FAZ 25.09.2026
13:25 Uhr

Regina May: Die Modezeichnerin, die der F.A.Z. den Kopf gab


Die Grafikerin und Zeichnerin Regina May entwickelte 1949 den Schriftzug auf der Titelseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. F.A.Z.-Redakteur Alfons Kaiser weiß noch viel mehr über sie zu erzählen.

Regina May: Die Modezeichnerin, die der F.A.Z. den Kopf gab

Der in Fraktur gesetzte Titelkopf „Frankfurter Allgemeine“  ist seit 1949 in gedruckter Form und inzwischen auch im Internet als Markenzeichen dieser Zeitung international bekannt. Weniger geläufig ist, dass diesen Schriftzug eine damals erst 26 Jahre alte Grafikerin namens Regina May entworfen hat, die auch als Modezeichnerin tätig war. May lehrte später zudem Design an der Wiesbadener Werkkunstschule, die 1971 in der Fachhochschule Wiesbaden aufging. Das Stadtmuseum Wiesbaden hat zum dreißigsten Todestag Mays am 22. September 1996 der außergewöhnlichen Frau mit einem Vortrag gedacht. Dafür gewonnen hatte das Museum Alfons Kaiser, der nicht nur das Ressort „Deutschland und die Welt“ der F.A.Z. verantwortet, sondern auch über die internationale Modeszene berichtet. Das hat nicht nur zu bislang rund 130 dienstlichen Aufenthalten allein in Paris geführt, sondern auch zu einer viel beachteten Biographie Karl Lagerfelds. Im Vortrag wies Kaiser darauf hin, dass auch Lagerfeld und andere Modeschöpfer wie Yves Saint Laurent und Wolfgang Joop die Kunst der Modezeichnung beherrschten, die May in besonderer Weise weiterentwickelte. Dazu muss man wissen, dass in den Fünfziger- und Sechzigerjahren an den Laufstegen nicht die Fotografie dominierte. Noch dienten vor allem Skizzenblock und Stift dazu, das Charakteristische der neuen Mode schnell zu erfassen und in den Druck zu bringen. Modezeichnen ist die Kunst der Vereinfachung, und diese hat Regina May bis zur Vollendung getrieben, wie Kaiser sagte. Fünfundzwanzig Jahre lang hat sie so für die F.A.Z. das Neueste aus Paris und Rom festgehalten. Ihre Fähigkeit, Trends schnell zu erfassen, brachte Modefirmen dazu, sie als Beraterin anzuwerben. Sie arbeitete wie eine Karikaturistin May hat einmal zu Protokoll gegeben, dass sie die herkömmliche Modezeichnung als furchtbar altmodisch empfunden habe. Deshalb sei sie neue Wege gegangen. Diese bestanden Kaiser zufolge darin, wie eine Karikaturistin zu arbeiten: Die typischen Merkmale des auf dem Laufsteg Gezeigten hob sie extrem hervor.  Sei etwa eine Bommelmütze als Kopfbedeckung gezeigt worden, habe May die Bommel so groß wie den Kopf der Frau gezeichnet. Ein ausgestelltes Cocktailkleid habe sie mit extremer Wespentaille dargestellt, getragen von spindeldürren Beinen. Regina May bezeichnete sich denn auch als „Modeinterpretin“. May habe viel dafür getan, die deutsche Modeindustrie von spießiger Mittelmäßigkeit zu befreien, ist im Nachruf auf May in der F.A.Z. zu lesen gewesen. Und davon, dass May Studenten als Beispiel für eine sehr selbständige Frau galt. Ihr Sohn Daniel Koch, der zum Vortrag über seine Mutter aus Berlin nach Wiesbaden gereist war, bestätigte das. Dass Regina May eine durchsetzungsstarke Frau war, mag man auch daran erkennen, dass sie ihre Ausbildung mit einer Lehre in einer Druckerei begonnen hat, also in einem recht rustikalen Milieu — zumal für eine junge Frau. Die Familie hat vor Jahren dem Museum der Stadt, in der May lebte, den Nachlass übergeben. Der mit der Schenkung verbundene Wunsch der Familie, den Nachlass Mays etwa im Stadtmuseum Wiesbaden dauerhaft in einer Werkschau zugänglich zu machen, hat sich bislang nicht erfüllt.