Schluss mit stundenlangen Vorlesungen, Mensa-Essen und abendlichem Lernen für Klausuren. Um sich bei Kickers Offenbach voll auf seine Chance zu konzentrieren, hat der Neuzugang Benedikt von Hagen sein Medizinstudium vorerst pausiert. Statt Präparier-Kurs und Klinik stehen für den 1,91 Meter großen Mittelstürmer nun Regionalliga-Fußball und mit dem OFC an diesem Samstag das erste Saison-Heimspiel gegen den FC-Astoria Walldorf auf dem Programm (14 Uhr). Doch was bewegt einen jungen Menschen, der gerade seine Doktorarbeit schreibt, dazu, den Traum vom Spitzensport zu verfolgen? Die Antwort liegt in seiner Zeit bei Rot-Weiss Walldorf. Erster Anlauf beim OFC endete nach einem Jahr Mit dem Fußball begann von Hagen im Kindesalter. Gemeinsam mit seinem Bruder spielte er auf dem Bolzplatz. Den Anstoß gab sein Vater, der selbst in der Volleyball-Bundesliga antrat und die Meinung vertrat, dass jeder Junge einmal Fußball gespielt haben sollte. Später durchlief von Hagen die Walldorfer Jugendmannschaften bis zur U 19. Sein Ziel: irgendwann für die erste Mannschaft in der Hessenliga aufzulaufen. Seine Eltern standen währenddessen hinter ihm – erinnerten den Junior aber stets daran, dass der Fußball ein Geschäft ist, auf das er nicht sämtliche Hoffnungen setzen sollte. Gesagt, getan. Mit guten schulischen Leistungen hielt sich von Hagen alle Optionen offen. Seine Freundin brachte ihn nach dem Schulabschluss auf die Idee, Medizin zu studieren. Als er 2021 zur U 19 der Kickers wechselte, knüpfte er diesen Schritt an eine Bedingung: Sein Studienplatz müsse in der Nähe liegen. Im Laufe seines Studiums legte sich von Hagen darauf fest, dass er sich später beruflich auf Augenheilkunde oder Sport- und Unfallchirurgie spezialisieren möchte. Bei den Offenbachern spielte er in der Junioren-Bundesliga – eine Erfahrung, an die er gerne zurückdenkt: „Das war richtig cool, und ich habe es genossen.“ Das Engagement bei den Kickers endete abrupt. Nach seinem Jahr bei den Junioren fehlte ihm ein Gespräch über seine Zukunft. Für ihn war damit klar, dass er sich nach einer neuen Möglichkeit umsehen musste. Von Hagen entschied sich für den Schritt in den Herrenbereich bei RW Walldorf. Nach einer Eingewöhnungsphase setzte er sich durch. Dann stoppte ihn ein Kreuzbandriss. Die Verletzung zwang ihn zu einer längeren Pause. Während er in der Reha an seiner Rückkehr auf den Fußballplatz arbeitete, konzentrierte er sich zugleich stärker auf sein Medizinstudium. 57 Torbeteiligungen in 72 Partien für RW Walldorf Vier Jahre später, in diesem Sommer, führte ihn der Fußballweg zurück nach Offenbach, nachdem aus dem ehemaligen Nachwuchskicker ein etablierter Hessenliga-Angreifer mit 57 Torbeteiligungen in 72 Spielen geworden war. Die Erinnerung daran, wie es zum Wiedersehen kam, bringt von Hagen zum Lächeln, als er beim Gespräch im T-Shirt im leeren Stadion am Bieberer Berg sitzt und über die Tribünen blickt. Martin Pieckenhagen, der Geschäftsführer Sport der Kickers, ehedem ein veritabler Bundesliga-Torwart, habe den Kontakt zu ihm aufgebaut, berichtete er, aus dem sich die Einladung zu zwei Probetrainings ergab. „Da war ich schon nervös“, sagte von Hagen. Der erste Versuch verlief noch nicht zufriedenstellend, der zweite dagegen deutlich besser. So gut, dass die Kickers ihn anschließend verpflichteten. Siebenmal pro Woche trainierte von Hagen zuletzt am Bieberer Berg. Sein Studium hat er dafür vorerst pausiert. Die Entscheidung fiel ihm nach eigener Aussage nicht schwer: Die Chance, sich bei den Kickers zu beweisen, möchte er nutzen. „Niemand hier spricht aktiv vom Aufstieg“ Unterdessen veränderte sich sein Alltag. Während seine Kommilitonen mit dem 100-Tage-Lernplan für das zweite Staatsexamen beschäftigt waren, blieb von Hagen mehr Freiraum für andere Dinge. Statt Bücher aufzuschlagen, ging er ins Kino und schaute sich den neuen Spider-Man-Film an. Bei seinen Mannschaftskollegen heißt er wegen seiner Vorliebe für Hafermilch „Hafer“. Der Wechsel zu den Kickers ist für ihn ein bewusster Schritt und zugleich ein gewagter. Die Offenbacher haben eine schwierige Phase hinter sich, die beinahe im Abstieg in die Hessenliga geendet hätte. Trotzdem nimmt der 23-Jährige eine Aufbruchsstimmung wahr, wie er sagte. Der Klub setze sich zudem andere Ziele als in der Vergangenheit: „Niemand hier spricht aktiv vom Aufstieg“, sagte von Hagen. Das hält er aber auch für den richtigen Ansatz. Erstes Ziel sei ein guter Start. An diesem Samstag beginnt für ihn das neue Kapitel. In den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob sich sein Wagnis auszahlt.
