FAZ 05.10.2026
14:58 Uhr

„Parsifal“ in London: Erlösung im Blutbad


Es ist erst die zweite Wagner-Oper, die der Musikdirektor der Covent-Garden-Oper in Angriff nimmt. Aber der „Parsifal“ ist, obwohl sich die Regie einmal selbst ein Bein stellt, ein großer Wurf.

„Parsifal“ in London: Erlösung im Blutbad

Evgeny Titov redet nicht um den heißen Brei herum. Vor seinem Debüt an der Londoner Covent-Garden-Oper ließ sich der in Kasachstan geborene Regisseur, dessen Blitzkarriere in der Opernwelt vor sechs Jahren in Wiesbaden begann, über den alten Konflikt zwischen dem „abstoßenden Narrativ“ von Richard Wagners „Parsifal“ und der betörend schönen Musik aus. Titov reiht das Bühnenweihspiel mit Michelangelos Sixtinischer Kapelle und Bachs Matthäuspassion in jene Genieschöpfungen der westlichen Kultur ein, die den „hässlichen Gedanken“ verewigten, der die Gleichstellung der Geschlechter vereitle: dass Eva die Trägerin der Erbsünde sei und alles Schlechte in der Welt vom Biss in den Apfel herrühre, zu dem sie Adam bewog. „Parsifal“ sei mit dem Bild des reinen Mannes und der von Kundry verkörperten Frau, die ewig büßen müsse, weil sie den gekreuzigten Jesus verlacht habe, die Quintessenz dieses von Männern erfundenen Deutungsmusters. In seiner Londoner Inszenierung veranschaulicht Titov die Schuld, die Kundry zum rastlosen Wandern durch die Zeiten verdammte, mit einer Folge von animierten Altmeisterwerken, beginnend mit Cranachs „Sündenfall“. Auf einer Montage aus etlichen Bildschirmen nach der Art von Nam Jun Paiks Video-Installationen flimmern in der Luxus-Wohnung, in der sich Klingsor mit dem in einer Vitrine aufgehobenen Heiligen Speer wie ein James-Bond-Schurke verschanzt hat, Collagen berühmter Renaissance-Gemälde der Passionsgeschichte. Immer wieder treten Darstellungen auf, mit denen Titov sein Argument untermauert, dass auch die Malerei mit Bildern des über allem ragenden Christus, in denen die Frau stets „unten, unten, unten“ sei, das misogyne Narrativ bekräftigt habe. Nichts ist in Ekatarina Gubanovas fesselnder Verkörperung der Kundry denn auch so stechend wie die einzigen Worte, „dienen…dienen“, die sie im letzten Akt in ihrer Gestalt der reuigen Sünderin austößt, als wöge die ganze Last ihrer Schuld und ihres schrecklichen Leidens auf ihnen. Amfortas hat akute Schmerzen Titov entwirft das Bild einer morbiden Männergesellschaft in einer postapokalyptischen Welt, die in der Bühnen- und Kostümausstattung von Etienne Pluss und Esther Bialas durch die Verschmelzung von mittelalterlich angehauchter Sciene-Fiction und gegenwärtigem Streetstyle mit Anklängen an Margaret Atwoods theokratischer Distopie, „Der Report der Magd“, „in der Zeit und außerhalb der Zeit“ angesiedelt ist. In die Düsternis des von gewaltigen Betonsäulen getragenen Tiefbunkers bricht der arglose junge Mann ein, von dem die Gralstitter hoffen, er sei der reine Tor, der ihren an seiner unheilbaren Wunde siechenden König Amfortas durch wissendes Mitleid erlösen könne. Wegen der akuten Schmerzen, die jedes Mal beim Abendmahlsritual aufflammen, weigert sich Amfortas zusehends, das Amt des Gralsenthüllers auszuführen. Ohne das göttliche Licht, das der Brüderschaft Kraft und Erneuerung spendet, siecht auch sie dahin. Der angeschossene Schwan, der den tumben Jäger zu dieser maladen Gemeinschaft geführt hat, windet sich in Spiegelung des Leidens von Amfortas in agonalen Zuckungen. Titov betont die Unerträglichkeit der von Christian Gerhaher mit intensivem Klang und Ausdruck grandios vermittelten seelischen und psychischen Qual, indem er das Metaphysische auf schockierende Weise greifbar macht und  die blutende Wunde als Gral herhalten lässt. In der suggestiven Rembrandt-Beleuchtung D.M. Woods wird der mit Lendentuch und symbolischer Dornenkrone wie Christus aufgemachte Gralskönig an eine Art von antikem Zahnarztstuhl gespannt, während die Gralsbrüder der Reihe nach ihren Becher mit seinem Blut füllen. Kann das Licht eine Lüge sein? Mit diesem eindringlichen Einfall stellt sich die Regie allerdings ein Bein, das der Inszenierung in der Auflösung zu einem Text und Sinn widersprechenden Verhängnis wird. In Titovs „Parsifal“ gibt es weder Gral noch Schrein. Es geschieht kein helles Wunder. Erlösung, wenn es denn eine ist, kommt in der Form eines Blutbades, nach dem sich der vermeintliche Retter in der Fötuslage geknickt unter der Bahre verkriecht, auf der Amfortas neben der Leiche aufgebahrt ist. Covent Garden hatte diesen „Parsifal“ mit Plakaten beworben, auf denen stand: „Was, wenn das Licht eine Lüge ist?“ Das hat sich eher als Verheißung denn als Spekulation erwiesen. Dennoch ist der Regie eine elementare Kraft nicht abzustreiten, die in der nuancierten Charakterentwicklung ebenso liegt wie in der virtuosen Bespielung des Raumes. Beklemmend, wie der von William Spaldung meisterhaft geleitete Chor Amfortas mit der Ermahnung, seines Amtes zu walten, klaustrophobisch auf den Leib rückt. Hervorragend auch die Entwicklung des in seinem Rollendebüt mit mühelos strahlendem Tenor überzeugenden Stanislas de Barbeyrac vom naiven Jüngling zum mitfühlend wissenden Menschen. Wie ein Säugling zur  Brust geführt Dabei muss er es über sich ergehen lassen, dass die mit silbernen Hotpants, fetischistischen Busenprotesen und Glatzenkappen aufgemachten Blumenmächen ihn bis auf die Boxershorts ausziehen, während die ihn mit Erinnerungen an die Mutter manipulierende Kundry, die mit ihren phänomenalen Oktavsprüngen beeindruckt, ihn wie ein Säugling an ihre Brust führt. Mark Stone gibt Klingsor mit charaktervollem Bariton. Dass er in seiner karikaturhaften Darstellung eines Herrschsüchtigen eher komisch als dämonisch wirkt, liegt wohl an der Regie. Mit der Einführung einer Schaar von süßen kleinen Mädchen in kitschiger Partykleidung, die Anwärterinnen für die Rolle der verführerischen Blumenmädchen zu sein scheinen, werden ihm pädophile Züge angedichtet. Brindley Sherratts schwermütig souveräner Gurnemanz besticht mit klarer Artikulation und warmen Basstönen. Überhaupt zeichnet sich diese hochkarätig besetzte Aufführung bis in die kleinsten Partien durch vorzügliche stimmliche Leistungen aus. Das allergrößte Lob gebührt Jakub Hrůša, der das Orchester mit einem wunderbar fließenden Strom differenzierter Klangfarben, nicht zu schnell und nie zu langsam, zur Höchstform auflaufen lässt. „Parsifal“ ist erst die zweite Wagner-Oper, die der Musikdirektor von Covent Garden in Angriff nimmt. Dieser große Wurf macht umso gespannter auf den vollständigen Zyklus der Barrie-Kosky-Inszenierung vom „Ring des Nibelungen“ in der nächsten Spielzeit.