Der SV Darmstadt 98 kann weiterhin nicht gewinnen. Das 1:1 im Auswärtsspiel bei Preußen Münster war die achte Zweitligapartie in Folge ohne Sieg. Das hört sich an wie die Schlussbilanz eines Absteigers, aber die Südhessen sind, man mag es kaum glauben, noch immer Fünfter in der Tabelle. Das klingt ordentlich, und die sieglose Serie wird von Darmstädter Seite auch von Folge zu Folge erstaunlich freundlich und daueroptimistisch kommentiert. Nun also wieder nur 1:1 in Münster. Beim Tabellenletzten. Beim Absteiger, der mehr als eine Stunde lang in Unterzahl spielen musste. Doch von vorn: Es war ein munteres Hin und Her in der ersten Halbzeit. Zwei Tore, ein gehaltener Elfmeter, ein Platzverweis, Chancen hüben und drüben. Preußen Münster, das als Tabellenletzter der Zweiten Liga nur noch eine minimale Chance hatte, auch in der nächsten Saison Fußball zweiter Klasse spielen zu dürfen, ging früh in Führung. Beim 1:0 in der 9. Minute tauchte Shin Yamada frei vor Lilien-Torhüter Marcel Schuhen auf. Darmstadt war in dieser Situation in Unterzahl. Verteidiger Patric Pfeiffer hatte sich zuvor verletzt und den Platz verlassen müssen. Draußen versuchte man, ihn wieder fit zu bekommen. Seine Position vorübergehend zu übernehmen, fiel keinem seiner Mitspieler ein. So konnte Preußen-Kapitän Jorrit Hendrix einen Pass auf seinen japanischen Kollegen spielen, den weder Kai Klefisch noch Matej Maglica verhindern konnten. Schuhen wartete ab, machte sich breit – umsonst: Yamada schoss ihm den Ball durch die Beine. Für Pfeiffer, der nicht weitermachen konnte, kam auf Darmstädter Seite der 20 Jahre alte Amerikaner Grayson Dettoni ins Spiel, eine Darmstädter Leihgabe aus dem Perspektivkader von Bayern München. Der Rückstand machte den Darmstädtern Beine, und auch wenn ihnen der verletzte Fraser Hornby im Angriff fehlte, konnten sie sich doch auf den Torriecher von Isaac Lidberg verlassen. Der Schwede profitierte in der 15. Minute von einem verunglückten Rückpass des Gegners und nutzte das in gewohnt trockener Manier zum Ausgleich. Es war sein 17. Treffer in dieser Zweitligasaison. Danach hatten die Hessen die besseren Chancen, auch Münster hatte zwei, drei gute Szenen. Ein Sieg gegen die ersatzgeschwächten Darmstädter schien nicht ganz außer Reichweite, doch die Hoffnung schwand, als sich Hendrix nach 28 Minuten gegen den Darmstädter Killian Corredor zu einer Grätsche Marke versuchte „Körperverletzung“ hinreißen ließ: ein Anflug mit offener Sohle gegen die Schienbeine des Gegenspielers. Konsequenz: Rote Karte. Da waren es nur noch zehn. Zehn Münsteraner, die versuchen mussten, in Unterzahl zum Sieg zu kommen. Zehn Minuten später das nächste Geschenk für die Darmstädter. Charalambos Makridis, der in der ersten Halbzeit schon den fatalen Rückpass gespielt hatte, der Lidberg zum 1:1 verhalf, trat diesmal über den Ball, wodurch sich Corredor allein Torhüter Schenk gegenübersah. Ein Foul, ein Elfmeter und für Lidberg die Chance, seinem Torkonto den achtzehnten Treffer hinzuzufügen, was ihn zum aktuellen Toptorschützen der Liga befördert hätte. So ein Rangplatz macht sich gut, was den Marktwert betrifft und das Interesse größerer Vereine. Doch Lidberg, der aus dem Spiel heraus ein so kühler und verlässlicher Vollstrecker ist, entschloss sich, den Elfmeter betont lässig anzugehen. Ziel: den Ball Panenka-mäßig in die Mitte schaufeln. Das funktioniert, wenn der Torwart in eine Ecke hechtet. Wenn er aber stehen bleibt, wie jetzt Schenk, der den Ball locker fängt, ist das für den Schützen eine peinliche Szene und immer auch ein schöner Grund für Schadenfreude, wenn ein arroganter Auftritt so kläglich scheitert. Ein Blick nach Düsseldorf kurz nach der Halbzeit ließ auch den letzten Optimisten auf der Stadionbaustelle in Münster erkennen: Alle Hoffnungen waren dahin. Düsseldorf führte 3:0 gegen den Aufstiegskandidaten Elversberg. Das bedeutete für Münster sechs Punkte Rückstand auf die Fortuna – und bei nur noch einem ausstehenden Spiel keine Chance mehr auf den Relegationsplatz. Nun ging es nur noch um das, was auch Darmstadt im oberen Tabellendrittel blieb, nachdem es seine Aufstiegschance zuletzt in Karlsruhe verspielt hatte: die Saison halbwegs versöhnlich zu beenden. Darmstadt dominierte mit gefühlt 95 Prozent Ballbesitz, schaffte es aber nicht, gegen zehn Spieler des Tabellenletzten und Absteigers zu gewinnen. Eine letzte Chance bleibt: das Heimspiel am kommenden Sonntag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Fußball-Bundesliga und bei Sky) am Böllenfalltor gegen den SC Paderborn, der noch um den Aufstieg kämpft. Ein Sieg wäre ein versöhnlicher Abschluss, eine Niederlage hingegen ein endgültiger Anlass, sich kritisch mit dem auseinanderzusetzen, was dieser Mannschaft seit Wochen fehlt.
