Es ist eine schicke Bar, in der sich die Kommissarin Cris Blohm und der Staranwalt August Schellenberg zu einem spontanen Gespräch treffen. Sie vermutet, dass er krumme Geschäfte mit falschen Geständnissen macht, er will nicht entlarvt werden. Sie steht für Gerechtigkeit, was er eigentlich auch sollte. Trotzdem antwortet er, die wäre lediglich „ein Gefühl, ein Konstrukt, eine Idee“. Ruhig sitzen sich die beiden gegenüber und liefern sich dabei argumentativ einen harten Schlagabtausch um nicht weniger als die Grundfesten der Demokratie. Die garantieren etwa, dass vor dem Gesetz alle Menschen gleich sind. Aber „wir beide wissen“, dass dem nicht so ist, verlautet Schellenberg lakonisch. Blohm allerdings will dies nicht akzeptieren. „Ablass“ heißt diese „Polizeiruf 110“-Folge des Bayerischen Rundfunks, die den Rahmen der üblichen Sonntagabendkrimis weit übersteigt und als psychologisches Kammerspiel erster Güte überzeugt. Natürlich geht es um Verbrechen und Aufklärung, doch außerdem werden eindringlich und klug und ohne jede pädagogische Attitüde höchst relevante gesellschaftspolitische Themen verhandelt. Keine Effekthascherei, kein Schielen nach Klickzahlen – der Regisseur Christian Bach konzentriert sich mit seinem eigenen Drehbuch kunstvoll auf die Geschichte und ein fabelhaftes Ensemble, das Johanna Wokalek als Blohm und Tobias Moretti als Anwalt anführen. Ach, der Porsche wird nur so selten benutzt Arm gegen reich, Ohnmacht gegen Macht, Recht gegen Unrecht: Ganz puristisch ist diese Studie über elementare Gegensätze konstruiert – und besticht mit narrativer Logik, plastischen Figurenzeichnungen und ausgefeilten Dialogen. Schon der Anfang lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Nachts wird ein Radfahrer von einem Porsche gerammt und stirbt, der Täter haut einfach ab. Hätte er einen Arzt gerufen, wäre das Opfer zu retten gewesen. Nur wer saß am Steuer? War es wirklich der von Shenja Lacher gespielte arbeitslose, kleinkriminelle Vater, der das Auto gestohlen hat, wie er behauptet? Der Porsche gehört einer wohlhabenden Familie, die ihn erst zwei Tage nach dem Unfall als gestohlen meldet. Man habe den Verlust nicht früher bemerkt, weil man ihn selten benutze, so Victoria Mayer als die extrem hochnäsige Dame des Hauses. Und der Tochter, auf dem Weg zum Studium in den USA, ist er ohnedies „zu prollig“. Wie ist’s mit dem Flüchtling aus Burkina Faso, der wegen fahrlässiger Tötung inhaftiert wurde – nachdem er sich ohne Not freiwillig stellte? In seinem Heimatdorf wird er wegen regelmäßiger Überweisungen als Wohltäter verehrt. Bloß woher stammen seine Einkünfte? Die angeblichen Straftäter schweigen jedenfalls eisern, zu viel haben sie zu verlieren. Indes werden ihre Behauptungen irgendwann für bare Münze genommen, Rachegelüste brechen aus, die Schuld – ob echt oder nicht – verlangt Sühne. Mittendrin ist Cris Blohm wie Jeanne d’Arc auf der Suche nach der Wahrheit – koste es, was es wolle. Am Schluss landet symbolisch nicht sie auf dem Scheiterhaufen, sondern das Strafgesetzbuch. „Was wissen Sie von Gerechtigkeit?“, blafft sie Yoli Fuller als der afrikanische Geflüchtete an: Denn wäre das Leben gerecht, würde seine Familie nicht in Dreck und Armut stecken. Mit minimalem darstellerischem Aufwand, wie einem ungläubigen Blick, einem angetäuschten Lächeln, einer kurz verschärften Modulation in der Stimme sorgt Johanna Wokalek in ihrem fünften Münchner „Polizeiruf“ für intensiv durchgehaltene Spannung und das faszinierende Rollenprofil einer mutigen, unbeirrten, zugewandten Polizistin. Stephan Zinner als ihr Kollege Dennis Eden ist ein souveräner Spielpartner, bodenständig, etwas behäbig, aber im Zweifelsfall entschlossen an ihrer Seite. Doch gegen den jovial abgefeimten, unterschwellig bedrohlichen Strafverteidiger hat es selbst dieses belastbare Ermittlerpaar schwer. „Irgendwann wird Schellenberg einen Fehler machen“, tröstet Eden sie beide, als sie ihm nichts nachweisen können, und das klingt wie: Im Himmel wird er schon seine Strafe kriegen. Erzählt wird dieser beklemmend realitätsnahe Krimi mit seinem offenen Ende in konzentrierten Bildern meist ohne Farbe, als wolle der Kameramann Namche Okon auch optisch zeigen, dass aus dieser Geschichte die Hoffnung verschwunden ist. Das Setting ist oft leicht nebelig, die Konturen der Gegenstände sind verschwommen, die Lippen bleich. Besser kann man über die heutigen Grauzonen der Gerechtigkeit nicht sprechen. Manchmal wächst das öffentlich-rechtliche Fernsehen tatsächlich über sich hinaus. Dann wird es Filmkunst mit Verantwortung. Der Polizeiruf 110: Ablass läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.
