FAZ 16.03.2026
15:03 Uhr

Reitz wechselt zu RB: „Die höchste Ablösesumme, die Borussia je generieren konnte“


Mit Kapitän Rocco Reitz verliert Borussia Mönchengladbach einen Herzensborussen – und das ausgerechnet zum ungeliebten Rivalen nach Leipzig. Auch wenn die Transfersumme stimmt, trifft das die Fans besonders.

Reitz wechselt zu RB: „Die höchste Ablösesumme, die Borussia je generieren konnte“

Überrascht kann niemand mehr gewesen sein von der Vollzugsmeldung, mit der Borussia Mönchengladbach am Montag die neue Fußballwoche eröffnet hat. Rocco Reitz wechselt zur kommenden Saison vom Niederrhein zu RB Leipzig, nachdem seit etlichen Wochen bekannt war, dass der Mittelfeldspieler, die Borussia und der sächsische Bundesligaklub über diesen Transfer verhandeln. Nun ist es vollbracht, und in der offiziellen Erzählung gibt es nur Gewinner. „Die Ablösesumme, die wir für Rocco erhalten werden, ist die höchste, die Borussia je für einen selbst ausgebildeten Spieler generieren konnte“, sagt der Gladbacher Sportvorstand Rouven Schröder, während sein Leipziger Kollege Marcel Schäfer verkündet: „Rocco Reitz war unser absoluter Wunschspieler für das zentrale Mittelfeld. Wir erhalten einen absolut vielseitigen Spieler, der als Bindeglied zwischen Defensive und Offensive eine zentrale Rolle bei uns einnehmen und uns verstärken wird.“ Reitz kann sich über eine hübsche Gehaltssteigerung freuen und auf Einsätze in der Champions League hoffen, und doch tut dieser Vereinswechsel vielen Menschen weh. Denn der gebürtige Duisburger verkörperte die Borussia in den vergangenen Jahren wie kein anderer Spieler. Seit seinem ersten Lebenstag ist der heute 23-Jährige Mitglied im Klub, weil ein Onkel ihn als Geschenk zur Geburt bei der Borussia anmeldete. Noch schlimmer wäre nur Köln Er durchlief alle Jugendmannschaften im sogenannten Fohlenstall, war Publikumsliebling und das Gesicht des Versuches, in Anbindung an die alte Fohlen-Tradition der 1970er Jahre wieder verstärkt selbst ausgebildete Spieler im Profiteam zu etablieren. Und nun das. Ausgerechnet Leipzig, ein Klub, den viele Fußballromantiker aus der Gladbacher Nordkurve verachten. Ausgerechnet in der Woche vor dem Derby beim Erzrivalen 1. FC Köln am Samstag (15.30 Uhr/live bei Sky und im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga). Noch schlimmer wäre nur gewesen, wenn sich Reitz den Kölnern angeschlossen hätte. Dort können sie nun über den untreu gewordenen Herzensborussen spotten, aber auch bei der Borussia regt sich Widerstand. Fans fordern in den Foren zum Klub, dass das Eigengewächs auf die Bank verbannt werden sollte, worauf Reitz entgegnet: „Ich kann versprechen, dass ich mich in jedem verbleibenden Spiel mit allem, was ich habe, zerreißen werde – vor allem im Derby jetzt am Wochenende.“ Zugleich könne er aber „verstehen, dass der eine oder andere meinen Entschluss, den Verein zu verlassen, nicht nachvollziehen kann“. Dass Reitz nach Leipzig geht, zu einem Klub mit weniger Tradition und weniger Publikumswucht als die Borussia, passt tatsächlich auf den ersten Blick nicht zu dem Bild, das Reitz als Repräsentant und Gladbacher Kapitän abgegeben hat: Er wirkte traditionsbewusst und tief verbunden mit den Werten der Borussia. Aber offenkundig hat kein anderer Klub eine ähnlich gute Gesamtperspektive geboten: mit einem hohen Gehalt, der Aussicht, sofort viel Verantwortung zu übernehmen, und ander Spitze der Bundesliga mitzuspielen. Im Kader von Rasenballsport Leipzig wird nämlich der Platz von Xaver Schlager frei. Treibstoff Transfergewinne Allerdings stagnierte Reitz zuletzt ein wenig in seiner Entwicklung, war eine solide Größe im Abstiegskampf, aber kein Anführer, der die entscheidenden Impulse zur Rettung setzt. Mit dem Wechsel soll die Karriere nun wieder Fahrt aufnehmen, denn mit vielen Einsätzen in einer der besten Mannschaften der Bundesliga steigen auch Reitz‘ Chancen auf Einsätze in der Nationalmannschaft, während die Gladbacher Spielräume für ihre Zukunftsplanungen bekommen. Rund 20 Millionen Euro soll der Klub von RB bekommen, was weniger ist als ursprünglich gefordert. In zähen Verhandlungen noch mehr Geld zu erlösen, lag aber nicht im Interesse von Schröder, der nun unter neuen Voraussetzungen an der Zukunft der im Mittelmaß feststeckenden Borussia arbeiten kann. „Der frühe Zeitpunkt der Einigung hilft uns sehr bei unseren Planungen“, sagt der Sportchef, dessen Klub dringend auf Transfergewinne als Treibstoff für die eigene Entwicklung angewiesen ist. Gewinnbringende Verkäufe im zweistelligen Millionenbereich sind grundsätzlich selten am Niederrhein. Nach dem Ende der Pandemie zählte das Ausbleiben solcher Geschäfte sogar zu den Hauptursachen für die sportliche Stagnation. Dieser Zustand soll nun durchbrochen werden.