FAZ 15.09.2026
09:25 Uhr

Tischtennis: Langenselbold statt Langstadt


Langstadts Tischtennis-Erfolgsgeschichte ist auf höchstem Niveau vorbei. Nun übernimmt die TG Langenselbold die Erstliga-Lizenz bei den Damen – und verpflichtet gleich drei Weltklassespielerinnen.

Tischtennis: Langenselbold statt Langstadt

Die Geschichte der Langstädter Tischtennis-Damen ist eine Erfolgsgeschichte. Viermal in Folge waren sie aufgestiegen, von der sechstklassigen Hessenliga bis in die Zweite Bundesliga. Nach drei Jahren gelang ihnen 2018 dann der Sprung in die höchste aller Spielklassen. Sieben Jahre Erste Bundesliga, damit ist jetzt Schluss. Anfang des Jahres hat der TSV Langstadt bekanntgegeben, seine Lizenzen für die ersten beiden Ligen abzugeben. Dafür brechen für die TG Langenselbold neue Zeiten an. Der Tischtennisverein aus dem Main-Kinzig-Kreis hat die Erstliga-Lizenz von Langstadt übernommen. Beim ersten Spiel am kommenden Sonntag wird die Mannschaft auf den ESV Weil am Rhein treffen. Wie stellt sich der Verein darauf ein? Und wie geht es den Langstädtern mit dem Verlust ihrer Damenmannschaften? Die Entscheidung, sich aus der Bundesliga zurückzuziehen, habe man sich nicht leicht gemacht, sagt Manfred Kämmerer. Er ist Sportlicher Leiter beim TSV Langstadt und war bis Ende der vergangenen Saison Manager der beiden Bundesligateams. Die Tischtennis-Damen hat er über viele Erfolge hinweg begleitet, bei den beiden Endspielteilnahmen beim Deutschen Pokal oder als sie die Saison 2021/22 als Meisterschaftszweite beendeten. Fehlendes Engagement „geht an die Substanz“ Bis 2022 spielte Europameisterin Petrissa Solja in Langstadt. Dass der Verein aus dem Landkreis Darmstadt-Dieburg die Olympiazweite von 2016 nach dem Aufstieg in die erste Liga verpflichten konnte, war für Kämmerer das Highlight der Bundesligazeit: „Mit ihr zusammen haben wir es geschafft, uns in der ersten Liga zu halten und uns über die Jahre als Bundesligist zu etablieren.“ In der vergangenen Saison kamen die Langstädterinnen bei der Deutschen Meisterschaft und auch beim Deutschen Pokal bis ins Halbfinale. Eine gute Saison. Doch jetzt der Rückzug. Als Grund gibt der Verein den zeitlichen und personellen Aufwand an. An den Finanzen habe es nicht gelegen, sagt Kämmerer. Die Aufwendungen, um Damen-Tischtennis auf Bundesliga-Niveau zu spielen, belaufen sich seiner Erfahrung nach auf einen mittleren fünfstelligen Betrag. Doch am Ende braucht es auch engagierte Hände, die mithelfen. „Bei den Damen gibt es leider, auch wenn ich mir die anderen Vereine so angucke, nur sehr wenige Ehrenamtliche, die sich engagieren“, sagt er rückblickend. „Wir waren ein Team aus zwei, drei Leuten, die die Hauptarbeit gemacht haben. Das geht halt auch an die Substanz.“ Er selbst habe sich als Manager etwa nicht nur um die Verträge gekümmert, sondern auch um vieles, was sonst noch so anfällt. Den Bus zu den Auswärtsspielen zu fahren, zum Beispiel. Auch die Koordination der Bundesliga-Spiele sei nicht immer einfach gewesen, teilweise überschnitten sie sich mit internationalen Turnieren. Vor allem bei der Rückrunde, sagt Kämmerer, weil die Turnierpläne des WTT (World Table Tennis) vor Saisonbeginn noch nicht vorlagen. „Man hat dann zusammengesessen und mit Ach und Krach einen Plan für die Vorrunde zusammenbekommen.“ Zweite Mannschaft wechselte zum TTC Salmünster Von dieser Saison an spielt Langstadt mit seinen Tischtennis-Damen nur noch in der Oberliga, die der fünften Liga entspricht. Die Konsequenz: Die Spielerinnen aus den ersten beiden Mannschaften mussten sich sportlich eine neue Heimat suchen. Aus der Erstliga-Mannschaft wechselten Sophia Klee und Lorena Morsch nach Langenselbold, Orawan Paranang zum TTC 1946 Weinheim, Franziska Schreiner und Chantal Mantz zum TuS Fürstenfeldbruck und Izabela Lupulesku nach Frankreich. Die zweite Mannschaft ist fast geschlossen zum TTC Salmünster im Main-Kinzig-Kreis gegangen, der die Lizenz für die Zweite Bundesliga vom TSV übernommen hatte. Einzig Kämmerers Tochter Janina Hilgenberg ist in Langstadt geblieben. Im rund 40 Kilometer entfernten Langenselbold blickt man der neuen Saison mit Freude entgegen. Der Vereinsvorsitzende Matthias Leißner spricht von einer „Aufbruchsstimmung“ im Verein, der rund 200 Mitglieder hat. „Man wird von allen Seiten darauf angesprochen, weil es etwas Einmaliges ist, dass wir eine Bundesligamannschaft hier haben“, sagt Leißner.  Damit wolle man gezielt den Damenbereich im Tischtennis fördern: „Alle zieht es zum Fußball. Dort geht das Engagement hin und für junge Mädchen wird wenig gemacht. Wir haben dann gesagt, wir setzen uns ein für Leistungssport in Hessen für Mädchen und Frauen.“ Damit war die Entscheidung gefallen, sich um die Erstliga-Lizenz zu bewerben. Für beide Lizenzen hatte es nach Angaben des TSV Langstadt mehrere Bewerber gegeben. Dass die Lizenzen in Hessen bleiben, das sei ihm wichtig gewesen, sagt Kämmerer. „Und dass auch unsere Fans die Chance nutzen können, sich die Ligaspiele dort anzugucken.“ Langenselbold will aufstrebende Spielerinnen fördern Die drei größten Herausforderungen, um ein Bundesligateam auf die Beine zu stellen: Mannschaft, Finanzen, Infrastruktur. Personell sei man in Langenselbold gut aufgestellt, sagt Leißner. Insgesamt sind rund 20 Leute am Projekt Bundesliga beteiligt. Es sei dagegen nicht einfach gewesen, Sponsoren zu gewinnen: „Im Gegensatz zum Fußball ist Tischtennis eine Randsportart, zwar eine sehr schöne, aber eine Randsportart.“ Die größte Schwierigkeit sei es gewesen, die Mannschaft zusammenzustellen, erinnert sich der Vereinsvorsitzende. Zusätzlich zu Klee und Morsch hat die TG noch drei weitere Spielerinnen geholt: Sally Moyland, 19 Jahre alte amerikanische Meisterin, die schwedische Nationalspielerin Matilda Hansson sowie die indische Nationalspielerin Ayhika Mukherjee. „Das sind Weltklassespielerinnen“, sagt Leißner. Bei der Auswahl sei dem Verein vor allem wichtig gewesen, „junge aufstrebende Spielerinnen zu fördern“. Der TSV Langstadt will mit den frei gewordenen Kapazitäten nun mehr auf Amateur- und Breitensport setzen. Auch nach dem Rückzug aus der Tischtennis-Bundesliga hat der Verein noch zwei Damen- und sechs Herrenmannschaften sowie mehrere Jugendmannschaften. Vor allem im Schüler- und Jugendbereich habe man einen großen Zulauf, sagt Kämmerer. „Es wird weiterhin Tischtennis in Langstadt gespielt. Das war vor der Bundesligazeit so und das wird auch in Zukunft so sein.“