Authentisch soll es sein. Egal ob mexikanisch, koreanisch, persisch, griechisch, indisch, chinesisch oder thailändisch – die Deutschen wollen Speisen aus fremden Küchen am liebsten so auf den Tisch bekommen, wie sie auch in den Ländern, aus denen sie stammen, serviert werden. Echt und ursprünglich soll das Essen sein, unverfälscht und ehrlich. Das ist aus einer Vielzahl von Gründen – von den Zutaten bis zur Ausbildung der Köche – zwar kaum möglich. Aber die Illusion ist so verlockend, dass sich gefühlt jedes Lokal mit einer speziellen Länderküche mit dem Prädikat „authentisch“ schmückt. So ist es auch bei Andy Beyer und Hong Mai Beyer-Ngo. Sie haben vor einer Weile das Restaurant „Comai“ im Frankfurter Ostend eröffnet und setzen dort ganz auf traditionelle – also: authentische – vietnamesische Küche. Im „Lai“, ihrem zweiten Lokal, das die beiden erst im Januar aufgemacht haben, wagen sie deutlich mehr Kreativität. In dem sehr stylisch und fern von jedem Asia-Kitsch eingerichteten Restaurant im Erdgeschoss eines Bürohauses an der Barckhausstraße steht „Crossover“ auf dem Programm, eine Küche, die vietnamesische Gerichte mit europäischem Twist und europäische Gerichte mit vietnamesischen Elementen auf die Teller bringt. „Modern Vietnamese Fusion“ nennen die Betreiber dieses Konzept. Typisch für diese interessante Mischung ist zum Beispiel Bo tai chanh, ein Rinder-Carpaccio mit vietnamesischem Chimichurri, eingelegten Zwiebeln, Limette, Röstzwiebeln, Chili-Crunch und Erdnüssen (16 Euro) – eine sehr überzeugende Idee voller kräuteriger Aromen und exotischer Noten. Oder die klassische Rinderbrühsuppe Pho bo, die es hier auch als Surf-and-Turf-Version mit sous-vide gegartem Filet und Hummer für 60 Euro gibt. ‘Oder auch Bo sot vang: Short Ribs mit Karotten, Kartoffeln, Reis und Rotweinsoße (28 Euro), die fast schon wie ein amerikanisches Gericht mit kleinem asiatischen Touch daherkommen. Auch bei vielen anderen Speisen finden sich mal mehr, mal weniger Elemente westlicher Küchen, etwa wenn die knusprigen Tofuwürfel (sechs Euro) wie das Carpaccio mit dem eigentlich aus Argentinien stammenden Chimichurri-Dip beträufelt oder Maiskörner in Butter (5,50 Euro) geschwenkt werden. Oder wenn die gegarte Entenbrust mit Kokoswaffeln (35 Euro) auf den Tisch kommt. Leider sind diese und die meisten anderen Gerichte im „Lai“ sehr zurückhaltend gewürzt. Die vietnamesische Küche, die viele chinesische und thailändische Einflüsse integriert und für ihre Frische bekannt ist, wird zwar im Vergleich zu anderen asiatischen Traditionen nicht so sehr mit ausgeprägter Schärfe in Verbindung gebracht. Aber hier im „Lai“ sind manche Speisen wie die Reispapierrollen, die veganen Frühlingsrollen oder das Hauptgericht Cha ca la vong, gegrilltes Zanderfilet in Zitronengras-Kurkuma-Marinade (28 Euro), so mild, dass die ausgeprägte Aromenvielfalt der vietnamesischen Kochkunst viel zu wenig zur Geltung kommt. Die Gäste können sich natürlich Chilisoße extra kommen lassen, aber das sorgt am Ende nur für einen Einheitsgeschmack. Das Küchenteam traut den europäischen Gaumen seiner Gäste offenbar zu wenig zu. Ein bisschen mehr Mut würde vielen Gerichten sicher guttun. Ein bisschen Fusion gibt es im Übrigen auch bei den Getränken und den Nachspeisen. So können die Gäste – je nach Geschmack – zum Essen entweder hausgemachten Lychee-Eistee oder Guaven-Soda oder Saigon-Lager trinken oder sich den „Lai Signature Wine“ von Schloss Vollrads im Rheingau bestellen. Und zum Dessert dann vielleicht „Vinamisu“ mit Mascarpone, Kakao, Lotus-Crumble und vietnamesischem Kaffee (acht Euro), eine sehr gelungene Abwandlung des italienischen Klassikers. Apropos vietnamesischer Kaffee: Pechschwarz, extrem stark, geschmacklich fast schon an Kakao erinnernd und oft auch als Eiskaffee serviert, ist er ein schöner Abschluss eines Essens im „Lai“. Lai Dining, Frankfurt, Barckhausstraße 16, Telefon 0 69/75 79 40 54, Internet www.comai.de/lai. Geöffnet montags bis freitags von 11.30 bis 22 Uhr, samstags von 12 bis 22 Uhr, sonntags geschlossen.
