Die Einflüsse des japanischen Nō-Theaters sind vielfältig. Diese hochgradig stilisierte traditionelle Kunstform, die seit dem 14. Jahrhundert besteht, hat auf maßgebliche Figuren der europäischen Moderne Eindruck gemacht – vor allem auf jene, die sich von einem naturalistischen Kunstbegriff abwenden wollten: Brecht fand im Nō ein Modell für seine Lehrstücke, Beckett verwies in einem Manuskript zu „Warten auf Godot“ auf dessen reduzierte Gesten, und David Byrne erwähnte einmal, die Idee für seinen ikonischen Oversize-Anzug direkt aus dessen ästhetischem Kosmos entliehen zu haben. Sosehr das Nō ein schillernder Bezugspunkt moderner Visionäre ist, so selten bietet sich hierzulande die Möglichkeit, eine klassische Darbietung tatsächlich zu erleben. Die letzte große Gastspielreise liegt sieben Jahre zurück, damals besuchten die Darsteller der Umewaka-Familie Berlin und Köln. Das vorangegangene Gastspiel lag bereits 15 Jahre zurück. Doch ändert sich das in diesen Tagen. Eine Europatournee der Nō-Theatergruppe des Großmeisters Kanze gibt derzeit Gelegenheit, das traditionelle Musiktheater in seiner überlieferten Form zu erleben. Neben den kommenden Stationen in München, Brüssel und Köln bildete eine beeindruckende Aufführung in der Berliner Philharmonie im Rahmen des „Musikfests“ der Berliner Festspiele den Auftakt. Ein Ort der Irritationen An diesem Berliner Abend ist die Philharmonie ein suggestiver Experimentierort, ein Ort der Erweiterung eingeübter Seh- und Hörgewohnheiten. Ein Ort der Irritationen, die sich, im besten Fall, zur Öffnung der Sinne verwandeln können. Noch bevor etwas zu sehen ist, ertönen aus einem Jenseits hinter einem bunten, fünffarbigen Vorhang die enigmatischen Klänge, die für das Nō charakteristisch sind. Drei Handtrommeln und eine Flöte erzeugen eine geheimnisvolle Atmosphäre, kündigen die stille Öffnung einer anderen Welt an. Ein Fischer findet ein Federgewand Durch ein kleines Tor tritt ein achtköpfiger Männerchor in Kimonos ein, allesamt mit konzentrierten Gesichtern setzen sie sich gleichförmig in den Fersensitz. Ihre Fächer legen sie neben sich. Auch die vier Musiker betreten die Holzbühne, die traditionell karg gehalten ist. Allein die Darstellung einer tiefgrünen Kiefer, die im Shintō-Glauben als heiliger Baum geehrt wird, schmückt die Rückwand. Die Handlung, die sich beim ersten Stück des Abends, „Hagoromo“, entspinnt, ist denkbar einfach: Ein Fischer namens Hakuryō findet an einem Kiefernbogen ein wunderschönes Federgewand. Es gehört einer Tennin, einer himmlischen Tänzerin, die ohne das Gewand nicht in den Himmel zurückkehren kann. Der Fischer weigert sich zunächst, es ihr zurückzugeben, verspricht ihr dann doch das Gewand – unter der Bedingung, dass sie ihm ihren himmlischen Tanz zeigt. Sehnsucht nach Heimkehr Wenn hier die Sphären des Weltlichen und dem Transzendenten, der Fehlbarkeit und der Unschuld miteinander in Kontakt treten, wenn nicht zuletzt die schmerzende Sehnsucht nach Heimkehr thematisch aufgerufen wird, dann weniger mit den Mitteln psychologischer Handlung. Kanze gibt die Tennin, weit entfernt von jedem realismusgetriebenen Darstellungsbestreben. Es sind die langsamen, stilisierten Gebärden, seltene Andeutungen von Gesten, nicht zuletzt die Maske, die der Szene ihre eigene, assoziative Lebendigkeit verleihen. Täuschung ist für Menschen nur Der himmlische Tanz, kein Ausdruck expressiver Virtuosität, sondern ein langsames, formalisiertes Ritual, in dem Andeutungen mehr Evidenz besitzen als das eindeutige Ausspielen. „Täuschung ist für Menschen nur, / dem Himmel ist Falschheit unbekannt“, ist der Satz, mit dem die Tennin ihren Tanz einleitet. Bezieht sich der Satz vordergründig auf das Misstrauen des Fischers, die Tennin könne ihm den Tanz verweigern, sobald sie ihr Gewand zurückerhalten hat, verweist er tiefer liegend doch auf ein Ideal des Nō. Es ist die Distanziertheit gegenüber jeder Gebärde, die sanfte Fremdheit, die eine solche prägnante Wirkung schafft. Manchmal deutet die Tennin mit ihrem Fächer eine Geste an, und man erinnert sich an yūgen, jenes Ideal, in dem sich mit minimalen Gesten subtile, rätselhafte Anmut entfaltet. Zugrunde liegt dem scheinbar Leichten ein System der Lehre und Überlieferung, das bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht. Seit sieben Jahrhunderten werden die kodifizierten Choreographien von Meister an Schüler in einem direkten, imitierenden Lernverhältnis weitergegeben, häufig in familiärer Erbfolge. So werden die Gebärden selbst zu einem körperlichen Archiv, das weit zurückreicht – und auch deshalb wurde das Nō 2001 zum Immateriellen Weltkulturerbe erklärt. Nicht nur die stark reduzierte Ästhetik, auch das starre System der Weitergabe mag an Gewohnheiten rütteln, die künstlerische Freiheit und Individualismus selbstverständlich zusammen denken. Doch vielleicht blitzt an diesem Abend, beim Blick in die undurchdringliche Maske der Tanzenden, auch für den ungeübten Beobachter, kurz die Ahnung auf, dass es nur eine kleine Geste braucht, um im Menschsein berührt zu werden.
