Die Prager deutsche Literatur hat einen ganzen Sternenhimmel an Dichtern hervorgebracht. Denkt man spontan an Rilke und Kafka, so gab es doch weit mehr Autoren. Die Anzahl stand in keinem Verhältnis zum Kontext: Zwischen 1900 und 1939 gab es bei einer Bevölkerung von etwa 42.000 Deutschsprachigen, von denen 30.000 Juden waren, etwa hundert Dichter. Das kultivierte, von den Nazis später vernichtete Bürgertum bildete eine ideale Szenerie für diese Glanzleistung. Der Reporter Egon Erwin Kisch fasst die Lage satirisch in einem nach Schillers „Glocke“ formulierten Satz: „Es brodelt und kafkat, es werfelt und kischt.“ Der Schriftsteller Max Brod hat diese Dichter in seinem Buch „Der Prager Kreis“ (1966) vorgestellt, doch es war erst dem Journalisten Jürgen Serke im reichbebilderten Band „Böhmische Dörfer – Wanderungen durch eine verlassene literarische Landschaft“ (1987) beschieden, den vollen Umfang dieser Literatur einem breiteren Publikum vorzustellen. Die „Prager Schule“ zeichnet sich durch einen feinen Stil und formale Meisterschaft, durch Sinn fürs Groteske, aber auch eine intensive Gefühlswelt aus. Zur letzten Generation dieser Gruppe, den Exil-Pragern, zählt der 1907 in Prag geborene und 1949 in New York gestorbene Hermann Grab. Dessen Freund Theodor W. Adorno erkannte das Essentielle von Grabs Werk: Es verbinde Zartheit des Empfindens mit Schaudern vor der Härte der Welt. Als Freund Walter Benjamins im Exil hat Grab in einem Brief an Adorno eines der allerletzten Zeugnisse zu Benjamin geliefert. Mit seiner Prager Umwelt verlor Grab sein Publikum und wurde lange Jahre vernachlässigt. Seine Neuentdeckung verdanken wir dem streitbaren Schweizer Germanisten Walter Muschg, der seinem Schüler Karl Hobi als Dissertationsthema die Beschäftigung mit dem Werk des Autors vorschlug (1969) – Grabs Auffassung des Leids und der allgegenwärtigen Heuchelei des Bürgertums entsprach Muschgs Ideal von Literatur. Dank Hobi wurden einige Texte Grabs der Vergessenheit und gar dem Untergang entrissen. Peter Staengles kundige, aber leider längst vergriffene Edition der literarischen Schriften (S. Fischer Verlag) stellte Grab dann 1985 erstmals den deutschen Lesern vor. Es folgte 1993 die immer noch unentbehrliche Dissertation von Doortje Cramer, die im Anhang etwa siebzig Texte – Briefe, Rezensionen, Vorträge, Prosafragmente und Gedichte – bietet, die nirgendwo sonst zu finden sind. Kurz danach erschienen im Verlag Neue Kritik zwei schöne Bände mit Neuausgaben von Grabs Dichtungen. Die vielen Anläufe zur Wiederentdeckung des Schriftstellers Und nun verfolgt Malte Spitz mit seinem Buch „Schreiben in der Diaspora“ einen kühnen Ansatz, der es erstmals unternimmt, Grab im Geiste der jüngsten Exilforschung zu würdigen. Nach langjähriger Arbeit und einem halben Dutzend Publikationen, darunter der Edition des Briefwechsels zwischen Adorno und Grab, legt Spitz eine definitive Studie vor: Erst sein Buch wird Grabs Vielseitigkeit gerecht und reiht ihn als Zeitgenosse Adornos und Benjamins in die Kultur seiner Zeit ein. Mit klarem Blick analysiert Spitz die Leistung Grabs als Soziologe und Kritiker, als Dichter und Musiker. Das Milieu in Prag und im US-Exil fasst Spitz umfassend. Besonders gute Dienste leistet er in seiner Analyse von Grabs Kritik an Max Weber: Dessen Begriff der Rationalität war für Grab irrational. Grab stellte damals den „Umsturz der Werte“ fest; nun ging es ihm um ein „Wiedererrichten der Weltordnung“. Damit nahm Grab zentrale Einsichten von Horkheimer und Adornos „Dialektik der Aufklärung“ (1942) vorweg. Zugleich reihte er sich neben Ernst Robert Curtius in die frühe deutsche Proust-Rezeption ein. Für Grab war Prousts Welt ein brennendes, von den Flammen illuminiertes Haus. Schon 1933 erkannte er mit Bezug auf die Erkenntnisse des später in Buchenwald gestorbenen Benjamin Crémieux die Bedeutung des Judentums für Proust. Wohl mit Recht begreift Spitz den Proust-Vortrag als Grabs Antwort auf den Aufstieg des Nationalsozialismus. So rückt er wohl zum ersten Mal die politische Brisanz von Grabs Schaffen ins Blickfeld. Musikalische Struktur als Grundzug des literarischen Schaffens Schon Klaus Mann verstand, inwiefern Grabs Stil von Proust abhing. Wenn der Anfang des ersten und einzigen Romans, „Der Stadtpark“ (1935), erzählt, wie Licht ins Haus hineinflutet, fühlt man Prousts Anschauungsweise. Wie Proust ist Grab ein „Nervenmensch“, der in einer ganzen Kaskade von Bildern die Welt des jüdischen Großbürgertums beleuchtet. Die Diskrepanz zwischen der Auffassung des Kindes Renato und der Mechanik der Welt löst die bis zum Ende nicht nachlassende Spannung der Handlung aus. Wie bei Musil wiederum beruhen diese Einsichten auf der Erkenntnistheorie des in Prag lehrenden Physikers Ernst Mach, wobei das eigentliche Motiv hier das wachsende Sensorium des Kindes darstellt. Die Struktur des Romans ist wie so oft bei Grab musikalisch und folgt den Regeln der Sonate: von der Exposition über die Durchführung zur Reprise, gefolgt von einer kurzen Coda. Dabei steht das Buch thematisch in der Tradition der Jugenderzählung von Thomas Manns „Tonio Kröger“ und Musils „Törless“, wenn es das angehende Sexualleben eines Jugendlichen evoziert. Vieles bleibt in der Schwebe, während die Innen- mit der Außenwelt in einer Reihe kristallisierter Momentaufnahmen verschmilzt. Grab bevorzugte die Sonatenform auch in seiner Kurzprosa, etwa in „Die Mondnacht“, in der er die bürgerliche Kulturindustrie im Ersten Weltkrieg liebevoll persifliert. Grabs Tätigkeit als Musiker und Kritiker wird bei Spitz erstmals gewürdigt. Von 1932 bis 1938 verfasste Grab mehr als 200 Zeitungsartikel für das „Prager Montagsblatt“ sowie sechzehn Radioessays. Ferner haben sich neun Vorträge erhalten. In diesen Texten zeigt sich Grab weitaus schärfer und bissiger als in der Kurzprosa. So verpönt er die „Massivierung des Lebens“ und lästert gegen den Aufstieg der Schallplatte: Sie sei das „banalste Bestandsstück des Filmidylls des Weekendtraums“. Hier glaubt man die Stimme seines Freundes Adorno zu hören. Als Grab im Sterben lag, schrieb ihm Adorno einen erschütternden Brief: „Ich muß Dir sagen, wie gern ich jetzt bei Dir wäre, mich zu Dir ans Bett setzte … Alle meine Gedanken und innigsten Wünsche sind mit Dir.“ Besonders zu begrüßen sind die bislang unbekannten Abbildungen, unter ihnen ein ergreifendes Foto vom Dichter mit seiner Frau Blanche, die in der früheren Forschung zu kurz gekommen ist, sowie ein bewegendes Bild von Grab an seinem Instrument in New York. Mit Spitz erhält die Forschung zu Grab eine feste Basis, von der seine Einreihung in die Literaturgeschichte zu erhoffen ist. Möge diese Rezension die Entdeckung von Grab in Deutschland anregen wie auch eine Gesamtausgabe der Werke und Briefe. Erst durch eine solche Wiedergutmachung wird man Grab als Meister der Moderne endlich die ihm gebührende Stelle verschaffen. Malte Spitz: „Schreiben in der Diaspora“. Der Autor und Musiker Hermann Grab zwischen Prag und New York. Edition text+kritik, München 2026. 375 S., Abb., geb., 39,– €.
