieurwesen studiert hat und perfekt Deutsch spricht. Sein Unternehmen, die Orascom Development Holding, hat in Ägypten die Tourismusorte El Gouna und Taba Heights aufgebaut. Sawiris war schockverliebt in Andermatt und kaufte 1,44 Millionen Quadratmeter Land, das heutige Andermatt Reuss. 19 Millionen Schweizer Franken zahlte er ans Militär und sagte damals vollmundig im Interview mit der F.A.S.: „Es war für mich wie eine 100-Euro-Banknote, die auf der Straße liegt und die niemand nimmt.“ Heute sagt er: „Ich glaube jetzt merken auch alle anderen, warum ich das damals gesagt habe. Andermatt hat sich so entwickelt, wie ich es schon damals gesehen hatte. Wir haben den Ort auf die internationale Tourismuskarte gebracht, das sieht man heute anhand der Gäste aus allen Ländern.“ Eine Million Euro für eine 35-Quadratmeter-Wohnung Doch der neue Teil Andermatts wirkt austauschbar und hat sich noch nicht mit dem alten Ort verbunden. Das Ensemble latent seelenloser Neubauten könnte so auch in Aspen oder Shanghai stehen. Vom Platz führt die Furka-Straße nach Westen, vorbei an einem italienischen Restaurant, einem Luxus-Bekleidungsshop und der „Real Estate Sales Suite“, wo die Andermatt Swiss Alps AG Immobilien verkauft. Ein Modell zeigt, was in den nächsten Jahren noch alles entstehen wird: 15 kubische Villen entlang des Flusses, ein Supermarkt, eine ganze Gebäudereihe, die an den vor zehn Jahren eröffneten Golfplatz grenzen wird – und neben dem Konzerthaus, das seit 2018 hier steht, soll noch ein weiteres Hotel gebaut werden. „Wir sind etwa bei 60 Prozent“, sagt ein Mitarbeiter und nennt trocken den aktuellen Quadratmeterpreis: „26.000 Schweizer Franken.“ Das sind über 28.000 Euro. Für eine 35-Quadratmeter-Wohnung zahlt man also eine Million. Auf der anderen Seite der Straße, wo derzeit ein großer Parkplatz ist und der Behelfsfußweg zum Bahnhof und zum Dorf verläuft, soll in den nächsten Jahren ein riesiges Sportzentrum entstehen, mit Erlebnisbad, Kletterwand, Eislaufplatz, Padelplätzen, Restaurants und Cafés. Es soll dann der letzte bauliche Schritt sein, um das touristische Angebot zu komplettieren. Geplante Fertigstellung: 2032. Sawiris sagt dazu: „Das Sportzentrum ist, wie vor vielen Jahren die Konzerthalle, ein neuer Höhepunkt. Die Lage ist ideal, um das existierende Dorf mit Andermatt Reuss zu verbinden. Mir machen solche Kernstücke in einem Projekt immer sehr viel Freude. Diese sind wichtig für das Leben in einem Dorf.“ Ganz am Ende der Furka-Straße, von wo aus man einen guten Blick auf den namensgebenden Gebirgspass hat, ist neuerdings ein Fahrradladen, ein schicker Showroom mit 30 blitzenden Rädern, von denen jedes etwa so viel wert ist wie der halbe Quadratmeter Fläche, auf dem es steht. Diese Carbon-Rennräder, natürlich „made in Switzerland“, kann man sich ausleihen und damit auf die Pässe in der Umgebung fahren. Den Shop betreiben Lee Hewett und Mat Frichot, ein Engländer und ein Australier, die seit Jahren in der Schweiz leben und mit ihrem Reiseunternehmen „Swisscycology Tours“ geführte Radtouren durch Helvetien anbieten. Mit dem Rad auf Furka und Gotthard Heute wollen wir auf die Furka. Andermatt liegt auf über 1400 Meter Höhe – das heißt, man ist hier schnell in hochalpinem Gelände. Das Tal ist karg, wo man hinblickt, erheben sich Berge, 3000 Meter und höher. Wir rollen mit Rückenwind Richtung Pass, blicken auf haushohe Felsblöcke, dunklen Bergwald und Lawinenzäune, die erahnen lassen, wie viel Schnee hier im Winter fällt. An einem schönen Tag wie heute ist diese Landschaft faszinierend und erhaben, an schlechten abweisend und menschenfeindlich. Das hat auch Goethe erfahren, als er im November 1779 über die Furka nach Andermatt kam. Beim Aufstieg fallen bergsteigerische Begriffe, man brauche „Mut und Zutrauen“ und vor allem „Glück“, und die Bedrohung, die vom Berg ausgeht, ist zu greifen. In den „Briefen aus der Schweiz“ ist zu lesen: „… der Gedanke, daß man immer enger und enger zwischen ungeheuren Gebirgen eingeschlossen wird, gibt der Imagination graue und unangenehme Bilder, die einen, der nicht recht fest im Sattel säße, gar leicht herabwerfen könnten. Der Mensch ist niemals ganz Herr von sich selbst.“ Sie verlieren den Weg, versinken im Schnee. Das Gebirge ist hautnah, die Gipfel im Blickwinkel, die Kälte im Nacken. Nach viereinhalb Stunden kommen die Wanderer auf dem Sattel der Furka an, wo breitflockiger Schnee stiebt und sie bis zum Gürtel versinken. Nach nochmals viereinhalb Stunden, also nach neun Stunden Gehzeit, erreichen sie das Wirtshaus in Realp. Einige Patres erzählen ihren wunderlichen Gästen noch lange und mit größter Gelassenheit von Todesfällen und Wahnsinn. Wir radeln nun durch ebendieses Realp, ein kleines Dorf, hinter dem sich die Straße in vielen Kehren nach oben windet. Wir brauchen anderthalb Stunden bis zur Passhöhe und rollen dann noch weiter bis zum Hotel Belvedere. Wir blicken auf den Rhonegletscher und staunen. Doch auch heute ist diese Bergwelt gar nicht so leicht mit jenen vereinbar, die sie besuchen. Für die Wintersportler hat man am Oberalppass ein Familien-Skigebiet entwickelt – weil der Gemsstock zu anspruchsvoll ist. Für die Sommertouristen hat man einen Golfplatz gebaut, und für die Radfahrer gibt es auch E-Bikes im Verleih, weil die großen Runden mit mehr als 3000 Höhenmetern vielleicht doch etwas zu viel sind. Das Marketing machte aus der Not eine Tugend und zelebriert seit einiger Zeit Begriffe wie „Abenteuer“, „Wildnis“ und „die raue Bergnatur“. Hauptsache nicht Italien Am nächsten Tag geht es auf den Gotthard, den anderen Goethe-Pass. Der alte Säumerweg verläuft noch unterhalb der Straße. Dort ist er also entlanggewandert und war wieder stundenlang unterwegs. Mit den leichten Rennrädern erreichen wir deutlich schneller den Abzweig zur alten Straße, die als „Tremola“ nach Süden führt. Wir rollen über die Passhöhe bis zu Goethes „Scheideblick nach Italien“, die heute eine Tafel auf einem Felsen markiert. Dreimal stand er hier und blickte sehnsüchtig nach Süden. Aber jedes Mal ist er umgekehrt, warum weiß keiner so genau, Liebeskummer, Verpflichtungen und Kriege haben vermutlich eine Rolle gespielt. Hier oben ist auch das Sasso San Gottardo Museum von Damian Zingg, aber es ist nicht etwa in einem Gebäude, sondern in den alten Militärstollen in einem Berg mit dem schönen Namen Monte Prosa. Durch eine große Stahltür tritt man ein in diese kühle und dunkle Welt. „Goethe hätte hier auch seine Freude gehabt“, sagt Zingg, der seinen „15. Sommer unter Tage verbringt“, und weiß, wie sehr sich der Dichter für Steine interessiert hatte. Prinz August von Gotha schrieb im November 1797 an Goethe: „Das Gerücht hat mich berichtet, dass Ew. Hochwohlgeb. glücklich von Dero Reise nach der Oberwelt zurück gekommen sind, den ganzen Gotthardsberg abgetragen und in den Taschen nach Weimar gebracht haben.“ Tatsächlich umfasst die Steinsammlung, die Goethe in Weimar zusammengestellt hat, 17.000 Mineralien, viele davon sind vom Gotthard. Die Militäranlage gab es jedoch zu Goethes Zeiten noch nicht, erst Ende des 19. Jahrhunderts hat man angefangen, diese Berge auszuhöhlen und als sogenanntes „Réduit“ auszubauen – die Alpenfestung für den Fall, dass die Schweiz angegriffen wird. 500 Soldaten waren bis Ende der 1990er-Jahre hier stationiert, 2,5 Kilometer Stollen führen durch den Berg, 72.000 Liter Diesel und 22.000 Granaten lagerten hier. In der großen „Goethe-Kaverne“ ist heute die Ausstellung untergebracht, die akribisch dokumentiert, was der Dichterfürst alles gemacht und wie es sich in seinem Werk niedergeschlagen hat. Porsches und Ferraris vor dem Chedi Zurück in Andermatt, diesmal im alten Ort. Dort ist auch das „The Chedi“, mit dem Sawirs’ Investment 2013 begann. Auf dem Parkplatz des gediegenen Fünfsternehotels stehen zehn Porsches und fünf Ferraris. Dahinter erhebt sich das Hautgebäude mit seiner eleganten Holzfassade, deren asiatische Leichtigkeit sich von den Bergen abhebt. Genau hier hat 1872 das Grandhotel Bellevue eröffnet, Andermatts erstes Luxushotel aus einer längst vergangenen touristischen Glanzzeit, die nun zurückkehrt und fast alle im Ort mitreißt. 1500 Menschen leben in Andermatt, und vor 20 Jahren haben sich 96 Prozent für Sawiris Investment entschieden. Das kann man von 18 Uhr an beim Stammtisch im „Ochsen“ erfahren, nur ein paar Gehminuten vom „Chedi“ entfernt. Wirt José, bekannt für sein Käsefondue, erzählt, dass Sawiris den Ort gerettet hat. Wir stehen vor der Tür der Gaststube, und immer wenn ein Auto vorbeifährt, schaut José auf das Kennzeichen und murmelt den Herkunftsort vor sich hin: „München“, „Stuttgart“, „Mailand“, „Zürich“. Ein Gast schaltet sich ins Gespräch ein, und es stellt sich heraus, dass er Jahrzehnte lang der Wirt des „Adlers“ war, nur ein paar Häuser weiter. Das Gebäude habe er schon vor vielen Jahren verkauft. „Heute ist es vier Millionen wert“, sagt er, und an seinem Gesichtsausdruck ist unschwer zu erkennen, dass der Verkauf nicht die beste Entscheidung seines Lebens war. Und was sagt Samih Sawiris dazu? „Andermatt hat immer schon Kulturen und Sprachen verbunden. Diese Prägung der Andermatter spürt man heute noch. Sie sind viel offener als manch andere Schweizer. Sie haben auch mich als Fremden mit offenen Armen begrüßt, wo andere dachten: Der Ägypter wird seine Pläne hier niemals umsetzen.“ So ist das in Andermatt, diesem eigentümlichen Ort in den Schweizer Bergen, dessen Auf und Ab im Laufe der Geschichte wie die Bergpässe in der Umgebung anmuten. Und ein Ort, dessen früher Chronist Johann Wolfgang von Goethe war, der all das, was da noch kommen wird, schon mit einer Notiz von 1775 vorweggenommen hat. Sie lautet: „Sauwohl und Projekte.“