Die Nische, sie ist unheimlich wichtig. Für das Sofa auf dem Computerbildschirm, aber auch für Sebastian Sinn ganz generell. „Wir bauen ja Möbel, die nur ein einziges Mal gebaut werden. Und dann nie wieder“, sagt er. Deshalb ist der Zeichnungsprozess im 3D-Modell am Bildschirm so wichtig, jedes Maß muss für die Fertigung sitzen. Wie das Sofa hier, das auf einem Schiff von 85 Meter Länge in eine kleine Nische kommt, vermutlich aus Stein. Das muss exakt passen. Die Zeichnung im 3D-Modell erlaubt es, dass alle Sonderwünsche in der Planung schon gut sichtbar werden: der Stauraum unter dem Sofa – wichtig, wenn es stürmisch wird auf der Atlantikquerung –, die kabellosen Smartphone-Ladestationen oder die Steckdosenaussparung an der Ecke. Sinn Living richtet Yachten ein, mit Einzelstücken. Und zwar die richtig großen, die Arbeit von Sinn und seinen Beschäftigten beginnt erst von einer Länge von 85 Metern an. Das größte Schiff hatte 166 Meter, gerade entstehen hier in den Hallen im westfälischen Stemwede auch Möbel für ein Segelschiff, dessen Mast allein 98 Meter hat. Die Kunden sind Unternehmerinnen, Schauspieler, Erben, allesamt sehr reiche Menschen – und sie legen Wert auf Diskretion. Sinn: „Jeder hat seinen eigenen Hintern“ „Unsere wichtigste Referenz ist, dass wir sehr verschwiegen sind und dass es am Ende immer genauso läuft, wie es sich die Kunden vorstellen und sie sich wohlfühlen“, sagt Sinn. Manche Kunden sieht der Unternehmer nach eigenen Aussagen nie, die schicken nur Vertreter. Andere legen großen Wert darauf, selbst zu testen. Was aus seiner Sicht auch wichtig ist. „Jeder hat seinen eigenen Hintern“, sagt Sinn. „Ich kann den Leuten ansehen, wenn die sich hinsetzen, ob es bequem ist.“ Und dann werde besprochen, was man ändern könne. Manche Designer machen die Rückenlehne eher kurz, damit es im Raum möglichst wenig störende Optik gibt. „Aber manchmal muss es eben größer sein, weil der Eigner vielleicht fast zwei Meter groß ist“, sagt Sinn. So etwas wird alles getestet mit den Mock-up-Varianten der Sofas und Sessel, einem ein Meter langen Dummy-Stück zum Probesitzen. Vom Arbeitsplatz in der Produktionsplanung können die Mitarbeiter durch ein Glasfenster direkt in die Werkstatt schauen. Dort wird gewerkelt, ein Polster getackert, Springfedern justiert, ein Sofabezug aufgespannt und Stuhlbeine montiert. Sebastian Sinn zeigt auf zwei Holzgestelle. Die werden bald mit Polstern bezogen. „Die stehen rechts und links vom Steuerstand, dann stimmen wir mit dem Kapitän ab, wie fest das Polster sein soll“, sagt er. Das kleine Familienunternehmen ist ein wichtiger Zulieferer im Entstehen einer Superyacht, die von der Werft über Designer bis zu den Ausstattern reicht. Zehn bis fünfzehn andere Unternehmen, die ähnlich viele Möbel für solche Schiffe machen, gibt es in Europa, schätzt Sinn. Aber natürlich zahlreiche kleine Handwerksgewerke, die ebenfalls Einzelstücke zuliefern. Rund 80 Prozent des Umsatzes von zuletzt 4,75 Millionen Euro kommen aus dem Projektgeschäft. Und davon der Großteil aus Möbeln für Yachten. Manchmal richtet Sinn aber auch Apartments und Villen ein, das sind dann tendenziell dieselben Kunden. „Wenn du die Sachen gut machst, bleibst du im Kopf“, sagt Sinn. Möbel-Hochburg Ostwestfalen Nur noch ein Fünftel des Geschäfts kommt aus dem Handel, dem Ursprung des Polsterers. Ostwestfalen ist eine Möbel-Hochburg, auch Sinns Großvater hat im Jahr 1967 mit der „Firma Hans Sinn“ als Handelslieferant angefangen. Hans Sinn war auch schon ein pfiffiger Geschäftsmann, der 1970 den damals größten Sessel der Welt gebaut hat und damit ins Guinness-Buch der Rekorde einzog. 400 Kilogramm schwer, 2,65 Meter hoch und mehr als zwei Meter breit. Das Ausstellungsstück steht heute noch auf dem Weg zum Showroom von Sinn Living, damals verlieh das Unternehmen den Sessel an gute Kunden für deren Ausstellungsmessen. Mehr als 140.000 Transportkilometer hat der Riesensessel zurückgelegt. Matthias Sinn führte das Handelsgeschäft weiter, der Unternehmer wohnt gleich nebenan in der alten Schule, sein Sohn Sebastian ist praktisch in den Werkshallen aufgewachsen. Sinn senior, 70 Jahre alt, streift noch häufig durch die Hallen und hilft mit, wo er kann. Bringt seinen Erfahrungsschatz ein, wenn es um das Tüfteln geht, beim Leder oder neuen Stoffen. Die Nische aber, die hat Sebastian Sinn gefunden. Als er anfing als Geschäftsführer, arbeiteten 23 Menschen für das Unternehmen, aktuell sind es 41. Fünf davon sind Auszubildende, das Familienunternehmen hat schon mehrere Preise für seine Ausbildungsqualität bekommen. Dass Sinn, heute 47 Jahre alt, im Familienunternehmen anfängt, war nicht ausgemacht. Er hat zehn Jahre für den Glücksspielfabrikanten Gauselmann gearbeitet, der nicht weit entfernt seinen Sitz hat. Nach der Ausbildung hat Sinn auch im Ausland gearbeitet. 2007 wurde er Geschäftsführer im Familienunternehmen. Damals war es schon schwieriger geworden mit dem Handelsgeschäft. Vor dreißig Jahren hatte das Unternehmen noch gut 100 Kunden in Deutschland, kleinere und größere Möbelhäuser. Damals gab es ungefähr 30 solche Unternehmen wie Sinn Living allein in der Region. Heute ist nur eine Handvoll übrig geblieben. Den Markt bestimmen große Möbelketten wie XXXLutz mit mächtigen Einkaufsverbänden. Mit einem kleinen Auftrag ins Yachtgeschäft „Ich hab von Anfang an keinen Bock auf dieses Thema mit diesen Einkaufsverbänden gehabt und auf diese großen Läden“, sagt Sinn. „Wahrscheinlich ticke ich einfach ein bisschen mehr hin zum eher Komplizierten, anstatt jetzt so einen einfachen Vertrag zu machen für tausend Sofas von einem Modell.“ Im Handelsgeschäft arbeitet Sinn seit mehr als zwanzig Jahren mit Manufactum zusammen, wo die handgefertigten Sofas eher 8000 Euro statt 1000 Euro kosten. Die traditionelle mittelständische Möbelindustrie leidet unter dem harten Wettbewerb aus China und den Onlineversendern. Ein Ohrensessel für 189 Euro inklusive Mehrwertsteuer mit mehreren Zwischenhändlern, Logistik- und Materialkosten – da kann nicht viel Qualität drinstecken, findet auch Sinn. Der Einstieg ins Yachtgeschäft kam mit einem kleinen Auftrag. „Qualität spielt die allergrößte Rolle, das spricht sich rum“, sagt Sinn. Von 2008 an hat er ein Netzwerk aufgebaut zu Designern und Kunden. „Die steigen aus dem Auto aus und sagen: ‚Wie geil, wir haben ein Industriegebiet erwartet und ihr sitzt hier mitten in den Feldernʻ“, sagt Sinn. Alles an dem Unternehmen strahle den Stellenwert des Handwerks aus: Stoffreste oder was der Lasercutter vom Leder als Ausschuss übrig lässt, werden an der Nähmaschine zu kleinen Kissen verarbeitet. Die wiederum werden auf Plattformen wie Etsy oder dem Weihnachtsmarkt in kleinen Stückzahlen vertrieben. Auch mit solchen Aktionen in der Nachbarschaft macht Sinn auf sich aufmerksam, um Auszubildende zu gewinnen.
