Alles dreht sich um ihn. Tadej Pogačar ist so etwas wie die Sonne des Radsports. Nicht selten wird jedenfalls davon gesprochen, dass diejenigen, die ihm zu nahe kommen, Gefahr laufen, sich zu verbrennen. Weil sie einbrechen, wenn sie versuchen, dem Dominator auf zwei Rädern zu folgen. Das ist das gesamte Jahr über so. Nur für die Hatz an diesem Wochenende und vielleicht noch ein oder zwei andere der prestigeträchtigen Eintagesrennen gilt das nicht. Mailand-Sanremo, die Fahrt in den Frühling, mit der die Klassikersaison an diesem Samstag so richtig beginnt, hat Pogačar noch nie gewonnen. Der 298 Kilometer langen Strecke von Pavia nach Sanremo fehlen Höhenmeter. Sie ist zu leicht für ein Leichtgewicht wie ihn, das an längeren Anstiegen seine Stärken ausspielt. Zwölfter, Fünfter, Vierter und zweimal Dritter war Pogačar schon. Und doch ist dem Slowenen schon jetzt etwas Bemerkenswertes gelungen: Er hat das Rennen verändert. Das Rennen ist zu schnell für die Sprinter geworden Früher war dieses „Monument des Radsports“ ein Fall für die Sprinter. Erik Zabel gewann es rund um die Jahrtausendwende viermal. Mario Cipollini, Mark Cavendish und Alexander Kristoff trugen sich in die Siegerliste ein. Danach wurde es eher etwas für Klassikerspezialisten, doch die Jungs, die bis zu 2000 Watt treten, rechneten sich noch immer Chancen aus. Heute schwingen sich viele von ihnen erst gar nicht mehr in den Sattel. Zu schnell ist das Rennen an der Cipressa und dem Poggio geworden, weil Pogačar an den entscheidenden Anstiegen kurz vor dem Ziel so sehr auf das Tempo drückt, um überhaupt eine Chance zu haben. 2024 gewann zwar noch mal Jasper Philipsen. Doch ohne die Hilfe von Mathieu van der Poel, der Pogačar einfing und dann das Tempo verschleppte, um seinem sprintstärkeren Teamkollegen die Möglichkeit auf den Sieg zu geben, hätte der Belgier niemals gewonnen. „Es gibt immer eine Chance“, sagt Philipsen. Aber „in neun von zehn Fällen ist es ein verlorener Tag“. Sprinterkollege Arnaud de Lie hat aufgegeben, wird gar nicht erst starten: „Es hat keinen Sinn. Die fahren die Cipressa eine Minute schneller als der Rest.“ Gemeint sind vor allem Pogačar und van der Poel, die diesmal noch schneller sein könnten. Vor zweieinhalb Wochen fuhr Pogačar im Training einen neuen Rekord an der Cipressa, die van der Poel und er 2025 in etwas weniger als neun Minuten bewältigt hatten. 8:51 Minuten brauchte er diesmal für den 5,58 Kilometer langen Anstieg mit 229 Höhenmetern, der im Schnitt 4,2 Prozent Steigung aufweist. Das ergibt bergauf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 37,4 Kilometern pro Stunde – zu schnell für die Sprinter. Und selbst wenn es einer von ihnen schaffen sollte, dieses Tempo dann auch am Poggio mitzugehen, ist die Chance groß, dass im Anschluss die Beine zu schwer sind, um im Zielsprint zu gewinnen. Auch van der Poel ist gewarnt: „Wenn ich ein Prozent nachlasse, ist Tadej an der Cipressa weg“, sagt der dreieinhalb Jahre ältere Niederländer und legt sich fest: „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er das Rennen gewinnen wird.“ In Abu Dhabi wird ein künstlicher Berg errichtet Damit folgt auch Mailand-Sanremo einer Entwicklung, die seit einigen Jahren zu beobachten ist: Für die schnellsten Profis, die schon an kleineren Anstiegen Probleme bekommen, ist im Radsport von heute kaum noch Platz. „Es gibt Bestrebungen, bei den Grand Tours weniger Sprints und mehr Spektakel zu bieten. Aber auch Kletterer und Gesamtklassement-Fahrer sind erschöpft und brauchen Erholung. Es muss nicht unbedingt härter sein, um schön zu sein“, sagt Tim Merlier, der zuletzt mit Jonathan Milan um den Titel als schnellster Mann im Peloton konkurrierte, über die Tour de France: „Aber wer bin ich schon? Ich werde das Rennen nicht ändern.“ So etwas ist Pogačar vorbehalten. Merlier witterte jedenfalls im vergangenen Jahr schon den nächsten Fall dieser Art, als er von einem künstlichen Berg berichtete, der in der Nähe von Abu Dhabi errichtet wird. Die Zahlen, von der die spanische Zeitung „Marca“ im Anschluss schrieb, treiben Sprintern das Laktat in die Beine. Fast vier Kilometer lang soll der Anstieg werden, mit 6,5 Prozent Steigung im Schnitt und bis zu 13 in der Spitze. Und weil Merlier nicht nur ein guter Sprinter ist, sondern auch eins und eins zusammenzählen kann, schlussfolgerte er daraus etwas: Wenn in den Vereinigten Arabischen Emiraten, die – zufälligerweise – der Hauptsponsor von Pogačars Team sind, ein Berg aufgeschüttet wird, könnte die Weltmeisterschaft 2028 in Abu Dhabi womöglich doch keine für die Sprinter werden, die seit 2016 auf einen flachen Kurs warten. Schließlich wird man dort ein Interesse daran haben, den eigenen Mann nach vorn zu bringen. Inzwischen ist klar: Merlier soll die seltene Chance bekommen, Weltmeister werden zu können, der Berg nicht Teil des Kurses sein. „Es wird definitiv eine Weltmeisterschaft für Sprinter werden“, versicherte der belgische Direktor Peter Van Den Abeele vom Weltverband UCI gegenüber „Sporza“: „Es war der Wunsch von Präsident David Lappartient, daraus ein Sprinterfest zu machen.“ Das klingt stark nach einem Veto von ganz oben. Doch die Frage bleibt: Wie lange sind solche Wünsche noch zu erfüllen? Er ist der, um den sich alles dreht Rennen werden heute anders gefahren als früher, was vor allem mit der Ernährung während des Wettkampfs erklärt wird. Weil der menschliche Körper viel mehr Kohlenhydrate pro Stunde aufnehmen kann als vor ein paar Jahren angenommen, steht den Profis heute mehr Energie zur Verfügung. Das führt zu häufigeren Angriffen, durch die ganz andere Renndynamiken entstehen. Und einer Spannung, die es in diesem Maß früher nicht gab. Eine, die flachere Kurse nie werden bieten können, weshalb Veranstalter dazu übergegangen sind, Rennen schwerer zu machen. Pogačar ist nicht nur Teil dieser Entwicklung. Er hat sie maßgeblich vorangetrieben mit seinen Solo-Attacken. Er ist die Sonne, die so hell strahlt, dass für viele nur noch ein Plätzchen im Schatten bleibt. Er ist der, um den sich alles dreht. Das zeigt sich vor kaum einem Rennen so deutlich wie vor Mailand-Sanremo. Wie muss der Wind stehen für einen Pogačar-Sieg? Kann sein Team das Feld schon an einem der drei kleineren Hügel vor der Cipressa noch mehr unter Druck setzen? Und spielt es ihm diesmal vielleicht in die Karten, dass er mit Isaac Del Toro als Helfer an der Cipressa noch ein Ass im Ärmel hat? In den Fachmedien wird selten so lebendig und viel diskutiert wie vor Mailand-Sanremo. Das Rennen ist ein Anachronismus. Eines, das heute so wohl niemand mehr planen würde, weil lange kaum etwas passiert. Eines, das mit einem Weniger-ist-mehr-Ansatz aber auch Spannung erzeugt in einer Ära, in der sonst die Frage im Raum steht, ob Pogačar mit einer Minute Vorsprung oder mit zwei gewinnt. Dass es trotzdem nicht als Blaupause für das restliche Radsportjahr taugt, liegt nicht nur am langen Anlauf, bis es rundgeht. Es liegt auch an der Antwort auf die Frage, warum Pogačar all das an diesem Samstag überhaupt auf sich nimmt: Es ist nicht der Kurs, der ihn anlockt. Es ist das Prestige des Rennens.
