FAZ 24.07.2026
14:13 Uhr

Reiter Hans Günter Winkler: Ein Star wie Fritz Walter und Max Schmeling


Hans Günter Winkler war einer der berühmtesten Sportler der Nachkriegszeit, aber er hinterlässt mehr als die eigenen Leistungen. Zum 100. Geburtstag eines Mannes, der den deutschen Reitsport verändert hat.

Reiter Hans Günter Winkler: Ein Star wie Fritz Walter und Max Schmeling

Was bleibt von einem Sportler, wenn er stirbt? Mindestens ein Wikipedia-Eintrag mit einer – je nach Lebensgeschichte – kürzeren oder längeren Biographie und einer Liste der Erfolge. Der Springreiter Hans Günter Winkler bemühte sich schon zu Lebzeiten darum, dass von seinem Sportlerdasein mehr bleibt als Pokale, Medaillen und Schwarz-Weiß-Bilder – wovon es eine ganze Menge gibt. An diesem Freitag wäre der viermalige Olympiasieger 100 Jahre alt geworden. Vor acht Jahren starb „HGW“, kurz vor seinem 92. Geburtstag, in Warendorf im Münsterland. Die Story, die seit jeher mit seinem Namen verknüpft ist und immer wieder hervorgeholt wird, hatte er selbst so sicher nicht geplant. Sie ist aber zu legendär, als dass man sie nicht noch einmal erzählen könnte. Es ist die Geschichte seines Ritts auf der Stute Halla bei den olympischen Reiterspielen von Stockholm 1956. Bei jedem Sprung über ein Hindernis schrie Winkler auf – er hatte sich in der ersten Runde des Nationenpreises in der Leistengegend verletzt und absolvierte das Finale unter Schmerzen. Doch sein „Wunderpferd“ trug ihn ohne Fehler ins Ziel und zur Goldmedaille. Schon zwei Jahre zuvor war Winkler erstmals Weltmeister geworden. Er schrieb sein eigenes Sportlermärchen wenige Wochen vor den Fußballern beim Wunder von Bern. Die Namen von Hans Günter Winkler, Fritz Thiedemann, Helmut Rahn, Fritz Walter und Max Schmeling wurden damals in einer Reihe genannt. Man kannte und schätzte sich – als Winkler 1955 in Aachen abermals Weltmeister wurde, soll Fritz Walter ihm ein Gratulationsschreiben geschickt haben. Die Reiter standen auf einer Stufe mit den Sportgrößen der Nation und waren – heute kaum mehr vorstellbar –  Stars ihrer Zeit. „Die Leute hatten wieder Helden“ Das hatte verschiedene Gründe: „In der Nachkriegszeit gab es in Deutschland nichts als Trümmer, niemanden, zu dem man aufschauen konnte“, erzählt Reinhard Wendt, langjähriger Sportchef der Deutschen Reiterlichen Vereinigung und einer der engsten Wegbegleiter Winklers. „Und dann gab es auf einmal Sportler, die international anerkannt waren. Die Leute hatten wieder Helden.“ Winkler sei zudem einer gewesen, der sich mit großem Willen, Ehrgeiz, Fleiß und Talent nach oben gekämpft habe. Mit seiner Lebensgeschichte konnten sich damals offenbar viele Menschen identifizieren. Im Alter von 17 Jahren wurde Winkler Mitglied der NSDAP, was erst nach seinem Tod herauskam. Er wurde zum Arbeitsdienst und als Flakhelfer in die Wehrmacht eingezogen und geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Als Winkler als 19-Jähriger nach Hause kam, war sein Vater gefallen und seine Mutter ausgebombt. Er stand mittellos da und fand eine Anstellung bei den amerikanischen Besatzern – verdingte sich als Stallbursche und Hilfsreitlehrer der Offiziere, darunter Dwight D. Eisenhower. Winkler aber wollte und konnte mehr. Mit drei Pferden und zwei Koffern machte er sich von Frankfurt per Zug auf ins Münsterland, nach Warendorf, wo das Deutsche Olympiade Komitee für Reiterei (DOKR) bis heute seinen Sitz hat – und wo er Halla kennenlernte, ohne die seine Geschichte sicher anders verlaufen wäre. Die Pferde waren damals Teil dessen, was man heute als „Hype“ bezeichnen würde. Halla und Meteor, mit dem Fritz Thiedemann so erfolgreich war, kannte man ebenso wie ihre Reiter. „Das waren Paare, die über Jahre zusammen an der Weltspitze waren“, sagt Wendt. „Das ist heute nicht mehr so, weil der Sport, wie so vieles, kurzlebiger geworden ist.“ Ausstellung im Warendorfer Rathaus In Warendorf blieb Winkler bis zum Schluss. An seinem 100. Geburtstag wird dort seiner gedacht. Der vor Kurzem gegründete Förderverein „Hans Günter Winkler – Erbe bewahren, Zukunft gestalten“ und die Stadt Warendorf laden zu der Ausstellung „Im Sattel der Erinnerung“ ins Rathaus ein. Dort sind noch bis Anfang September Fotografien, Pokale und persönliche Stücke aus Winklers Leben zu sehen. Langfristig soll die Ausstellung in das ehemalige DOKR-Gebäude umsiedeln, vor dem bei Wind und Wetter Halla wacht – als Bronzestatue. Sie trägt ihren Teil dazu bei, dass das Erbe Winklers nicht verblasst. Er selbst sorgte schon 1986, als er seine Sportlerlaufbahn beendete, dafür, dass man weit über seinen Tod hinaus an ihn denkt – nicht nur wegen der Stockholm-Story. Er rief den Goldenen Sattel ins Leben und kurz darauf das „HGW-Bundesnachwuchschampionat“, Prüfungen für Nachwuchsreiter, bei denen es auch heute noch nicht nur darauf ankommt, fehlerfrei über Hindernisse zu springen, sondern wie: mit Stil, ordentlich herausgeputzt, auf einem Pferd, das gehorsam den Signalen des Reiters folgt. Lange war er bei den Finalprüfungen selbst als Wertungsrichter im Einsatz, bis ins Jahr seines Todes begleitete er die Wettkämpfe vor Ort und gratulierte den Siegern persönlich. „Es war ihm sehr wichtig“, erzählt Reinhard Wendt, „dass aus seinen Ideen Konzepte gemacht wurden. Er sagte: ‚Die Amerikaner haben ein System, nach dem alle reiten. Wir Deutsche haben immer mal einen guten Reiter, der Weltmeister wird, aber keine starke Mannschaft.‘ Das war sein Antrieb.“ Winklers Erben reiten wieder in Aachen um WM-Medaillen Und Winkler wusste ganz genau: Ohne gute Pferde sind auch Reiter nur Fußgänger. Noch heute wird jedes Jahr beim CHIO Aachen der Halla-Wanderpreis an das erfolgreichste Pferd des Turniers und seine Besitzer vergeben. Längst schauen andere Nationen neidisch auf die deutschen Reiterfolge. Heute durchlaufen die meisten Nachwuchsathleten ein Fördersystem vom Ponyreiten bis zur Altersklasse U25, ehe sie, im Idealfall, im Bundeskader ankommen. Marcus Ehning und Daniel Deußer sind solche Beispiele. Sie gehören zu den Siegern des Goldenen Sattels und des HGW-Bundesnachwuchschampionats. Im August reiten sie bei der Weltmeisterschaft in Aachen im deutschen Team, in der Soers, wo Winkler einst Weltmeister wurde, an dem Ort, den er als sein „reitsportliches Wohnzimmer“ bezeichnete. Ob Hans Günter Winkler wohl zufrieden wäre mit den Leistungen seiner Erben im Springsattel? „Er hat gesehen, wenn etwas gut war“, erinnert sich Reinhard Wendt, „aber immer auch das, was noch hätte besser sein können. Es gibt also stets noch Luft nach oben. Das war sein Naturell: Man gibt sich nicht zufrieden.“