FAZ 19.09.2026
11:14 Uhr

Pop-Anthologie: Humpe & Humpe: Das ist alles genau so passiert


Wie erfindet man sich nach der Neuen Deutschen Welle neu? Annette und Inga Humpe beschreiben in dem Song „Don’t know where I belong“ einen Roadtrip zurück zum Ich.

Pop-Anthologie: Humpe & Humpe: Das ist alles genau so passiert

1985 erschien der Song „Don’t know where I belong“ der Geschwister Inga und Annette Humpe auf ihrem Album „Humpe•Humpe“. Annette war mit der Band Ideal und Hits wie „Berlin“ oder „Blaue Augen“ einer der größten Stars der Neuen Deutschen Welle (NDW) gewesen. Gemeinsam hatten die Schwestern 1983 mit der deutsch-österreichischen Band DÖF einen der letzten großen NDW-Hits mit „Codo … düse im Sauseschritt“. „Don’t know where I belong“ ist ein Song über Orientierungslosigkeit, über die Flucht vor der Vergangenheit und die Suche nach Heimat und Identität. 1985 war die NDW endgültig vorbei. Die Stars der Neuen Deutschen Welle verschwanden wie auf den Meeressaum gezeichnete Gesichter im Sand. Exemplarisch dafür steht der Untergang des NDW-Flaggschiffs Trio im September 1985 mit dem Film „Drei gegen drei“ und dem Album „What’s the Password“, bei dem die Humpes an einigen Songs mitgewirkt hatten. Das ganze Projekt war ein Schiffbruch fast ohne Zuschauer, denn die Aufmerksamkeit des Publikums war längst weitergezogen zu Englisch singenden deutschen Stars wie Modern Talking, Alphaville oder Sandra. Lieber dreckig und punkig oder ein bisschen mehr Glam-Pop? Das Verebben der Neuen Deutschen Welle hatte sich schon 1983 angekündigt. Die ursprünglich aus den verschiedensten Subkulturen aufgestiegenen Stars wie Fehlfarben, Andreas Dorau oder Rheingold waren von trittbrettfahrenden Industrieklonen wie Markus oder Fräulein Menke verdrängt worden. Songs wie „Die Sennerin vom Königsee“ oder „Hohe Berge“ leiteten die Verschlagerung der NDW und damit ihren Untergang ein. 1984 war der deutsche Musikmarkt schließlich übersättigt. Keiner mehr wollte NDW hören oder sehen. Das war auch den beiden Humpes und ihrer Plattenfirma klar. Darum sollten und wollten sie sich als international vermarktbare Stars komplett neu erfinden. Das Konzept für das Album „Humpe•Humpe“ beschreibt Annette Humpe im Gespräch mit dem Autor so: „Es sollte ein Popalbum werden, es sollte auf Englisch sein, und wir wollten mehrstimmig singen.“ In einem Interview mit „Galore“ beschrieben es die beiden so: „Wir waren die deutschen Girls, die es jetzt international bringen sollten.“ Und sie waren fest entschlossen, sich dieser Herausforderung zu stellen, und zwar indem sie sich von allem, was sie vorher gemacht hatten, absetzen wollten. Die Frage war: Wie sollte man als ehemaliger NDW-Star ein solches Album angehen? „Wir mussten uns viele Fragen stellen und uns irgendwie einigen: Welcher ist der schönste Text? Was ist am ehrlichsten? Lieber dreckig und punkig oder ein bisschen mehr Glam-Pop?“, erklärte Inga Humpe im Jahr 2025 der „Frankfurter Rundschau“. Das aus dieser Situation entstandene Album ist ein traumverloren umher tastendes Werk, das auf der Suche nach Orientierung viele magische Momente erzeugt. Einer dieser magischen Momente ist der programmatisch erscheinende Song „Don’t know where I belong“. Das lyrische Ich als griechischer Chor Das von Inga und Annette Humpe gemeinsam geschriebene Lied trägt das Gefühl von melancholischer Verlorenheit schon in seiner Komposition. Die Strophe beginnt mit einer ungewöhnlichen, schwer greifbaren Akkordfolge (C–G#–A#–D#–G). Sie bietet dem Ohr keinen sicheren Halt, keinen klaren Ruhepunkt, sondern erzeugt ein Gefühl hilflosen Schwebens und innerer Zerbrechlichkeit. Die Musik klingt, als suche sie selbst noch nach Orientierung. Erst im Refrain findet der Song auf vertrauteres Terrain zurück. Die Harmonie folgt nun einer klassischen Popstruktur (C–Am–Dm–G). Nach der Orientierungslosigkeit der Strophe entsteht so ein Gefühl von Ordnung und Ankommen, fast so, als würde plötzlich der Kompass funktionieren. Und während die Musik Gewissheit signalisiert, heißt es im Text: „Don’t know where I belong / No one belongs to me.“ Die Gewissheit lautet also: Ich weiß nicht, wo ich hingehöre. Eine Gewissheit der Ungewissheit. Aber auch diese „Erkenntnis“ bleibt brüchig. Nach der zweiten Strophe wird der Refrain nicht einfach wiederholt. Stattdessen folgt ein überraschender musikalischer Ausbruch: Die Harmonie gerät erneut ins Schwanken, bevor sie schließlich wieder zum Ausgangspunkt zurückfindet (F–C–Cm–D). Getragen wird der Song von dem somnambul-gefühlvollen mehrstimmigen Gesang der Geschwister Humpe. Während die Strophe größtenteils dreistimmig gesungen wird, entfalten die beiden ganz besonders im Refrain ihr Talent für Chorgesang. Während Inga Humpe die Hook des Refrains singt, unterlegt Annette Humpe, mehrfach aufgenommen, den Refrain mit einer an die Akkordfolge angelehnten, rhythmisch tickenden Gesangsspur. Das klingt, als würde das Unterbewusste des lyrischen Ichs sich als eine Art griechischer Chor versuchen und dabei immer noch wunderschöne Harmonien erzeugen. „Ich schaffe das nicht länger!“ Der englischsprachige Song ist aufgebaut wie ein Roadtrip. Er besteht aus vier Strophen und einem Refrain. Das lyrische Ich in dem von Annette Humpe getexteten Song ist auf der Flucht. In den ersten beiden aufeinanderfolgenden Strophen entschuldigt es sich bei einem „Doctor“, einem Psychotherapeuten, für einen verpassten Termin. Als Grund gibt es an, dass es nicht über die Vergangenheit nachdenken wolle. „Doktor, hörst du mich?“ („Doctor, can you hear me?“), ruft es ihm zu, „Ich schaffe das nicht länger!“ („I can’t make it last.“) Dann berichtet es, dass es um 8 Uhr den Zug nach Köln genommen hat (Anmerkung des Autors: von Berlin aus), weil der Therapeut gesagt habe, es müsse seinen Weg selber finden. Und dann ruft es noch einmal: „Doktor, hörst du mich? Ich lasse die Couch heute aus.“ („Doctor, can you hear me? I skip the couch today.“) Im Refrain wird die Flucht erklärt: „Ich weiß nicht, wo ich hingehöre / Niemand gehört zu mir / Und wenn ich jemanden treffe / bin ich immer uneinig / Ich weiß nicht, wo ich hingehöre / Ich habe alles hinter mir gelassen / Und jedes Mal, wenn ich die Antwort kenne / ändere ich immer meine Meinung.“ („Don’t know where I belong / No one belongs to me / When I meet somebody / I always disagree / Don’t know where I belong / I left it all behind / Just when I know the answer / I always change my mind.“) Die eigene innere Zerrissenheit wird zwar klar erkannt, aber nicht aufgelöst. In den beiden nächsten Strophen geht die Flucht weiter, von Köln nach Rom. Von dort aus ruft das lyrische Ich spätnachts seine Eltern an. Der erste Gesprächspartner ist die Mutter Leni: „Ich hoffe, dir und Papa geht es gut?“ („Hope you and Dad are well?“) Auch mit den Eltern hat es eine Verabredung verpasst und entschuldigt sich mit der gleichen Begründung wie beim Therapeuten: „Ich konnte nicht über die Vergangenheit sprechen.“ („I couldn’t speak about the past.“) Dann wendet es sich an seinen Vater Helmi: „Ich schaffe das nicht länger!“ („I can’t make it last.“) „Ich schreibe immer über mich“ Dieser Roadtrip ist keine Erfindung. „Das ist alles genau so passiert“, erzählt Annette Humpe im Gespräch. „Ich habe den Termin mit meinem Therapeuten abgesagt, ich habe die Verabredung mit meinen Eltern abgesagt und bin mit dem Zug nach Köln gefahren, um wegzukommen, und später dann weiter nach Rom, um irgendwo zu sein, wo ich noch nicht war.“ Sie habe damals einfach nicht mehr gewusst, wer sie sei und was sie wolle. Auch die Vornamen ihrer Eltern im Song seien die tatsächlichen Namen ihrer Eltern. „Ich schreibe immer über mich.“ Popsongs enthalten immer auch ein Identifikationsangebot an ihr Publikum. Sie sind offene Kunstwerke, offen für Bedeutungen, die über die Absicht ihres Autors hinausgehen. „Don’t know where I belong“ beschreibt eindringlich ein universales Gefühl von Entfremdung, Verlorenheit und der Suche nach Zugehörigkeit. Damit ermöglicht der Song seinem Publikum, die Leerstellen des Textes mit eigenen Erfahrungen zu füllen und das Gefühl zu erzeugen, „als wäre der Song über mich“. Gleichzeitig kann ein solches offenes Kunstwerk durch seinen historischen Kontext mit einer Bedeutung aufgeladen werden, die über den persönlichen Anlass hinausweist. „Don’t know where I belong“ lässt sich im historischen Kontext des Untergangs der NDW auch auf eine Generation von Musikern übertragen, die nach dem Ende der Neuen Deutschen Welle nach einem neuen musikalischen Ort suchte. Das war nicht mehr die Welt der Humpes Köln und Berlin waren zwei der Zentren dieser kurzen, intensiven musikalischen Bewegung. Im Song sind sie zunächst Stationen einer persönlichen Flucht. Im Rückblick bekommen sie jedoch eine zweite Bedeutung: Sie erinnern an einen musikalischen Kosmos, der gerade dabei war zu verglühen. In dieser Lesart erzählt der Song keine Reise durch Europa, sondern eine Reise durch verlorene Zugehörigkeiten. Mit dem Verschwinden der NDW verschwand auch der Resonanzraum für die Musik, die die Humpes bisher gemacht hatten. Die Welt der neuen deutschen Stars wie Modern Talking oder Sandra war nicht die Welt der Humpes. Wie also weitermachen? Davon erzählt auch die Produktionsgeschichte des Albums. Die Humpe-Schwestern suchten nicht nur nach neuen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten, sondern auch nach einer neuen musikalischen Heimat. Der damalige Starproduzent Conny Plank erschien ihnen dafür als der ideale Partner. Er nahm mit den beiden fünf Songs für das Album auf. Doch die Suche führte sie auch zu der aus New York stammenden Produzentin Roma Baran, die fünf weitere Songs des Albums produzierte. Baran war bekannt für ihre experimentierfreudigen Klanglandschaften und wurde mit Laurie Andersons Album „Big Science“, das den Hit „O Superman (For Massenet)“ enthält, zu einer der wichtigsten Produzentinnen der Achtzigerjahre. „Don’t know where I belong“ stammt aus ihrer Produktion. Zwischen Aufbruch und Verlorenheit Der Song versammelte Musiker aus unterschiedlichen musikalischen Welten. Der Amerikaner Jimmy Bralower programmierte die Drumcomputer, nachdem er mit Hits von Madonna und Duran Duran zu einem der gefragtesten Studiomusiker der Achtzigerjahre geworden war. Die filigrane Gitarre spielt der Brite Simon Jeffes, der mit seinem Penguin Cafe Orchestra Klassik, Folk, Minimalismus und Pop miteinander verband. Sein zärtlich verzagtes Gitarrenmotiv verbindet die erste Refrainpassage mit der zweiten Strophe und erzeugt einen kurzen Moment des Innehaltens, bevor die Reise weitergeht. Den gedehnten Bass spielt die Amerikanerin Carol Colman, die zur Liveband von Kid Creole and the Coconuts gehörte. Das ängstlich zitternde „Toy Keyboard“ schließlich stammt von dem Briten Martin Gore, dem Komponisten, Keyboarder und Sänger von Depeche Mode. „Wir kannten die Jungs von Depeche Mode schon“, erzählt Annette Humpe im Gespräch. „Als wir in den Hansastudios in Berlin gerade ‚Don’t know where I belong‘ aufgenommen haben, haben die gerade nebenan an ihrem Album gearbeitet, und wir haben einfach gefragt, ob Martin nicht Lust hätte, bei dem Song Keyboard zu spielen.“ Dieses Ensemble aus verschiedenen Ländern und musikalischen Traditionen erzeugte genau die Atmosphäre, die der Song brauchte, einen Klang zwischen Aufbruch und Verlorenheit, zwischen Suche und Nichtankommen. „Humpe•Humpe“ und die daraus ausgekoppelten Singles konnten nicht an den Erfolg von „Blaue Augen“ oder „Codo“ anknüpfen und blieben kommerziell hinter den Erwartungen zurück. Ein Schiffbruch, aber immerhin einer mit Zuschauern. Das Album erreichte Platz 19 in den Charts und hielt sich dort für sechzehn Wochen. „Humpe•Humpe“ war der ambitionierte Versuch, nach dem Verlust der alten Heimat eine neue musikalische zu finden. Vielleicht liegt gerade darin die schimmernde Schönheit dieses Projekts, dessen dunkel leuchtender Kern „Don’t know where I belong“ ist. Es bewahrt den Moment der Suche, den Versuch, weiterzugehen, obwohl der Weg verschwunden ist. Und auch wenn sich „Humpe•Humpe“ nicht als der erhoffte Neuanfang erwies, ist seine künstlerische Qualität nicht von der Hand zu weisen. Nach dem 1987 erschienenen zweiten Album „Swimming with the Sharks“ beendeten die Schwestern ihr gemeinsames Projekt. Erst in den Neunzigerjahren fand jede für sich ihren eigenen Sound. Annette Humpe als Komponistin, Produzentin und kreativer Kopf von „Ich + Ich“, Inga Humpe mit dem Duo „2raumwohnung“, mit dem sie den Sound fand, nach dem sie gesucht hatte.