„Es geht einem nahe, wenn man miterlebt, wie das eigene Land für seinen Untergang stimmt.“ Wenn man die ungemein sympathische französische Erfolgsautorin Karine Tuil in einer kleinen Buchhandlung zur Lesung aus ihrem jüngsten Roman „Die Liebeshungrigen“, ihrem vierzehnten, trifft, kann man kaum glauben, dass sie selbst Teil, wenn auch beobachtender und analysierender, der Szenerie aus Polit- und Medienbetrieb ist, die sie in ihrem Roman so gekonnt seziert. Bekannt geworden ist die Tochter tunesisch-jüdischer Einwanderer in Deutschland vor allem durch ihren 2022 erschienenen Roman „Diese eine Entscheidung“, in dem sie schildert, wie eine Richterin nach langer Prüfung einen islamistischen Gefährder freispricht – mit fatalen Folgen. Eine sehr reale Bedrohung Die ausgebildete Juristin hat ein sicheres Gespür für gesellschaftlich relevante Themen im Grenzgebiet von Politik und Medienlandschaft. So rührt sie in ihrem neuen Roman in 67 Kapiteln auch alles an Themen zusammen, was derzeit aktuell ist: toxische Männlichkeit, MeToo, soziale Medien, Generationenkonflikt, Antisemitismus, rechte Bedrohung, Rollenambivalenz, Neofeminismus, Sexsucht, Drogen, Identitäts- und Alterskrisen, Korruption, Ausbeutung, Verlogenheit und Heuchelei, kurz, unsere konkrete Gegenwart. Auch wenn wir wissen, dass alles mit allem zusammenhängt, ist es bei einer Romanlektüre doch ermüdend, alles auf einmal goutieren zu müssen. Eine Beschränkung auf weniger Aspekte hätte dem Buch gutgetan und einer gewissen Ermattung vorgebeugt. Die Überfülle an Problemen führt auch dazu, dass vieles klischeehaft bleibt, dass man glaubt, all das schon einmal gelesen, gesagt, gehört zu haben, dass die Dialoge hölzern wirken, geschrieben, nicht gesprochen. Das ist umso bedauerlicher, als die Autorin ja einen positiven Impuls hat, was gesellschaftliche Teilhabe angeht. Indem sie einen ehemaligen französischen Staatspräsidenten zeigt, der nach einer Amtszeit durch eine rechte Präsidentin ersetzt wird, schildert sie eine sehr reale Bedrohung. Aber warum „Hilda Müller“? Ihr Dan Lehmann, 64 Jahre alt, an der Wiederwahl gescheitert, Linkssozialist und Jude, ist eigentlich ein Guter, aber gerade an einem Politiker mit Idealen erweist sich die Tücke des Systems. Macht korrumpiert, macht einsam, Machtverlust macht noch einsamer, führt zu Drogenmissbrauch und Identitätsverlust. Karine Tuils Präsident ist eine Mischung aus einigen realen Ex-Präsidenten: Wir sehen den literarisch gebildeten Mitterrand mit seinem Charisma, aber mit heimlicher, staatlich finanzierter Zweitfamilie, Chirac, den notorischen Fremdgänger, wegen Korruption verurteilt, Sarkozy mit Carla Bruni und Fußfessel, Hollande auf dem Roller zur Geliebten, einer Schauspielerin. Und beim Thema Machtverlust denken wir an die Zukunftsperspektive des smarten Emmanuel Macron. Wenn die Macht erodiert, bleibt nur die Leere, und die ist ohne Psychopharmaka und Alkohol nicht zu ertragen. Die detaillierten Beschreibungen der Alkoholabhängigkeit des fiktiven Ex-Präsidenten gehören zu den eindringlichsten und gelungensten Passagen des Buches. Dan Lehman hat die Ehefrau, mit der er drei inzwischen erwachsene Kinder hat und die ihm für seinen gesellschaftlichen Aufstieg den „Rücken freigehalten hat“, verlassen für ein neues glamouröseres Leben mit einer deutschen Schauspielerin, einer „Kindfrau“, die, warum auch immer, Hilda Müller heißt. Es gibt ein gemeinsames Kind, das taubstumm ist, und nach dem Machtverlust die Erosion der Beziehung und das Ende des Glamour-Paares. Besagte Hilda ist nur an einer Weiterführung ihrer Karriere interessiert, obwohl sie mit 35 Jahren schon nicht mehr als Vierzigjährige besetzt werden soll und bei Sex-Szenen von einer Zwanzigjährigen gedoubelt wird. Lehmann, der kurz vor seiner Wahl zum Präsidenten einen Bestseller geschrieben hatte, von dem er „keine einzige Zeile selbst verfasst hatte“, versucht sich nach dem Verlust des Amtes selbst als Autor, diesmal mit einer Karl Marx-Biographie, in der er eine erotische Szene imaginiert, die ihm Spott und Hohn in den sozialen Medien einträgt. Auf das politische Aus folgt das Aus als Autor, Lehmann versinkt in Selbstmitleid und Sucht, verkraftet den Bedeutungsverlust nicht und verfällt immer mehr. Seine alkoholgetränkten Absturzphantasien vertraut er einem Diktafon an. Ein besonders toxisches Alphatier Weitgehend unbeschädigt trotz der Trennung ist „M“, die Exfrau Marianne, Schriftstellerin und eine Art Alter Ego der Autorin und die einzige Figur, die „ich“ sagt und die mit einem Roman über häusliche Gewalt Erfolg hat: „zweihunderttausend Mal verkauft“. Er wird von einem angesagten Regisseur verfilmt, der sich als besonders toxisches Alphatier erweist, und Hilda, Dans Exgeliebte und bald auch Exfrau, spielt die Hauptrolle und hat eine Affäre mit ihm. Bei der Abschlussgala in Cannes kommt es zum Eklat. Frauensolidarität übernimmt, Hilda wird ausgezeichnet, der Regisseur abgestraft, Lehmann schrammt knapp an einer Tragödie vorbei. Die Stärke des Romans sind die Blicke hinter die Kulissen sowohl im Politikbetrieb als auch im Filmgeschäft. Wie es in Cannes zugeht, haben wir so nicht erahnt. Karine Tuil hat ihren Roman dem 2025 verstorbenen Robert Badinter gewidmet, den sie bewundert. Sie will das Buch keinesfalls als Schlüsselroman gelesen wissen, obwohl sie erzählt, einige Präsidenten und vor allem Politikberater getroffen zu haben, bei Medienterminen oder Diners. Dabei habe sie eine gewisse Zärtlichkeit für Menschen entwickelt, die sich mit Politik beschäftigen. Positive Beispiele sind für sie Léon Blum und Pierre Mendès France, auch Mitterrand, der ja ebenfalls Autor war. Schwer verständlich ist, dass dtv den Clausewitz-Titel des Originals „La guerre par d’autres moyens“ durch das reißerische „Die Liebeshungrigen“ ersetzt hat – illustriert der Roman doch aufs Schönste, dass Politik die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln ist. Man hat den Eindruck, der Verlag vermarkte seine Autorin in Richtung Trivialliteratur. Das hat sie nicht verdient. Karine Tuil: „Die Liebeshungrigen“. Roman. Aus dem Französischen von Maja Ueberle und Alexandra Baisch. dtv, München 2026. 396 S., geb., 25,– €.
